Gegen das Vergessen

Dr. Gerhard Hölzle gibt beim "Bewegten Donnerstag" tiefe Einblicke in das "Vorkommnis" Bernhard Stirnweiß

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Der Historiker Dr. Gerhard Hölzle vor dem Portrait von Bernhard Stirnweiß, den er u.a. in seinem Vortrag dem unverdienten Vergessen entrissen hat.

Kempten – „Das Beamtendasein von Bernhard Stirnweiß wäre eigentlich völlig unspektakulär, würden sich hinter dem unspektakulären Lebenslauf nicht verschiedene Ereignisse von verschieden großer Tragweite verbergen.“ Beleuchtet hat das Leben des von den Nationalsozialisten (NS) drangsalierten Kemptener Spitzenbeamten und nach Kriegsende für einige Monate Oberbürgermeisters der Stadt beim „Bewegten Donnerstag“ vergangene Woche der Historiker Dr. Gerhard Hölzle.

Der ebenso wichtige politische wie gesellschaftliche Kontext dieser Zeit, zeigte eine letztendlich von Missgunst und Neid getriebene Geschichte, aber auch eine von Diplomatie, Haltung und Mut. Damit haben Kulturamt und Heimatverein einmal mehr die Kemptener NS-Zeit in den Fokus gerückt.

Hölzle hatte den in Erlangen geborenen Stirnweiß (1885 - 1951) bereits 2019 mit einem Aufsatz im „Allgäuer Geschichtsfreund“ (Nummer 119) dem Vergessen entrissen und nun auch im Vortrag eine „gewisse Sensibilität“ dafür geschaffen, wie man sich in dieser Zeit verhalten konnte, wie Markus Naumann, Vorsitzender des Heimatvereins, anmerkte. So habe sich Stirnweiß einerseits anfänglich ein bisschen darauf eingelassen; er habe andererseits Abstand gehalten und „teilweise sogar couragiert Widerspruch eingelegt“.

Wer also war dieser Mann, dem der „Skandal“ zum Verhängnis wurde, dass seine Frau unschicklicherweise noch 1935 in dem jüdischen Kaufhaus Wohlwert einkaufte?

„Die Leiden des Bernhard Stirnweiß beginnen allerdings 1933“, mit den Boykotts gegen jüdische Warenhäuser. Man sei der Ansicht gewesen, so Hölzle weiter, in jüdischem Besitz befindliche Kaufhausketten würden „einem aufstrebenden Reich die Kraft rauben“. Trotz fehlender gesetzlicher Grundlagen sollten unter anderen Beamte gezwungen werden, nicht mehr „beim Juden“ einzukaufen, da „deutsch-nationaler Konsumisums“ gewünscht war, der nur „linientreuen Ariern zugute kommen sollte“. So seien am 31. März und 1. April SA-Leute vor jüdischen Geschäften postiert worden, um Passanten am Betreten der Geschäfte zu hindern, auch vor Wohlwert, das zumindest ursprünglich gar nicht jüdisch gewesen sei.

Aber für die NSDAP sei Wohlwert wie alle anderen Kaufhäuser „undifferenziert“ und grundsätzlich unter jüdischer Leitung gestanden und deshalb „von allen anständigen Deutschen zu meiden“. Das Warenhaus zu einer in jedem Fall jüdischen Firma zu stigmatisieren, sei von den NS „zur Staatsdoktrin“ erhoben worden und diese „Lüge war wirkmächtiger als die Wahrheit“, erklärte der Historiker.

Vor Geschäften, die nicht freiwillig geschlossen hätten, patrouillierten SA-Posten mit Plakaten, auf denen Sprüche standen wie „Keinen Pfennig dem Juden“ (vor dem Schuhhaus Kohn). Zudem habe das Allgäuer Tagblatt nach dem Februar 1933 keine Werbeanzeigen von Wohlwert mehr veröffentlicht. Kemptens Oberbürgermeister Dr. Otto Merkt habe seiner Stadtverwaltung am 12. April „kluge Zurückhaltung“ beim Kauf in jüdischen Geschäften empfohlen, was Stirnweiß per Unterschrift zur Kenntnis genommen habe, wie auch das „gleichgeschaltete Beamtentum“ inklusive des sogenannten Arierparagraphen, wonach nur Arier Beamte sein können. Hölzle vermutete, dass Stirnweiß, der eine Familie zu ernähren hatte, seine Unterschriften rein als „arbeitsplatzsichernd“ gesehen habe. Seine Vereidigung gegenüber der Person Hitlers habe Stirnweiß zwar „zum Beamten unter dem Nationalsozialismus“ gemacht, „zum nationalsozialistischen Beamten“ habe ihm aber die NSDAP-Zugehörigkeit gefehlt, ein „karriereförderndes Treibmittel“, dem er bis zum Untergang des Dritten Reiches widerstanden habe.

Das „Vorkommnis“ Stirnweiß

1935 habe der Kreisleiter Anton Brändle in Gegenwart von Merkt ein Dienststrafverfahren sowie die vorläufige Dienstenthebung gegen Stirnweiß beantragt, da dessen Frau bei Wohlwert einkaufe und er, Stirnweiß, vor dem Geschäft auf sie gewartet habe. Die Erklärung, Frau Stirnweiß habe die dortige Angestellte Wölfle mit der Beauftragung von Handarbeiten finanziell unterstützen wollen, half nicht. Obwohl Stirnweiß – nicht ohne Verweis auf seine sonst tadelfreie lange Dienstzeit – falsches Handeln einräumte, leitete Merkt Brändles Antrag an die Regierung und suspendierte Stirnweiß vorläufig. Es war der Beginn eines langen Nerven- und Papierkriegs. Laut Hölzle hätte Merkt das „Vorkommnis“ Stirnweiß, wie er es bezeichnete, gerne „als interne Schadensregulierung der Stadtverwaltung aus der Welt geschafft“. Stattdessen habe der Kreisleiter die Gelegenheit genutzt „ins Rathaus hinein zu regieren“ und den Dienstweg eingeschlagen.

Einen weiteren Gegner hatte Stirnweiß in dem Hauptschriftleiter des Allgäuer Tagblatts Fritz Brand, der in der „gleichgeschalteten Zeitung“ am 23. August 1935 unter dem Titel „Beamte als Judenknechte“ einen von Brändle verfassten Artikel veröffentlichte, eine „scharfe Warnung an die Beamten“. Explizit sei Finanzoberinspektor Stirnweiß, der sofort suspendiert worden sei, an den Pranger gestellt worden – „eine Lüge“, da das Verfahren schwebend gewesen sei, erinnerte Hölzle.

Am 25. August schließlich habe Stirnweiß den Entschluss gefasst, dem Kesseltreiben gegen sich nicht länger tatenlos zuzusehen, und unter Nennung des Kreisleiters als treibende Kraft bei der Regierung von Schwaben sowie Neuburg Einspruch gegen seine Dienstenthebung eingelegt. Merkt habe sich „nicht voll und ganz vor seinen Oberfinanzinspektor“ gestellt, sei aber von der Gauleitung angewiesen worden, die vorläufige Dienstenthebung rückgängig zu machen und das „verwerfliche Handeln“ des Herrn Stirnweiß in eigener Zuständigkeit weiter zu verfolgen.

Für Stirnweiß seien es „schwere Wochen gewesen“, so Hölzle: ein ihm feindlich gesinnter Kreisleiter, Merkt stand nicht vor ihm und die Zeitung warf ihm vor, den Kemptener Geschäftsleuten bei wirtschaftlichen Schwierigkeiten besonders Stundungen verweigert zu haben. Stirnweiß forderte daraufhin Beweise von Brändle und strebte darüber hinaus ein Disziplinarverfahren gegen sich an, was insofern Wirkung gezeigt habe, als die Dienstenthebung bis zur Entscheidung des Oberbürgermeisters ausgesetzt worden sei.

Stirnweiß habe den Mut gehabt, Warnungen vor dem Einkauf im vermeintlich jüdischen Warenhaus zu ignorieren, und habe den Nationalsozialisten nicht den Gefallen getan, Wohlwert zum Schutz des alteingesessenen Groß- und Einzelhandels zu verdrängen, sagte Hölzle anerkennend.

Am Ende habe Stirnweiß für das Erregen „schweren öffentlichen Ärgernisses“ durch den Einkauf bei Wohlwert ein Monatsgehalt Strafe bezahlen müssen. Die Auffassung Merkts: „Ein Beamter, der im Jahre 1935 noch beim Juden kauft, muss in den Augen der vaterländisch gesinnten Volksgenossen an Achtung verlieren“.

Da der Ordnungsstrafbescheid jeder gesetzlichen Grundlage entbehrt habe, sei offenbar, „dass schon 1935 die NSDAP im Verein mit der gleichgeschalteten Presse den Einparteienstaat im Wesentlichen regierte und es im Großen und Ganzen geschafft hatte, im Deutschen Reich eine Parteijustiz zu installieren, die sich gewachsener Strukturen bedienen konnte“, bilanzierte Hölzle; wie an Stirnweiß sichtbar, habe die NSDAP 1935 aber noch keine „geschlossene Volksgemeinschaft“ geschafft. Ein interessantes Detail: Laut Stirnweiß hätten weite Teile der Kemptener ebenfalls im Warenhaus eingekauft und viele Einzelhändler hätten es, vor allem im Lebensmittelbereich, auch beliefert.

Ruhe gab Brändle aber noch längst nicht. Auf sein Betreiben verfasste die Kemptener Geschäftswelt eine Beschwerde gegen das seit 1931 ansässige Einheitspreisgeschäft Wohlwert, das unter anderem durch geschickte Rabattierung und Abnahme großer Mengen billiger anbieten konnte als die anderen Händler. Diese unterstellten deshalb minderwertige „Ramschware“, was Hölzle zufolge nicht der Wahrheit entsprach. Vielmehr habe neben der Qualität die neue „amerikanische Art des Einkaufens“ fasziniert, unter anderem mit dezenter Hintergrundmusik und der zwanglosen Selbstbedienung an der offen ausgelegten Ware.

Von der alteingesessenen Konkurrenz, die kein Verständnis für die Untätigkeit Merkts hatten, wurde Wohlwert unter anderem als „eine Eiterbeule am Wirtschaftskörper“ beschimpft. „Hier der „jüdische Geldsack, hier unsere braven Kaufleute“, wurde gejammert.

Das zweite Leben

Bevor der Krieg zu Ende ging, hatte Stirnweiß noch zwei Schicksalsschläge zu verkraften. 1942 wurde sein Widersacher Brändle sein neuer Oberchef. Ende September 1943 fiel sein Sohn Herbert. Die amerikanische Militärregierung setzte Merkt am 24. Mai als kommissarischen Bürgermeister wieder ein, am 21. Juli wurde er interniert und Dr. Alfred Weitnauer trat bis 3. August ehrenamtlich die Nachfolge an. Ab 24. August 1945 lenkte Stirnweiß als Oberbürgermeister – aus Sicht der Amerikaner „extremely cooperativ“ – für 13 Monate die Geschicke der Stadt. Am 23. August 1946 wählte der Stadtrat den 1. Bürgermeister, den die CSU für sich reklamierte. Stirnweiß wurde nicht nominiert. Stattdessen hievte die CSU den parteilosen, kommunalpolitisch unerfahrenen Dr. Anton Götz aus München auf den Posten. Wie Hölzle vermutete wurde Stirnweiß „ein Opfer parteiinterner Personalabsprachen“ unter Führung von Paul Strenkert. 2. Bürgermeister wurde SPD-Mann Albert Wehr. „Das Experiment Götz scheitert 1948 mit Pauken und Trompeten“, konstatierte Hölzle. Stirnweiß wurde im November 1946 einstimmig zum Stadtkämmerer gewählt und erreichte 1950 die Altersgrenze. Er arbeitete seinen Nachfolger bis 30. September 1951 ein und starb nur acht Wochen später.

Diskussion

Warum die Nationalsozialisten gerade Stirnweiß so drangsalierten, obwohl auch andere Kemptener Spitzenbeamte bei Wohlwert einkauften, versuchte Hölzle mit einem „unwissenschaftlichen Epilog“, wie er einräumte, zu erklären; einem Zitat aus einer Rede des Reichstagsabgeordneten und „Nationalsozialisten durch und durch“ Ludwig Münchmeyer, die er am 6. Januar 1931 in Kempten gehalten habe. Unter anderem habe er gesagt, „merken Sie sich alle Personen, vom Bürgermeister bis zum kleinsten Beamten, der uns heute bekämpft. Am Tage unseres Sieges werden wir mit diesen Leuten abrechnen. Jeder Beamte, der uns bekämpft, wird am Tage unseres Sieges ohne Pension und fristlos entlassen“. Zwar habe er noch keine Beweise dafür, aber Hölzle vermutete, dass Stirnweiß sich schon vor 1933 gegen die Nationalsozialisten „exponiert“ habe.

Georg Sedlmaier, Vorsitzender der IG FÜR gesunde Lebensmittel, stellte sich die Frage, „was lerne ich daraus?“. Vorsichtig sein auch heute, aber „ob ich dann auch den Mut haben werde?“. „Wehret den Anfängen“ sah auch Hölzle als richtigen Weg, „Politiker anschreiben, wenn es um rechte Umtriebe geht“ und „nicht stillhalten“, wie es die deutsche „Intelligenz“ 1933 getan habe.

Freie Wähler-Stadtrat Andreas Kibler trieb die Frage um, warum sich OB Merkt nicht stärker vor seinen Spitzenkandidaten gestellt habe. Hölzle räumte ein, Merkt nicht besonders gut zu kennen, vermutete aber, dass er „die Nationalsozialisten in ihrer Brutalität unterschätzt hat“. Wie Hölzle sah auch Naumann die Zeit gekommen, sich ein „gerechtes Bild“ von Merkt zu machen, wie von vielen anderen Persönlichkeiten, u.a Weitnauer, auch. Unter der Federführung des Kulturamts sei man auch auf dem Weg und im Sommer sei auch die Stadtpolitik aufgesprungen, nachdem der Vortrag von Dr. Martina Steber vom Institut für Zeitgeschichte beim Bewegten Donnerstag „einiges ins Rollen gebracht hat“, war Naumann zuversichtlich.

Wer die Veranstaltung noch nachträglich sehen/hören möchte kann dies im Internet unter https://kempten-museum.de/de/veranstaltungen/03.09.2020-i-bernhard-stirnweiss.

Christine Tröger

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