Die neue Allgäu-Magistrale

Die B12 wird in kommenden Jahren zum vierspurigen "Allgäuschnellweg"

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Die Grafik verdeutlicht den Regelquerschnitt RQ 28 mit der der neue Allgäuschnellweg angelegt werden soll. Zwei Fahrbahnen mit jeweils zwei Fahrstreifen pro Fahrtrichtung ergeben mit Pannen- und Mittelstreifen eine Breite von 28 Metern.

Kempten/Allgäu – Verkehrstechnisch ist die Stadt Kempten über die A7 mit Großstädten wie Ulm und Stuttgart gut verbunden, lediglich die Verbindung zur schwäbischen Metropole Augsburg und zur Landeshauptstadt München ist über die bestehende B12 chronisch überlastet und für viele Pendler ein tägliches Martyrium. Die bestehenden drei Fahrstreifen müssen sich täglich rund 20.000 PKWs mit vielen LKWs teilen, die nicht schneller als 60 Stundenkilometer fahren dürfen. Bedingt durch die Überlastung der 51 Kilometer langen Strecke von der Anschlussstelle Kempten an der A7 bis zur Anschlussstelle der A96 bei Buchloe ist die Bundesstraße zu dem Unfallschwerpunkt in der Region geworden, mit vielen Schwerverletzten und Verkehrstoten. Für die leidgeprüften Nutzer der B12 aber gibt es Grund zur Hoffnung.

Nach einer letzten großen Verlegung der B12 in den 1970er Jahren, bei der die Streckenführung von Kempten bis Buchloe in einem großen Bogen um Marktoberdorf und Kaufbeuren herumgeführt wurde, steht für die nächsten Jahre ein Ausbau der Bundesstraße mit autobahnähnlicher Gestalt bevor.

Im Jahr 2016 wurde durch einen Mehrheitsbeschluss des Deutschen Bundestages der Ausbau der B12 zu einer vierspurigen Trasse mit zwei Fahrbahnen entschieden. Das Staatliche Bauamt in Kempten wurde mit der Planung und baulichen Umsetzung der Neugestaltung der B12 beauftragt. Vorläufig werden rund 365 Millionen Euro zur Umsetzung des Großprojekts „Allgäuschnellweg“ vom Bund bereitgestellt.

Der zuständige Abteilungsleiter für Großprojekte beim Staatlichen Bauamt Tomas Hanrieder verspricht sich für das Allgäu viele Vorteile: „Durch den Ausbau der B12 werden ansässige Unternehmen gestärkt und die Tourismusregion Allgäu wird attraktiver.“ Allerdings bildet sich in der Region bereits erster Widerstand gegen das Großprojekt. Umweltschützer vom Bund Naturschutz und Politiker der Grünen und der ödp fürchten, dass der vierspurige Ausbau zuviel Fläche verbraucht, die Lärmbelastung für Anwohner steigt und mit dem Ausbau einer Fernstraße verkehrspolitisch auf das falsche Pferd gesetzt wird. Die Umweltschützer fordern stattdessen u. a. die Elektrifizierung der nahen Bahnstrecke Kempten – Kaufbeuren – Buchloe, damit Waren und Personen zukünftig umweltfreundlich bewegt werden.

B12 wird nicht wie B19

Wie aber soll der zukünftige Allgäuschnellweg en détail ausschauen? Bisher nutzt die bestehende Bundesstraße lediglich eine Fahrbahn für drei Fahrstreifen. Dabei wechselt der mittlere Fahrstreifen die Fahrtrichtung und gibt so PKW-Fahrern immer wieder die Gelegenheit langsam fahrende LKWs zu überholen. Die zukünftig geplante Trasse des Allgäuschnellwegs wird über zwei Fahrbahnen mit jeweils zwei Fahrstreifen für eine Fahrtrichtung verfügen. Zur Sicherheit werden diese beiden Fahrbahnen durch einen vier Meter breiten Mittelstreifen mit Leitplanken getrennt sein. Für liegen gebliebene Fahrzeuge gibt es jeweils einen Pannenstreifen mit 1,50 Metern Breite plus einer Bankette, so dass auch Lastkraftwagen dort halten können, ohne den fließenden Verkehr zu gefährden. Insgesamt erhält der Allgäuschnellweg somit eine Gesamtbreite von 28 Metern, gemessen ab Beginn der Seitenstreifen. Deshalb erhält der neue Schnellweg die technische Bezeichnung „Regelquerschnitt RQ 28“. Das Anlegen einer zweiten Fahrbahn hat zudem den Vorteil, dass während der langjährigen Bauzeit der Verkehr auf der bestehenden B12 weiterhin ohne große Störung verlaufen kann. Der Ausbau wird bis zur geplanten Fertigstellung um das Jahr 2030 in sechs Abschnitten vollzogen. Für die ersten drei Planungsabschnitte Stadt Kempten – Gemeinde Wildpoldsried; Stadt Kaufbeuren – Gemeinde Germaringen und Gemeinde Germaringen bis Jengen/Buchloe wurden durch das Staatliche Bauamt im Frühjahr die Planfeststellungsverfahren eingeleitet.

Stimmen zum Ausbau

Als Vertreter der schwäbischen Wirtschaft spricht sich die IHK-Schwaben klar für den Ausbau der B12 zum Allgäuschnellweg aus. Eine hauseigene Studie vom Juni 2020 belegt, dass die „Industriedichte“ im Allgäu etwa 2,8 Mal so hoch ist wie im Bundesdurchschnitt. Peter Stöferle, Geschäftsfeldleiter Mobilität und Stadtentwicklung von der IHK-Schwaben, spricht sich deshalb für den Allgäuschnellweg aus: „Um das Allgäu für künftige Firmenansiedlungen attraktiv zu halten, braucht es eine leistungsfähige Verkehrsanbindung. Der Allgäuschnellweg wird helfen Wertschöpfung und Beschäftigung im Allgäu zu halten und auszubauen.“ Zudem geht man bei der IHK davon aus, dass Fahrten auf der B12 zukünftig planbarer und weniger gefährlich als heute sein werden. In der Politik finden sich Befürworter des Allgäuschnellwegs insbesondere bei der CSU, den Freien Wählern und betroffenen Bürgermeistern.

Die Befürworter

So sagt beispielsweise der CSU-Fraktionsvorsitzende im Bayerischen Landtag und Kemptener Stadtrat Thomas Kreuzer: „Es ist längst überfällig, dass die B12 an die heutigen Verkehrsbedürfnisse und die starke Entwicklung im Allgäu angepasst wird. Wir brauchen den Ausbau, um Reisegeschwindigkeit und Verkehrssicherheit zu erhöhen. Durch die getrennten Fahrstreifen der künftig 28 Meter breiten Bundesstraße werden Überholmanöver im Gegenverkehr obsolet. Damit sinkt das Unfallrisiko – und somit auch die Zahl der Vollsperrungen und Staus. Zudem kommen Einheimische und Touristen auf einer ausgebauten Straße mit Richtgeschwindigkeit 130 insgesamt stressfreier zu uns in die Region.“

Unterstützt in seinen Ansichten wird Kreuzer vom Vizepräsidenten des Bayerischen Landtages und Kemptener Stadtrat der Freien Wähler Alexander Hold: „Eine leistungsfähige Anbindung des gesamten Allgäus an die Metropolregionen München und Augsburg auch auf der Straße wird in Zukunft wichtiger denn je. Für die Allgäuer Wirtschaft, aber auch für den Tourismus im Allgäu ist die B12 eine wichtige Zukunftsfrage. Dass die B12 zudem sicherer gemacht werden muss, weiß jeder Pendler, der dort schon einmal einen schweren Unfall gesehen hat. Wir sind aber froh, dass Fragen der Nachhaltigkeit und Umweltverträglichkeit heute viel intensiver gestellt werden als bei früheren Vorhaben.“

Auch BürgermeisterInnen anliegender Gemeinden sprechen sich für den Ausbau aus. So sagt Renate Deniffel, Bürgermeisterin aus Wildpoldsried: „Die Wildpoldsrieder Bürgerinnen und Bürger können es kaum erwarten, bis die Ortsdurchfahrt vom Schwerlastverkehr entlastet wird. Gefahrenquellen durch LKW – gerade für Grundschüler und Senioren – und die enorme Lärmbelästigung, wird vielfach massiv beklagt und ist ein fortwährend brisantes Thema in der Bevölkerung.“

Unterstützt wird sie vom Bürgermeister der Nachbargemeinde Betzigau Roland Helfrich, der sich gleichzeitig für den Bau der neuen Anschlussstelle „Betzigau-Bogenried“ ausspricht: „Unseres Erachtens ist eine verkehrliche Entlastung des kleinräumigen Verkehrsgeschehens nur dann wirkungsvoll zu erreichen, wenn die Zufahrten zu den überregional bedeutenden Straßen, wie beispielsweise der B12 auf kürzestem Wege angefahren werden können. Das erspart allen Verkehrsteilnehmern unnötige Umwege, entlastet die Umwelt und erhöht die Lebensqualität in den umliegenden Städten und Gemeinden spürbar.“

Unterstützt wird der Ausbau der B12 grundsätzlich auch von den FDP-Politikern Stephan Thomae, MdB und stellv. Fraktionsvorsitzender der FDP im Bundestag, dem Kreisvorsitzenden der FDP-Oberallgäu Kreisrat Michael Käser, dem Kemptener Stadtrat der AfD Thomas Senftleben und der Kemptener Stadträtin und Fraktionsvorsitzenden der SPD Katharina Schrader

Die Gegner

Der Ausbau der B12 zum vierspurigen autobahnähnlichen Allgäuschnellweg wird aber nicht von jedem begrüßt, geht doch mit der Verbreiterung der Fahrbahnen auf 28 Meter ein Mehr an Flächenverbrauch und Lärmbelästigung einher. Zudem fürchten Umweltschützer, dass eine zur Autobahn ausgebaute B12 noch mehr Touristen und insbesondere Tagesgäste aus Augsburg und München ins Allgäu locken könnte.

So sagen die Kreisvorsitzenden der ödp-Oberallgäu Michael Finger und der ödp-Kempten Michael Hofer zum geplanten Ausbau: „Jeder Euro in den Schnellstraßenausbau fehlt der Bahn, dem ÖPNV und dem Radverkehr. Eine Verkehrswende muss so schnell wie möglich eingeleitet werden, auch um die Pariser Klimaziele zu erreichen. Das eingesparte Geld soll in die Wiedereröffnung stillgelegter Bahnhöfe an der parallel verlaufenden DB-Strecke Buchloe-Kempten verwendet werden (Aitrang, Wildpoldsried, Betzigau …) bzw in eine Revitalisierung der Strecke (mehr Gleise, bessere Taktung, Regiobahn). Die beiden Umweltpolitiker ergänzen: „Wer Straßen ausbaut, erntet Staus und fördert Autoverkehr an beiden Enden der Verbindung! Mehr Tagesausflügler aus den Großräumen Augsburg und München heißt: noch mehr zugeparkte Landschaft im Allgäu, heißt, der gewünschte Langzeittourismus wird geschädigt! Darüber befördert der Ausbau mehr Verkehrslärm und -unfälle, er ist schlecht fürs Klima und die Gesundheit der Anlieger (CO², Feinstaub, Ozon).

Auch Politiker der Grünen stehen dem Allgäuschnellweg ablehend gegenüber. So sagen maßgebliche Grüne Politiker wie deren Kreissprecherinnen Christina Mader, Evelyn Lunenberg und Nadja Braun sowie der Kemptener Stadtrat Dr. Stefan Thiemann: „Der Ausbau der B12 torpediert die Mobilitäts- und Klimakonzepte der Allgäuer Landkreise und der Stadt Kempten. Der von der Staatsregierung geplante Ausbau ist somit nicht nur nicht mehr zeitgemäß, sondern verhindert zusätzlich eine nachhaltige Zukunft. Nur eine Mittelverwendung für die Elektrifizierung aller Bahnstrecken im Allgäu, den verstärkten Warentransport auf der Schiene, den Ausbau eines allgäuweiten und attraktiven ÖPNV und der Einführung eines Ticketverbundsystems für das Allgäu, ist unter ehrlich betrachteten Umständen zukunftsweisend für das Allgäu und unsere Enkel.“ Daher stellen die Grünen fest: „Der völlig überzogene Ausbau der B12 zu einer autobahnähnlichen Schnellstraße ist nicht zeitgemäß und nicht zustimmbar. Die Investitionskosten von bis zu 400 Millionen Euro fehlen uns langfristig für die Umsetzung eines nachhaltigen Mobilitätskonzepts für das gesamte Allgäu.“

Jörg Spielberg

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