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2020 in Schwaben Süd/West mehr Sexual- und Internetkriminalität, weniger Einbrüche

In der vergangenen Woche stellte das Polizeipräsidium Schwaben Süd/West seine Kriminalstatistik für 2020 vor. Grobes Fazit – Hohe Aufklärungsquote, mehr Gewalttaten und Internetkriminalität, weniger Einbrüche.
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In der vergangenen Woche stellte das Polizeipräsidium Schwaben Süd/West seine Kriminalstatistik für 2020 vor. Grobes Fazit – Hohe Aufklärungsquote, mehr Gewalttaten und Internetkriminalität, weniger Einbrüche.

Kempten – Mit Spannung erwarten die Bürger in jedem Frühjahr die Ergebnisse der aktuellen polizeilichen Kriminalstatistik für das Vorjahr.

In diesem Jahr war coronabedingt keine Pressekonferenz in Präsenz möglich, so wurde den Pressevertretern die entsprechenden Informationen digital zur Verfügung gestellt.

Zudem übermittelten die neue Polizeipräsidentin Dr. Claudia Strößner und der Leitende Kriminaldirektor Michael Haber ein Grußwort und ein allgemeines Resümee in einer Videobotschaft. Grundsätzlich zeigen sich die Verantwortlichen zufrieden mit der Kriminalstatistik 2020.

Weniger Straftaten auch dank Bevölkerung

Das Polizeipräsidium Schwaben Süd/West registrierte 39.636 Straftaten, das bedeutet einen leichten Anstieg um 2,2 Prozent. Trotzdem stellt dieser Wert den zweitniedrigsten Stand seit Gründung des Polizeipräsidiums im Jahr 2008 dar. So resümiert Polizeipräsidentin Strößner: „Die Sicherheitslage in unserer Region ist nach wie vor sehr gut. Garant hierfür ist nicht nur die professionelle und engagierte Arbeit aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Polizeipräsidiums, sondern auch die stete Unterstützung der Bevölkerung, die unsere Arbeit durch Hinweise erleichtert.“

Gradmesser für den Bürger, wie sicher er sich seiner Region fühlen darf, sind zum einen die Häufigkeitszahl und die Aufklärungsquote. Die Häufigkeitszahl errechnet sich aus der Zahl der erfassten Straftaten pro 100.000 Einwohner. Diese Zahl erhöhte sich in Schwaben Süd/West marginal um 1,6 Prozent, lag aber unbereinigt mit 4.026 deutlich unter dem Durchschnitt Bayerns mit 4.825 (i.V. Berlin 14.086 in 2019). Die Aufklärungsquote, die die Ermittlungserfolge der Polizei spiegelt, lag im Jahr 2020 bei 74 Prozent. D.h. Dreiviertel aller erfassten Straftaten konnten im Zuständigkeitsgebiet des PP Schwaben Süd/West aufgeklärt werden – ein Spitzenwert, sowohl im Bundesvergleich mit 57,5 Prozent in 2019 als auch auf Landesebene mit 68,1 Prozent in 2019 (i.V. Berlin 44,7 Prozent in 2019).

In 2020 konnten 22.981 Personen als Tatverdächtige ermittelt werden. Fast 90 Prozent der Tatverdächtigen sind Erwachsene über 18 Jahre. 41,3 Prozent sind Nichtdeutsche (alle Ausländer inkl. Zuwanderer). Bereinigt um die ausländerrechtlichen Verstöße (alle Verstöße, die nur von Nichtinländern begannen werden können) sind 31,8 Prozent aller Tatverdächtigen Nichtdeutsche (Bevölkerungsanteil 13,6 Prozent). Weiterhin spielt Alkohol bei der Tatausführung eine Rolle, wenngleich hier langfristig eine rückläufige Entwicklung erkennbar ist. 12,5 Prozent der Tatverdächtigen waren bei der Tatausführung alkoholisiert. Wie in den Jahren zuvor ein ähnlicher Wert bei der Geschlechterverteilung: Dreiviertel der Tatverdächtigen sind Männer.

Bei fast 40 Prozent der Taten im Bereich häuslicher Gewalt sind Kinder anwesend

Der Leitende Kriminaldirektor Michael Haber erläuterte dezidiert die Deliktsbereiche Gewaltkriminalität (Mord, Totschlag, Vergewaltigung, Raub, schwere und gefährliche Körperverletzung), ­Sexualdelikte, Internetkriminalität und Häusliche Gewalt. Bei der Gewaltkriminalität musste für 2020 eine Zunahme von zehn Prozent festgestellt werden, ein Trend, der sich bayernweit abzeichnet. Der Anteil der Gewaltkriminalität ist mit 3,7 Prozent an der Gesamtkriminalität allerdings gering. Zu 25 Prozent waren Jugendliche und Heranwachsende überproportional beteiligt.

Neun von zehn Straftaten konnten aufgeklärt werden. Bei der Häuslichen Gewalt kann für 2020 auch keine Trendumkehr erkannt werden. Die Anzahl der angezeigten Fälle von körperlicher, sexueller oder emotionaler Gewalt stieg in den letzten Jahren um 50 Prozent auf aktuell 1.576 Straftaten. Konstant fallen die folgenden Muster ins Gewicht: 80 Prozent männliche Täter, 30 Prozent der Täter waren alkoholisiert, Anteil nichtdeutscher Täter mit 40 Prozent überproportional hoch. Besonders traurig, bei fast 40 Prozent der Taten im Bereich der häuslichen Gewalt sind Kinder anwesend.

Stark zugenommen haben die „Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung“. Dazu zählen die Verbreitung von pornografischen Schriften, der ­sexuelle Missbrauch von Kindern und Vergewaltigung. Der Anstieg der ­registrierten Straftaten um 263 Fälle hat mit der zunehmenden Nutzung des Internets, der sozialen Medien und Messengerdiensten zu tun. „Das Tatmittel Internet nimmt zu und das Alter der Tatverdächtigen nimmt stetig ab“, so das Fazit des PP Schwaben Süd/West.

Michael Haber kommt zu der Einschätzung: „Neben pädophilen Netzwerken spielt vor allem ein zu unreflektierter Umgang mit dem Smartphone unter Jugendlichen eine große Rolle.“

Auch bei anderen Straftaten wie dem Waren- oder Warenkreditbetrug (454 Fälle, +13,8 Prozent) nehmen bedingt durch das Tatmittel Internet die Fallzahlen kontinuierlich zu (Internetkriminalität 2020: 1.189 Fälle, + 18,3 Prozent). In der Statistik werden nur Taten abgebildet, die im Bereich des PP Schwaben Süd/West verübt wurden. Da viele Taten vom Ausland initiiert werden, dürfte die tatsächliche Fallzahl wesentlich höher liegen.

Schwere Zeiten für Einbrecher

Erfolge konnte das PP Schwaben Süd/West bei der Rauschgift- und Einbruchkriminalität verzeichnen. Durch intensive Kontrolltätigkeit konnten im Bereich Rauschgift 3.599 Delikte erfasst werden, 0,6 Prozent mehr als zum Vorjahr. Den größten Anteil der Betäubungsmittelaufgriffe bildeten Cannabisprodukte (47,7Prozent), gefolgt von Amphetaminen (10,4 Prozent) und Kokain, Heroin und Crack (4,8 Prozent). 14 Rauschgifttodesfälle wurden 2020 registriert, neun weniger als 2019. Signifikant fiel die Zahlen der Einbrüche, von 2.793 in 2019 auf 2.290 in 2020. Im Bereich der Wohnungseinbrüche gingen die Zahlen von 273 Fälle in 2019 auf 208 Fälle in 2020 zurück. Seit 2016 bedeutet dies ein Rückgang um 58,7 Prozent. Allerdings herrschten für Einbrecher im vergangenen Jahr bedingt durch Homeoffice und Kurzarbeit und pandemiebedingte Grenzkontrollen verschlechterte „Arbeitsbedingungen“. „Es bestand ein viel höheres Entdeckungsrisiko für Einbrecher“, so der Leitetende Kriminaldirektor.

Vorsicht, wenn vermeintlich die Polizei anruft!

Seit einigen Jahren legt das PP Schwaben Süd/West einen besonderen Schwerpunkt seiner Arbeit auf den Bereich Callcenterbetrug und „Flasche Polizisten“. Beim Callcenterbetrug tätigen organisierte Banden vorwiegend vom Ausland aus Anrufe bei potentiellen Betrugsopfern. Unter Vortäuschung unterschiedlicher Sachverhalte wird versucht, Geld und Wertgegenstände zu entlocken. Über 1.700 registrierte Fälle, 47 erfolgreiche Taten und ein Beuteschaden von insgesamt 610.000 Euro in 2020. „Die Zahlen bewegen sich auf hohem Niveau, nehmen aber nicht mehr zu“, so die Aussage des PP. Bei den „Falschen Polizeibeamten“ wurden im vergangenen Jahr 1.354 Fälle zur Anzeige gebracht. Die Fälle steigen seit 2017 rasant an und der Beuteschaden betrug 2020 400.000 Euro. Deshalb die eindringliche Mahnung von Polizeipräsidentin Claudia Strößner: „Die Polizei selbst ruft niemals unter der Telefonnummer 110 an. Seien Sie in einem gesunden Maße misstrauisch und sensibilisieren Sie auch Ihr Umfeld“, mahnte die Polizeipräsidentin.

Auf Nachfrage bestätigt Holger Stabik von der Pressestelle: „Der Professionalisierungsgrad der Täter ist sehr hoch. Niemand spricht gebrochenes Deutsch, die Opfer werden vorab mit geringen monetären Einsätzen getriggert, die entsprechenden Internetseiten wirken ansprechend und seriös, die Opfer erhalten Täuschungsanrufe von Dritten wie z.B. dem eigenen Autohaus, es werden gezielt Namen aus alten Telefonbüchern gewählt, die auf ein höheres Alter schließen lassen und bei Anrufen aus dem Ausland erscheinen deutsche Nummern im Display.“ U.a. auf der Internetseite des BKA finden sich Präventions- und Vermeidungstipps zur Internetkriminalität.

Jörg Spielberg

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