Mit Ausblick auf den Prinzessinnengarten

Kempten Museum streamt Vortrag "Die Stadt kompostieren" live

+
Marco Clausen, Mitbegründer des Urbanen-Gartenbau-Projekts Prinzessinnengarten in Berlin, chattet im Live-Stream der Veranstaltungsreihe „Bewegter Donnerstag“ des Kempten Museums mit Museumschefin und Online-BesucherInnen.

Kempten – Am vierten Vortrags- und Diskussionsabend des Kempten Museums im Rahmen der im Januar neu gestarteten Veranstaltungsreihe Bewegter Donnerstag referierte vergangene Woche Marco Clausen, Mitbegründer des Urbanen-Gartenbau-Projekts Prinzessinnengarten in Berlin-Kreuzberg.

Anders als geplant, begrüssten Clausen und Museumsleiterin Dr. Christine Müller Horn ihre rund 30 ZuhörerInnen nicht im Zumsteinhaus, sondern in deren Arbeitszimmern und Wohnstuben per Videostreaming. Vor dem Bücherregal in seiner Berliner Etagenwohnung sitzend erzählte Aktivist Clausen eine gute Stunde lang lebhaft und anschaulich vom mobilen Gemeinschaftsgarten und seiner Bedeutung für Nachbarschaft und Stadtgesellschaft. 

Sein Engagement für eine urbane, ökologische und soziale Landwirtschaft begann 2009 als er gemeinsam mit Robert Shaw die gemeinnützige Gesellschaft Nomadisch Grün gründete, und sie sich auf die Suche nach einem geeigneten Grundstück in Berlin machten. Inspiriert waren die beiden von den Eindrücken, die Shaw von seinen Reisen nach Kuba mitgebracht hatte: Der gemeinschaftliche Gemüseanbau in der Stadt, die agricultura urbana, trug dort nicht nur wesentlich zur oft prekären Lebensmittelversorgung bei, er stiftete auch Gemeinschaft unter den Menschen und inspirierte sie, ihre Lebensumgebung selbst zu gestalten, gemeinsam zu experimentieren und zu lernen. 

Anders als heute, etwa zehn Jahre später, gab es damals in der deutschen Hauptstadt zahlreiche Brachflächen, und nachdem die Eigentumsverhältnisse geklärt waren, die Stadt das Gelände für zunächst ein Jahr verpachtete und ungefähr 100 Freiwillige die 6000 Quadratmeter große Fläche von zwei Tonnen Müll befreit hatten, konnten AktivistInnen und AnwohnerInnen die ersten Beete anlegen. Mitten in Kreuzberg, am Moritzplatz, über einer zentralen U-Bahn-Station und in einer damals noch armen, migrantisch geprägten Nachbarschaft – die sich inzwischen zu einer der teuersten Gegenden Berlins gewandelt hat –, entstand ein mobiler Nutzgarten in Kisten, Reissäcken und Containern. Seinen Namen bekam dieser – inzwischen wohl nicht nur für Clausen „zauberhafte“ – Ort von der angrenzenden Prinzenstraße, dem nahe gelegenen Prinzenbad und durch den Dokumentarfilm „Prinzessinnenbad“, der 2007 von drei jungen Mädchen und ihrem Kreuzberger Alltag erzählte. 

Weder Clausen noch Shaw verfügten über eine landwirtschaftliche Ausbildung, doch ihre Initiative und Experimentierfreude lockten viele unterschiedliche Menschen an, die ihre Ideen, Fähigkeiten, Phantasie und Kenntnisse einbrachten, so dass die StadtgärtnerInnen bald nicht nur Gemüse und Kräuter anbauten, sondern auch Saatgut gewannen, einen Wurmkompost aufbauten, Bienenvölker ansiedelten, eine Fahrradwerkstatt einrichteten und sich an verschiedenen Upcycling-Projekten versuchten. Pacht, Betriebs- und Materialkosten sowie die Löhne für die kleine Gruppe hauptamtlicher MitarbeiterInnen finanzieren sie mit dem Verkauf ihrer Erzeugnisse, Bildungsangeboten wie Führungen und Vorträgen, Spenden und einem Gartenlokal, das saisonale Biokost aus eigenen und regionalen Produkten anbietet. Stadtimkern, vegetarische Öko-Gastronomie und eine zeitgemäße Lust am Werken, Handarbeiten, Einkochen und Fermentieren mag vielen von uns heute, im Jahr 2020, ganz selbstverständlich vorkommen. 

Doch 2009, so erinnerte sich Clausen, galt Gartenarbeit unter jüngeren und Großstadtmenschen als „uncool“, und der Versuch mit einem vegetarischen Restaurant Geld zu verdienen, schien einem „betriebswirtschaftlichen Harakiri“ gleichzukommen. Doch die Urban-Gardening-Pioniere fanden nicht nur in ihrer Nachbarschaft begeisterten Zuspruch und zahlreiche MitstreiterInnen, sondern auch das Interesse von Wissenschaft und Medien: Bereits im zweiten oder dritten Jahr wurde Öffentlichkeitsarbeiter Clausen von Interviewanfragen auch der internationalen Presse geradezu überrannt, ForscherInnen und StudentInnen beschäftigten sich mit dem Prinzessinnengarten, neugierige TouristInnen kamen zu Besuch, 2012 erschien im Dumont Verlag ein reich bebildertes Buch. Für Clausen selbst ist die „Politisierung“, die das Projekt für ihn und wohl auch viele andere Mitwirkende bedeutet, entscheidend: StadtgärtnerInnen aller Generationen machen die Erfahrung, dass sie den städtischen Raum, in dem sie leben, selbstbestimmt verändern und gestalten können. 

Der Garten und die 2015 gegründete Nachbarschaftsakademie sind „Lernorte“, an denen sie kein theoretisches, abstraktes Wissen anhäufen, sondern erleben, dass sie gemeinschaftlich zu einer zukunftsf ä h i g e n , ökologisch nachhaltigen, solidarischen Stadtgesellschaft jenseits profitorientierter kommerzieller Interessen wirksam beitragen können. Ihre Arbeit – ebenso wie die anderer Community-Gardening-Initiativen weltweit –, wirft Fragen auf, die lokal wie global von entscheidender Bedeutung sind: Wem gehört der öffentliche Raum? Wem dient seine Gestaltung und Nutzung? Wie lassen sich privatwirtschaftliche Interessen mit Gemeinnützigkeit, Daseinsvorsorge und Lebensqualität für alle StadtbewohnerInnen vereinbaren? Wie können wir wieder „HerrIn der Dinge“ werden, die wir täglich nutzen und verbrauchen? Wie können wir Landwirtschaft und Lebensmittelversorgung ökologisch nachhaltig und sozial fair gestalten? Produziert urbanes Leben zwangsläufig vor allem Müll oder lässt sich „die Stadt kompostieren“? 

Und sollte in der Stadt des 21. Jahrhunderts der Zugang zu einem Garten nicht ebenso selbstverständlich sein, wie der Anspruch auf einen Parkplatz in der autogerechten Stadt früherer Jahrzehnte? In der anschließenden Chat-Runde ermutigte Clausen die KemptenerInnen zu eigenen Gemeinschaftsgartenprojekten: „Die Größenordnung“ spiele keine Rolle, zudem sei es in kleinen oder mittleren Städten oft einfacher, zu den politischen Entscheidungsträgern vorzudringen und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Müller Horn, hinter sich das Banner des Kempten Museums, erschien erneut auf dem Bildschirm und verriet, dass demnächst eine kleine Fläche hinter dem Zumsteinhaus dem Urban Gardening gewidmet werde, um dort gemeinsam mit kleinen und grossen BürgerInnen und dem Verein Allgäuer Kräuterland einen „Naschgarten“ anzupflanzen. Die zugeschalteten Bewohnerinnen von Rosenau und Sheddachhalle grüßten, dank Notebookkamera ebenfalls gut sichtbar, aus Homeoffice oder Wohnzimmer und berichteten von ihren Ideen für „semi-private“, nachbarschaftliche Hochbeete. 

Nach dieser digitalen Premiere, die „den Sound des neuen Berlin“ auch dadurch ins Allgäu trug, dass während des Vortrags – halb störend, halb erheiternd – im Hintergrund immer wieder die Bohrmaschine von Clausens Nachbar zu hören war, wird auch der Bewegte Donnerstag im Mai online stattfinden. Unter der Überschrift „Väter heutzutage!“ sprechen die DiskussionsteilnehmerInnen dann über unsere Vaterbilder. Der Prinzessinnengarten baut unterdessen übrigens auch um und ist vor einigen Monaten umgezogen: Auf eine aufgelassene Teilfläche des St.-Jacobi-Friedhofs in Neukölln, nicht weit entfernt vom Tempelhofer Feld. Das Gelände in Kreuzberg wollen der Verein Common Grounds und die Berliner Senatsverwaltung als grünes Gemeingut erhalten. Weitere Information unter: https://kempten-museum.de/de/ veranstaltungen/07.05.2020-i-vaeter-heutzutage- • https://prinzessinnengarten.net/ • https://common-grounds.net/

Antonia Knapp

Auch interessant

Meistgelesen

Die Allgäuhalle (Tierzuchthalle) in Kempten 
Die Allgäuhalle (Tierzuchthalle) in Kempten 
Fahrradfreundlichkeit und Verkehrssicherheit wurden im Verkehrsausschuss groß geschrieben
Fahrradfreundlichkeit und Verkehrssicherheit wurden im Verkehrsausschuss groß geschrieben
Ausschuss für Umwelt- und Klimaschutz: Alte Linde bleibt erhalten
Ausschuss für Umwelt- und Klimaschutz: Alte Linde bleibt erhalten
Entscheidung zur Causa Knussert
Entscheidung zur Causa Knussert

Kommentare