Durch die Brille des Kunden

Lokaler Handel rüstet digital auf

Auf einer Einkaufstasche ist zu lesen click and collect
+
Wenn Online-Handel in Kempten den stationären Handel sinnvoll ergänzen soll, dann braucht es dafür digitale Serviceangebote, die lokal wirken.

Kempten - Neben dem stationären Handel, der für das Überleben der Innenstädte von zentraler Bedeutung ist, muss der Einzelhandel verstärkt auf Digitalisierung setzen.

Die Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie bringen es noch einmal deutlich zum Vorschein.

Dabei bedeutet Digitalisierung nicht zwangsläufig das Einrichten eines kostspieligen Online-Shops, sondern umfasst verschiedene Angebote an Kunden, sich über Produkte zu informieren und diese zu erwerben. Durch den Onlinehandel und das Vordringen von Sozialen Medien in immer mehr Lebensbereiche ändert sich peu à peu das Beziehungsgeflecht zwischen Erzeugern, Lieferanten, Dienstleistern, Händlern und Kunden. Heute gibt es weitaus mehr Absatzkanäle, die vom Einzelhandel bedient werden müssen, um Kunden zu erreichen oder zu gewinnen.

Bei allen Fragestellungen zu neuen digitalen Serviceangeboten im Einzelhandel geht es nicht um ein „entweder oder“ sondern, um ein „sowohl als auch“. Dass Handel auch umgekehrt funktioniert, zeigen immer mehr reine Onlineanbieter, die stationären Handel in den Städten eröffnen wie u.a. MyMüsli, Amazon oder Flyeralarm.

Es war einmal …

„Die digitale Sichtbarkeit ist heute unumgänglich. Wer sich der Digitalisierung komplett verschließt, wird es schwer haben, in der Zukunft zu bestehen“, weiß der Geschäftsstellenleiter des City-Managements Kempten e.V. (CMK) Niklas Ringeisen zu berichten. Einige der Mitglieder des lokalen Einzelhandelverbundes sind digital bereits gut aufgestellt, sei es das Modehaus Reischmann, Büromarkt Staehlin oder Laufsport Saukel. Dabei gehe es nicht immer nur um den viel zitierten Onlineshop, sondern die Bedienung aller digitalen Absatzwege. So treten Einzelhändler u.a. immer öfter über Videochats mit ihren Kunden in Kontakt. Einige richten sich eigens Zeitfenster ein, in denen sie für ihre Kundschaft, z.B. über Skype oder WhatsApp erreichbar sind. Dann werden Kunden über Produkte oder Dienstleistungen informiert und beraten.

Natürlich kann in einem solchen virtuellen Dialog auch gleich eine Kaufentscheidung getroffen werden. Im Anschluss erhält der Kunde die Ware frei Haus geliefert. Voraussetzung für einen solchen Absatzweg ist, dass der Einzelhändler online präsent ist. Eine eigene Website ist hier Grundvoraussetzung. Websites können von Agenturen erstellt werden, der Preis richtet sich nach Seitenzahl und der Wahl zwischen einer statischen oder dynamischen Website. Mit rund 1000 Euro Basispreis ist aber in jedem Fall zu rechnen. Wer es sich zutraut, kann auch selbst zum „Webdesigner“ werden. Vergleichsportale bewerten auf ihren Seiten unterschiedliche Anbieter wie u.a. Wix, Jimdo, IONOS oder SITE123.

Omni-Channel-Konzepte

Wichtig für den interessierten Besucher der Website ist, einen Überblick über das Sortiment des Einzelhändlers zu erhalten. Dazu bedarf es nicht zwangsläufig eines Onlineshops. „Es muss nicht jedes Produkt einzeln abgebildet sein, allerdings sollten die einzelnen Produktsparten z.B. in einem Slider verbildlicht werden. Der Rest kann z.B. im Telefonat oder Videochat mit dem Einzelhändler geklärt werden“, sagt Ringeisen. Er weist zudem darauf hin, dass es ebenso wichtig sei, Social-Media-Kanäle zu bespielen. „Instagram und Facebook sind hier die wichtigsten Plattformen.“

Mit wenig Aufwand kann jeder ein Foto oder Video von einem neuen Produkt in den Social-Media-Kanälen online stellen. Joachim Saukel, Inhaber des Sportfachgeschäfts Laufsport Saukel, bestätigt die Aussagen des CMK: „Ich habe mir einen Onlineshop eingerichtet, stelle aber fest, dass die Videoberatung des Kunden momentan das ‚digitale Zugpferd‘ ist.“ In festgelegten Zeitfenstern kann Saukel oder sein Fachpersonal von Kunden über Videochat erreicht werden. Dann werden nachgefragte Produkte besprochen und in der Kamera gezeigt. Bei Kaufinteresse wird die ausgewählte Ware zum Kunden nach Hause geliefert. Unter dem Begriff „click & collect“ wird seit vergangenem Montag Ähnliches für diejenigen angeboten, deren Geschäfte geschlossen bleiben müssen.

Kunden können sich vorab online oder über Telefon über Produkte informieren lassen, die ausgewählte Ware bestellen und diese an einem Schalter im Eingangsbreich des Geschäftes selbst abholen. Hierfür wird mit dem Verkäufer ein festes Zeitfenster ausgemacht. Beim Abholen der Ware müssen Mitarbeiter, Kunden und Begleiter eine FFP2- Maske tragen. In diesem Zusammenhang muss erwähnt werden, dass es dem Wunsch vieler Einzelhändler entspricht, dass auch bei Fahrern von Lieferdiensten und Paketzustellern die selben Hygienevorschriften gelten müssen. „Wir brauchen an dieser Stelle eine absolute Gleichbehandlung“, betont Ringeisen.

Diese Möglichkeit, in Zeiten des Lockdowns etwas zu verkaufen, nutzt auch Christoph Schöll, Inhaber der Erlebnis-Buchhandlung didactus in der Gerberstraße. Schöll bewertet die Aktion „click & collect“ nicht zuletzt auch aus klima- und umwelttechnischen Gründen als sinnvolle Sache. „Bisher habe ich bestellte Ware selbst ausgefahren, jetzt können meine Kunden, die ohnehin in Kempten sind, die Ware direkt abholen. Das spart unnötige Fahrten.“ Trotzdem bietet Schöll auch weiterhin seinen Lieferservice an, den er im ersten Lockdown etabliert hat.

Lokal statt global – #kemptenverbindet

Damit der inhabergeführte Einzelhandel im Netz sichtbar wird, hat Katrin Müller-Bentrop, frühere Geschäftstellenleiterin des City-Management, eine digitale Plattform geschaffen, auf der sich der Kemptener Einzelhandel geschlossen abbilden kann. #kemptenverbindet versucht ganz gezielt, ein regional wirksames Pendant zu Weltmarktführern wie Amazon zu bilden. „Wenn jemand einen bestimmten Schuh kaufen möchte, geht er online auf unser Portal „#kemptenverbindet“ und gibt im Suchfeld das Produkt ein. Dann wird angezeigt, in welchen Kemptener Geschäften dieses Produkt erhältlich ist.

Im nächsten Schritt kann der Kaufinteressierte dann zum Onlineshop seines ausgesuchten Anbieters gelangen und dort den Schuh kaufen, erklärt Müller-Bentrop die Funktion von #kemptenverbindet. „Der Vorteil regionaler Onlineplattformen gegenüber Suchdiensten wie Google ist, dass man tatsächlich nur bei lokalen Anbietern landet und eben nicht bei Amazon“, sagt Betreiberin Müller-Bentrop. Einer der ersten, der seinen Onlineshop mit #kemptenverbindet verlinkt hat, ist Paul Prestel, einer der beiden Geschäftsführer von Schellheimer.Bio.

Die beiden Entrepreneurs etzen voll auf Digitales. Im Onlineshop können ihre Kunden Biolebensmittel bestellen, die allgäuweit in Bio-Boxen zum Kunden gebracht werden. Die Geschäftsidee entwickelte sich während des ersten Lockdowns im Frühjahr 2020. Für die Abnehmer von frischen Biolebensmitteln war die Gärtnerei tabu und so regte sich in den Jungunternehmern die Überzeugung: „Ihr könnt nicht zu uns, daher kommen wir zu euch.“ Bei der Etablierung ihres Handelsunternehmes setzten die beiden fortan auf neue, digital unterstützte Absatzwege. Onlineshop, Präsenz bei #kemptenverbindet, das Bespielen von Social-Media-Kanälen wie Instagram und Facebook, ein YouTube-Video, klug geschaltete Werbung wie die neben Geldautomaten der Raiffeisenbank, halfen Schellheimer.Bio., schnell bekannt zu werden. Allerdings wünscht man sich auch beim Biohändler Zeiten zurück, in denen ein unmittelbarer Kontakt mit den Kunden möglich war.

Bewährtes muss bleiben

Allen Akteuren ist wichtig, dass das Online-Geschäft nicht nur den marktbeherrschenden Giganten wie Amazon, Alibaba oder Zalando überlassen wird. Schließlich generiere der lokale Einzelhandel wesentlich mehr Steuern, als es internationale Konzerne tun. Trotz zunehmender Aufgeschlossenheit gegenüber Digitalisierung ist es Vertretern des Einzelhandels wichtig zu betonen, dass die kompetente, individuelle Beratung des Kunden im stationären Handel nach wie vor das USP, das Alleinstellungsmerkmal, ist.

So sagt Peter Miller, Geschäftsführer von Die Raumbeleuchter aus der Gerberstraße: „ Unsere Stärke als inhabergeführter Einzelhandel können wir nur am Point of Sale in vollem Umfang ausspielen. Natürlich können wir diese Kompetenz auch am Telefon oder über Videochats zeigen, aber nichts von dem ersetzt den persönlichen Kontakt vor Ort. Schließlich tragen wir alle mit unseren Geschäften für ein liebenswertes und lebendiges Kempten bei.“

Jörg Spielberg

Auch interessant

Mehr zum Thema:

Meistgelesene Artikel

Wie könnte das Lauben der Zukunft aussehen? - Studierende erarbeiten Ideen für mögliche Ortsentwicklung
Wie könnte das Lauben der Zukunft aussehen? - Studierende erarbeiten Ideen für mögliche Ortsentwicklung
»Das Hilde feiert eine starke Frau«
»Das Hilde feiert eine starke Frau«
Corona-Ticker Kempten: Inzidenzwerte schwanken weiterhin
Corona-Ticker Kempten: Inzidenzwerte schwanken weiterhin
Indra Baier-Müller will Landrätin im Oberallgäu werden
Indra Baier-Müller will Landrätin im Oberallgäu werden

Kommentare