Kempten Museum diskutiert am Bewegten Donnerstag über Öffentliche Stadträume

Planen mit Erkenntnissen aus der Hirnforschung gegen "tote" Plätze

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Diskutierten angeregt über die Potentiale öffentlicher Stadträume: (v.l.) Stadtplaner Matthias Rothdach, Moderator Franz G. Schröck (Geschäftsführer Architekturforum Allgäu) und Kemptens Baureferent Tim Koemstedt.

Kempten – „Für Planende sind öffentliche Räume eine Basisaufgabe. Für öffentliche Dienststellen sind sie Teil des Alltagsgeschäfts.

Für uns alle aber ist die Gestaltqualität öffentlicher Räume in einer Gesellschaft, die sich immer weiter individualisiert, entscheidend dafür, ob wir uns in der gebauten Umwelt wohl fühlen oder nicht.

Der Baukulturbericht 2020/21 „Öffentliche Räume“ befasst sich schwerpunktmäßig mit der Bedeutung und den Potentialen dieser Räume.“ So lautet der Teaser zum 168 Seiten starken pdf, das die Baukultur Bundesstiftung zum Download auf ihrer Website vorhält. Unter dem Titel „Außen-Perspektive – Öffentliche Stadträume“ kreiste auch der „Bewegte Donnerstag“ im Kempten Museum um öffentliche Räume; das Podium besetzt mit dem eben in seinem Amt bestätigten Baureferenten der Stadt Kempten Tim Koemstedt, dem Landsberger Stadtplaner und Stadtraum-Psychologen Matthias Rothdach und Moderator Franz Schröck, Geschäftsführer Architekturforum Allgäu.

In seinem Impulsvortrag wies Schröck auf die Wechselbeziehung zwischen öffentlichem und privatem Raum hin. Wie er anhand verschiedener „funktionierender“ – in der Regel Plätze, die durch geschlossene Häuserfronten gebildet wurden – und „nicht-funktionierender“ öffentlicher Plätze in Kempten aufzeigte, gibt es Merkmale, die auf die Menschen einladend wirken und andere, die eher das Gegenteil bewirken. Beispielsweise am St. Mangplatz sei sichtbar, dass trotz der Vielfalt an Architektur eine Homogenität vorhanden sei. Die gehe heutzutage leider oftmals ab, bedauert er, da Jeder nur noch sein Gebäude betrachte. Im Gegensatz dazu habe sich früher „Jeder als Teil eines großen Ganzen gesehen“. Zudem seien es nicht nur die horizontalen Flächen, die den öffentlichen Raum begrenzen, sondern „auch der Boden“, sprich die Topographie. Diese werde heute eher angepasst als in ihrem natürlichen Verlauf geschätzt. Eine Rolle spielt ihm zufolge zudem nicht nur die Optik, sondern ebenso der Klang/ die Geräusche, oder wie die Wirkung des Platzes bei Nacht ist. Im Zuge der anstehenden Umnutzung der Allgäuhalle hofft Schröck, dass auch der (Park-) Platz aufgewertet wird. „Unbehagen“ löse wohl bei den meisten Menschen der Blick auf die Ränder unserer Städte aus, die ins Land wuchern und oft genug mit den Nachbargemeinden zusammenwachsen; vernachlässigte Räume, in denen man einfach „Gewerbeeinheit an Gewerbeeinheit aneinandergereiht“ habe und Einfamilienhaus an Einfamilienhaus, während man dem sozialen, dem öffentlichen Raum „keinerlei Beachtung mehr geschenkt“ habe. Dennoch sah er darin auch ein „großes Potential“ für Nachbesserungen, denn „wenn der öffentliche Raum qualitätsvoll ist, dann ist das auch ein Stück Lebensqualität“.

Koemstedt unterstrich, dass öffentliche Räume „für die Entwicklung einer Stadt eine wahnsinnig wichtige Funktion haben“, da sich darin die gesamte Stadtgesellschaft bewege. Nicht groß verändert hat sich ihm zufolge die Funktion der Marktplätze als Versammlungsstätten, Treffpunkte und Handelsplätze, die heute aber durch Gastronomie, Freizeitstätten und Aufenthaltsqualität ergänzt würden. Neben vielen Beispielen, wo es in Kempten gelungen sei, diese Räume tatsächlich zu Anziehungspunkten zu machen, gebe es natürlich auch „tote Räume“, die „sehr schwer zu reparieren“ seien. Als Beispiel nannte er den Platz am Thingers-Treff, der „nicht besonders gefasst“ sei und wo man sich mangels Umfriedung auch nicht wohlfühle.

Preisgekrönt ist die „Reparatur“ der Memminger Innenstadt, die Rothdach, seinerzeit der Projektleiter der Stadt, erläuterte. Aus einer Innenstadt, in der kaum mehr jemand wohnen wollte, mit Leerständen in jedem zweiten Haus und kaum attraktiven gastronomischen Angeboten wurde eine wieder begehrte Wohn- und Einkaufsgegend mit Aufenthaltsqualität, in der sich die ursprünglich 500 Außensitzplätze innerhalb von fünf Jahren verdreifacht haben. Gerade nach Corona sei der Wunsch rauszugehen groß gewesen, denn diese Art der „Selbstreflexion“, wie man von der Gesellschaft wahrgenommen werde, sei ein „Urdrang“ des Menschen. „Der Mensch sucht den Mensch“ und er sei bedarfs-, nicht angebotsorientiert, sagt Rothdach. Bei seinen Planungen stützt er sich gerne auf Erkenntnisse aus der Hirnforschung. Dabei interessieren ihn vor allem die unbewussten Steuerungsvorgänge, die das Gehirn mit „zehn Billionen Rechenoperationen pro Sekunde“ absolviert; zum Beispiel bei der Entscheidung, welchen Weg ich zum Überqueren eines Platzes wähle, denn der „Mensch ist ein Energiespartyp“ und wähle immer die am wenigsten anstrengende Strecke. So spiele neben der Topographie unter anderem auch der Sicherheitsaspekt eine „elementare“ Rolle, der immer eine Fluchtmöglichkeit erkennen lassen sollte. Für eine gelungene Platzgestaltung gebe es „100 Parameter, die man bearbeiten kann“.

Dass gerade die Gastronomie in der Innenstadt eine „Magnetfunktion“ hat und die Monotonie von Läden und Büros auflockert, bestätigte auch Koemstedt. Ihm ist aber auch daran gelegen, Raum „ohne Konsumzwang“ anzubieten. Insgesamt seien die „multifunktionalen Nutzungsanforderungen an öffentliche Plätze heute enorm hoch“, sprach er die nicht mehr funktionierende Nutzungsmischung von Mensch und Verkehr an. Dabei müsse Mobilität für den ÖPNV ebenso funktionieren wie für den PKW-Verkehr, da „wir im ländlichen Raum sind“, wo eine ÖPNV-Taktung nie so funktionieren werde, dass man auf einen privaten PKW verzichten könne. Im Mobilitätskonzept (Moko) seien zwar die Leitziele definiert, aber es zeige auch die Zielkonflikte, die nicht als „schlechte Kompromisse“ gelöst werden dürften, sondern in „gleichberechtigter Aufteilung“. Es sei zum Beispiel wenig hilfreich Parkhäuser so dezentral zu errichten, dass die Menschen nicht mehr bereit seien, ihre Einkäufe dorthin zu tragen. Da in der „Mittelstadt“ Kempten vieles noch fußläufig sei, sieht er unter anderem für den ÖPNV eine „große Herausforderung“. Auch die Finanzierbarkeit setze Grenzen des Leistbaren.

„Neben den formellen Plätzen“ muss es aus Sicht Rothdachs Räume geben, in denen nicht alles planerisch erfasst ist. „Ich möchte in der Gesellschaft nicht den Anderen verdrängen“, sieht er die Zukunft in einem Miteinander aller Verkehrsteilnehmer ohne „Konfrontationsdenke“.

Unzufrieden zeigte sich ein Zuhörer in der offenen Fragerunde darüber, dass zwar bei vielen Projekten Bürgerbeteiligungen durchgeführt werden, aber die Bürgerwünsche nur wenig Berücksichtigung finden. Koemstedt begründete dies mit oftmals funktionalen und zwingenden Vorgaben, die umgesetzt werden müssten. Auch sei es „falsches Verständnis“, dass Bürgervorschläge 1:1 umgesetzt werden. Es gehe am Ende immer um Abwägung und nicht um Mehrheitsentscheidungen. Dabei sei es eine „Kernaufgabe in der Stadtplanung“ zu transportieren, dass es keine Farce-Veranstaltungen seien. Bürgerbeteiligungen „werden den Dingen oft nicht gerecht“, erachtete Rothdach sie dennoch als sinnvoll, denn als Planer könne man viele Belange von Betroffenen sonst nicht wissen.

Betroffenheit äußerte ein anderer Zuhörer über die zahlreichen Schottergärten; Schrebergärten würde er gerne als öffentliche Flächen sehen oder zur Wohnbebauung freigeben. Um Schottergärten abzuschaffen sei eine Satzungsänderung erforderlich, antwortete Koemstedt, der sich eine Stadtgesellschaft wünschte, die sich an der eigenen Nase fasse. Auch über Mähroboter, die jeden zweiten Tag für einen „englischen Rasen sorgen“, wo nichts mehr wachse, äußerte er sich kritisch. Schrebergärten seien nicht erst seit Corona wieder absolut in und das inzwischen bei vor allem unter 20-Jährigen. Zudem hätten auch Menschen, die in „verdichteten Wohnräumen“ wie Hochhäusern leben, „Bedürfnis nach Grünfläche“.

Erstmals seit dem Lockdown im März konnte das Kulturamt wieder zum Bewegten Donnerstag ins Dachgeschoss des Stadtmuseums einladen, allerdings nur maximal 15 Personen. Parallel konnte die Veranstaltung auf der facebook-Seite von „Kempten-Kultur“ verfolgt werden, wo sie unter https://de-de.facebook. com/kemptenkultur/ noch komplett nachzuhören/-schauen ist. Der nächste Bewegte Donnerstag, am 3. September, 19 Uhr, mit dem Münchner Historiker Dr. Gerhard Hölzle zu Bernhard Stirnweiß (1885-1951, Kemptener Stadtkämmerer und Oberbürgermeister) soll laut Museumsleiterin Dr. Christine Müller Horn, wie seit März, via ZOOM gestreamt werden, so dass sich wieder mehr Leute als diesmal an der Diskussion beteiligen können. Im Oktober findet die Architektur mit „Innen-Ansichten“ eine Fortsetzung.

Christine Tröger

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