Mit offenem Herzen

Libanon-Ausschuss setzt auch in der Pandemie auf Zusammenarbeit

Heimenkirchs Erster Bürgermeister Markus Reichart besuchte syrische Kinder in einem libanesischen Flüchtlingscamp.
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Heimenkirchs Erster Bürgermeister Markus Reichart besuchte syrische Kinder in einem libanesischen Flüchtlingscamp.

Heimenkirch – Seit mehr als einem Jahr beherrscht die Corona-Pandemie die Schlagzeilen und hat viele andere Themen aus den Nachrichten und dem Bewusstsein der Menschen verdrängt.

Infektionsschutz und Ansteckungsgefahr verändern und belasten das Alltagsleben so sehr, dass andere globale Herausforderungen und fremdes Leid kaum noch Aufmerksamkeit finden. Im Westallgäu haben vor etwa vier Jahren acht Gemeinden den Interkommunalen Libanonausschuss Allgäu gegründet. Sie haben sich mit libanesischen Partnergemeinden zusammengeschlossen und arbeiten seitdem gemeinsam an verschiedenen bilateralen Projekten. (Der Kreisbote berichtete.) Markus Reichart, 1. Bürgermeister der Marktgemeinde Heimenkirch, schildert, wie die Zusammenarbeit trotz zahlreicher Hindernisse auch während der Pandemie vorangetrieben wird und sich in extremen Situationen schnelle Hilfe organisieren lässt.

Nachdem im August 2020 im Hafen der Hauptstadt Beirut ein illegales Chemikaliendepot mit enormer Sprengkraft explodiert war und die Katastrophe weite Teile des Hafens und ganze Stadtviertel zerstört hatte, gelang es dem Libanonausschuss Allgäu 40.000 Euro zu sammeln. Neben privaten Spenden flossen kommunale Gelder in die Nothilfe, für jeden ihrer Einwohner steuerten die acht Gemeinden einen Euro bei. Der Verein Orienthelfer sorgte dafür, dass die Hilfsgelder „eins zu eins“ in Feldküchen für die vielen obdachlos gewordenen Beiruter flossen, wie Reichart berichtet. Außerdem erhielt eine Privatklinik finanzielle Unterstützung für die Versorgung der Verwundeten.

Die Folgen der Explosion und der Pandemie haben die tiefe Krise des Libanon, der seit Jahren von staatlicher Misswirtschaft, Korruption und Inflation gebeutelt wird, noch verschärft. Seit Beginn des Bürgerkriegs im benachbarten Syrien hat das Land zudem mehr als 800.000 Geflüchtete aufgenommen. Nach Schätzungen des Flüchtlingshilfswerks der UNO leben im Libanon im Verhältnis zu seiner Einwohnerzahl weltweit die meisten Flüchtlinge.

Ghazzé, die Partnergemeinde von Heimenkirch, liegt nur etwa zehn Kilometer von der syrischen Grenze entfernt und auf der Bekaa-Hochebene im Osten des Landes. Der etwa 6000 Einwohner zählende Ort ist seit Jahren umgeben von Zeltstädten, in denen inzwischen ca. 36.000 Menschen leben. „Das ist eine wahnsinnige Belastung“, sagt Reichart, der die Gegend bereits zweimal besucht hat. Doch obwohl die libanesische Infrastruktur bereits unzureichend und überaltert war, bevor die Bürgerkriegsflüchtlinge kamen, hätten die Einheimischen sie mit offenen Armen“ empfangen. Konflikte bleiben dennoch nicht aus, auf dem zunehmend angespannten Wohnungs- und Arbeitsmarkt der landwirtschaftlich geprägten Region suchen nun auch die syrischen Einwanderer nach einem Auskommen.

Heimenkirch hat es sich deshalb seit 2018 zur Aufgabe gemacht, den Bürgerpark der Stadt aufzuwerten und ihn zu einem Treffpunkt für die unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen zu machen. Nachdem der libanesische Architekt und Projektpartner vor Ort in die USA ausgewandert war, gerieten die Planungsarbeiten ins Stocken und die Pandemiesituation erschwerte „die Kommunikation“ zusätzlich. Doch inzwischen „haben wir die Fäden wieder aufgenommen“, erzählt Reichart. Spätestens 2022 sollen schattenspendende Hütten gebaut, „Spielwiesen zum Kicken“ und ein Teich angelegt werden. Der Erholungsort solle den sozialen Frieden und die gegenseitige Akzeptanz fördern.

Das Engagement „ist in unserem eigenen Interesse“, betont der Bürgermeister. Nachhaltige Unterstützung vor Ort helfe den Einheimischen, die syrischen Flüchtlinge zu unterstützen, so dass diese nicht gezwungen seien, „in Richtung Westen“ weiterzuziehen. „Wir wollen kein Futter für die Rechten.“ Die Syrer im Libanon „sind in der Regel Gegner“ des Assad-Regimes. „Sie wollen zurück in ihre Heimat“, stellt Reichart klar. „Als starke, reiche Nation sind wir hier global gefordert.“

Entscheidend für eine gelungene bilaterale Zusammenarbeit sei, dass nicht „der schlaue Deutsche sagt, wie man‘s macht“. Vielmehr wollen Deutsche und Libanesen „voneinander lernen“, „Sensibilität für andere Kulturen“ entwickeln und „einander zuhören“. Den Allgäuer Bürgermeister hat bei seinen Besuchen in der Bekaa-Ebene besonders „die Offenherzigkeit“ der Menschen berührt. Beeindruckt ist er auch vom „Umgang mit schweren Krisen“, davon, wie die Libanesen unter härtesten Bedingungen ihren Alltag organisieren.

Gemeinsame Ausbildung von deutschen und libanesischen Jugendlichen

Dem interkulturellen Austausch dient auch das zweite langfristige Gemeinschaftsprojekt von Ghazzé und Heimenkirch: Die Ausbildung von libanesischen und deutschen Jugendleitern. In den vergangenen zwei Jahren ist es gelungen, in Zusammenarbeit mit der Jugendausbildungsstätte Babenhausen ein bilaterales „Basisteam“ aus Fachkräften der Jugendarbeit aufzubauen und ein Schulungskonzept zu entwickeln. Im nächsten Schritt werden nun „jugendliche Multiplikatoren mit ins Boot geholt“ und ausgebildet. Reichart hofft, dass die Workshops zukünftig nicht nur im Unterallgäu, sondern, wie ursprünglich geplant, auch im Libanon stattfinden können. Das Projekt soll die Jugendlichen motivieren, sich für Altersgenossen jedweder Herkunft zu engagieren, und so auch die Ehrenamtskultur wiederbeleben, die im Libanon in den Krisenjahren weitgehend verkümmert ist.

Gelingt ein weiteres, kurzfristiges Projekt, liefert Heimenkirch schon bald dringend benötigte Ausrüstung nach Ghazzé. Die Studentin Isabel Weber macht zur Zeit ein Praktikum bei der Marktgemeinde und hat beim Bundesentwicklungsministerium, das die Arbeit des Libanonausschusses auch insgesamt fördert, Hilfsgelder aus dem Corona-Solidarpaket beantragt. Da die überfüllten Krankenhäuser dringend entlastet werden müssen, auch um das Infektionsrisiko nicht noch zu erhöhen, soll die libanesische Partnergemeinde nicht nur einen Krankenwagen bekommen, sondern auch Sauerstoffflaschen, mit denen syrische Patienten in den Camps ambulant beatmet werden können. Die vom Ministerium für die finanzielle Abwicklung gegründete Global GmbH bezuschusst die Nothilfe mit bis zu 50.000 Euro. „Das kommt jetzt ins Laufen“, sagt Weber zuversichtlich.

Antonia Knapp

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