Grenzgängerin zwischen den Welten

Der »Bewegte Donnerstag« unternimmt eine literarische Reise nach Kurdistan

Ronya Othmann, Schriftstellerin, Lyrikerin und Kolumnistin, sitzt an einem Tisch und liest aus einem Buch vor.
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Ronya Othmann bei einer Lesung 2016.
  • vonAntonia Knapp
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Kempten – „Einen Blick in die weite Welt“ warf der Bewegte Donnerstag des Kempten Museums mit seiner jüngsten Online-Veranstaltung, so Museumschefin Christine Müller Horn. Aus Leipzig zugeschaltet war die junge Autorin Ronya Othmann, um den rund 40 ZuhörerInnen ihren autobiographisch inspirierten Debütroman „Die Sommer“ vorzustellen.

Das aus zahlreichen Geschichten, Eindrücken und Erinnerungen zusammengesetzte Buch erzählt von Leyla, die ihre Sommerferien viele Jahre lang bei der Familie ihres Vaters in einem Dorf im syrischen Kurdistan verbringt. Ihre weitverzweigte Großfamilie gehört der kurdischen Minderheit der Jesiden an. Othmann las nicht nur drei Auszüge aus ihrem Roman vor, sondern berichtete im Gespräch mit Moderatorin Lara Sielmann auch von ihrer Arbeitsweise, ihrer Tätigkeit als politische Kolumnistin und vor allem von Geschichte und Gegenwart des jesidischen Lebens im Nahen Osten und im deutschen Exil.

Wenn ihre Hauptfigur Leyla zu Beginn der Großen Ferien mit ihren Eltern den Flughafen von Aleppo und eine lange Autofahrt hinter sich gelassen hat, kommt sie nach vielen Monaten in Deutschland wieder zurück in ihr „anderes Leben“. In der Hitze des Sommers schläft sie zwischen ihren Cousinen und Cousins unter freiem Himmel in einem Hochbett aus Metall, bespuckt die Hühner im Hof mit Kirschkernen und bewässert abends mit der Großmutter den großen Garten. Vom Friedhofshügel in der Dorfmitte blickt sie auf die Ölpumpen in der flachen, staubigen Landschaft und das Gebirge hinter der nahen türkischen Grenze. Aus batteriebetriebenen Radios lauscht sie den Gesängen kurdischer Barden, hört beim Teetrinken die Anekdoten und Andeutungen der Erwachsenen. Sie erzählen von handeltreibenden Grenzgängern, die ihr Leben in den Minenfeldern riskieren; verdächtigen einen angeheirateten Onkel, für das Assad-Regime zu spitzeln; bereuen den Brautpreis für die „faule“ Schwiegertochter aus der Stadt. Im Dorf ist Leyla das einzige Kind, das Romane liest, und anders als ihre Cousine träumt sie als Jugendliche nicht davon, früh zu heiraten. Obwohl sie unter all den Verwandten, Nachbarn und Gästen fast nie alleine ist, scheint sie von einer eigentümlichen Einsamkeit umgeben zu sein. Zurück in der süddeutschen Kleinstadt fällt es ihr schwer, ihre Ferienerlebnisse mit Freundinnen und Mitschülern zu teilen.

„Sie kommt mir vor wie eine passive Reisende“, die sich in beiden Welten „anpasst“, charakterisiert Othmann ihre Figur. In Leylas Zerrissenheit spiegeln sich auch die Ängste und Erwartungen ihres Vaters, der als Staatenloser vor den Häschern des syrischen Geheimdienstes aus seinem Geburtsland geflohen ist. Vor dem Flug in die Ferien schärft er ihr ein, als Reiseziel niemals „Kurdistan“ anzugeben, sich als Kurdin gleichsam unsichtbar zu machen. Doch er ermahnt sie auch, ihre kurdische Identität stolz zu bewahren, sich die leidvolle Geschichte der Jesiden einzuprägen und niemals zu vergessen. Seine Tochter, die er nach politischen Märtyrerinnen benannt hat, soll ein Jurastudium anstreben und den aussichtslos scheinenden Kampf um Freiheit und Gleichberechtigung fortführen.

Als sich die Proteste gegen die Assad-Diktatur ab 2011 zu einem Bürgerkrieg entwickeln und die Kämpfer des Islamischen Staates in die kurdischen Siedlungsgebiete einfallen, sitzt Leyla wie gebannt vor dem Laptop und verfolgt quasi in Echtzeit, wie Fassbomben die Städte zerstören, Jesiden vertrieben, ermordet und versklavt werden. Die Bilder der Trümmerfelder kommen ihr ebenso unwirklich vor wie die wenigen Urlaubsfotos von Ausflügen nach Aleppo oder Tirbespî. Warum hat sie in all den Sommern keine Kamera mitgeführt, um alles zu dokumentieren, um eine Datenbank gegen das Vergessen anzulegen? „Wenn alles verlorengehen konnte … was war dann überhaupt sicher?“, fragt sie sich. „Im Nicht-Greifen-Können“ dieser unumkehrbaren Geschehnisse „erlebt sie fast eine Selbst-Auflösung“, sagt Ronya Othmann.

Mit Blick auf ihre eigene Politisierung fragt sie sich: „War das eine freiwillige Entscheidung?“ Eine „bewusste“ war es wohl eher nicht, „das kam mit den Themen“, für die sie sich interessiert. Das literarische Schreiben „sehe ich nicht aktivistisch“, vielmehr „will ich selber ganz viel verstehen“. Anders als etwa ihre Kolumne „OrientExpress“ darf ein Roman „widersprüchlich“ sein, meint sie. Das literarische Schreiben erlaubt es, die Geschichten von „Individuen gegen große Narrative“ geltend zu machen – zum Beispiel wenn Leylas Großvater und sein armenischer Freund sich an Völkermord und Vertreibung erinnern, die in der Türkei immer wieder geleugnet werden. Für ihren Roman hat Othmann „viel gelesen, viele Gespräche geführt“, auch um die eigenen Erinnerungen abzugleichen, und sie ist in den Irak gereist. Sie schreibt an gegen das Vergessen einer mündlichen, von Wanderpredigern gepflegten Kultur und dringt darauf, „diese Region nicht aufzugeben“. Leyla jedoch findet für sich einen anderen Weg.

Antonia Knapp

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