Damit die Kälber hier bleiben

Neue Online-Plattform will »Mitesser« für Allgäuer Weiderindfleisch gewinnen

Vier Braunvieh-Schumpen liegen auf der Weide.
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Das Bio-Rind auf Nachbars Weide soll ein Genussprodukt werden und die Wertschöpfung in der bäuerlichen Landwirtschaft der Region verbessern.

Oberallgäu – Das Allgäu mit seiner traumhaften Kulisse ist weit hinaus bekannt als Genussregion für hochwertige Milch und leckeren Käse.

Doch wo Milch gemolken wird, werden auch Kälber geboren. Kälber, die, wenn sie auf den Allgäuer Weiden aufwachsen dürfen, zu einem weiteren Allgäuer Genussprodukt reifen – dem Allgäuer Weiderindfleisch.

Dieses hochwertige, gesunde und ökologisch sinnvoll produzierte Rind- oder Kalbfleisch fristet seit Jahren ein Schattendasein. Als Konsequenz davon verlassen viele Kälber die Region. Was weder Bauern noch Verbraucher zufriedenstellt.

Die Öko-Modellregion Oberallgäu Kempten befasst sich seit 2016 mit dem Thema. Eine neue Online-Plattform soll jetzt die weitere Vernetzung regionaler Akteure fördern und vor allem Verbraucherinnen und Verbraucher „auf den Geschmack bringen“ und für das Genussprodukt Weiderindfleisch begeistern. Die Plattform „Allgäuer Milch und Fleisch gehören zusammen!“ unter www.milch-und-fleisch.de soll den Schwung bringen.

Die aktuelle Situation der Kälbervermarktung bringt Rainer Hoffmann vom Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten Kempten auf den Punkt: „Wir können uns vieles wünschen, wenn es der Markt nicht hergibt, hilft es nichts!“ Der ohnehin schleppende Absatz von Mastkälbern stocke seit längerem; der Preis sei im Keller. Zum Teil würden Kälber zu Spottpreise regelrecht verschleudert. Hoffmann weiß: Es brauche viel Überzeugungsarbeit. „Wenn die Kunden wissen, was es ist, sind sie auch bereit, Geld dafür zu bezahlen.“ Genau daher sei das Produkt so wichtig für die Region.

Eine Erfahrung, die auch Weiderind-Landwirt Sebastian Uhlemair aus Rettenberg bestätigt: „Wenn die Kriterien Regionalität und Qualität stimmen, ist der Preis für Kalb- und Rindfleisch für den Kunden nicht mehr das Wichtigste.“ Uhlemair hält im Nebenerwerb 15 bis 20 Jungrinder, nachdem er vor mehr als zehn Jahren die reine Milchviehhaltung aufgab. „Der Betrieb war damals zu klein zum Überleben, zu groß, um aufzugeben“, berichtet er weiter. Die Idee der Weiderind-Haltung habe sich seitdem gut entwickelt. „Wenn jeder auf dieser Strecke etwas verdienen kann, dann macht das Ganze auch Spaß“, meint Uhlemair.

Und die Projektmanagerinnen der Öko-Modellregion Oberallgäu Kempten wissen: Alleine schafft es keiner. „Wo Milch gemolken wird, werden auch Kälber geboren“, skizziert Cornelia Bögel die Ausgangslage. Diese Tiere dürften nicht als „Abfallprodukt“ der Milchviehhaltung enden. Aktuell verlassen viele dieser Milchviehkälber – oft zu Schleuderpreisen – das Allgäu und landen in großen Mastbetrieben in Norddeutschland. „Das stellt weder die Bauern noch die Verbraucher zufrieden“, sagt Beate Reisacher.

Mit der neuen Plattform wollen die Projektmanagerinnen das „Allgäuer Genussprodukt Weiderindfleisch“ voranbringen. Beate Reisacher: „Wir wollen eine Umstellung und ein Umdenken einleiten.“ Es gelte, die Kälberaufzucht in der Region zu halten. „Grünland noch besser nutzen und ein nachhaltiges Produkt zu schaffen. Das ist es nämlich!“ Die Plattform „Allgäuer Milch & Fleisch gehören zusammen“, soll die Vernetzung und die Vermarktung weiter voranbringen. Beate Reisacher bringt es auf den Punkt: „Die Initiative kann für die Region etwas Gutes tun – für uns und für unsere Tiere.“

Das Qualitätsprodukt Allgäuer Weiderindfleisch rechtfertige den Mehrerlös. Mit fünf bis sechs Euro pro Kilogramm Schlachtgewicht liege der Preis um ein Drittel über dem derzeitigen Handelspreis. „Das ist das Dilemma!“, betont Beate Reisacher.

Ulrich Mück, Bio-Berater für Demeter Bayern ergänzt: Biomilch und Biofleisch entwickeln sich unterschiedlich. Der Biofleischmarkt könne mit dem positivem Wachstum des Biomilchmarktes nicht mithalten. Das bedeute, dass die Kunden gerne Bio-Milch kaufen, jedoch beim Kauf von Bio-Rindfleisch zurückhaltend seien. Die Folge ist, dass Bio-Kälber in die konventionelle Mast verkauft werden müssen. Laut einer Berechnung fallen bei der Produktion von einem Liter Bio-Milch circa 25 Gramm Bio-Rindfleisch an.

Solange Kunden also gerne zur Biomilch aber nicht zum Biofleisch greifen, und auch nicht bereit seien, höhere Preise für Biofleisch zu bezahlen, lasse sich die Situation nicht ändern. „Da muss die Bewusstseinsbildung ansetzen!“, so Mück. „Was das Allgäu jetzt braucht, ist, dass der Verbraucher erreicht wird.“ Die Plattform könne dabei für wichtigen Schub sorgen.

Weitere Information gibt‘s auch hier.

Josef Gutsmiedl

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