Überwintern in der Großstadt

Wie ergeht es Obdachlosen in der Pandemie und welche Hilfen bekommen sie?

Ein Obdachloser sitzt vor einem Gitterzaun zwischen Gepäckstücken und hält einen Apfel in den Händen.
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Wo kommen Obdachlose während der Ausgangssperre unter?
  • vonAntonia Knapp
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Kempten/Landkreis – Auf ihrer Homepage „Zusammen gegen Corona“ lädt die Bundesregierung mit dem Aufruf #WirBleibenZuhause dazu ein, in einem Videoclip den Satz „Ich bleibe zuhause. Weil...“ mit einem persönlichen Statement zu vollenden, um so „ein Zeichen der Solidarität und des Zusammenhalts“ zu setzen. Die Kampagnenmacher schlagen den TeilnehmerInnen vor, sich am Ende ihres Videos die zum Dreieck geformten Hände über den Kopf zu halten „wie ein schützendes Dach“. Doch welche Möglichkeiten haben jene Menschen, die kein Daheim haben, die ohne festen Wohnsitz sind? Wie wirken sich die Pandemie und deren Folgen auf ihre Lebenssituation aus?

Der Historiker Nico Rollmann ist dieser Frage in einer vor kurzem veröffentlichten Studie nachgegangen. Für seine Untersuchung hat er mit Obdachlosen in Berlin sowie karitativen Organisationen und staatlichen Einrichtungen in der Hauptstadt gesprochen. Zwar sei der Kreis der befragten Personen für repräsentative Ergebnisse zu klein, dennoch seien einige Entwicklungen der vergangenen Monate klar erkennbar, so Rollmann. Obwohl viele Obdachlose durch ihr anstrengendes Leben auf der Straße „körperlich erheblich geschwächt“ sind, hat das Virus selbst bisher offenbar relativ wenige unter ihnen getroffen. Die „Begleitumstände“ der Pandemie haben jedoch „massive Auswirkungen“. In einer leergefegten Fußgängerzone lässt sich mit Betteln oder Straßenmusik kaum noch Geld einnehmen; auch Pfandflaschen sind deutlich seltener zu finden, solange nur wenige Passanten unterwegs sind.

Die Bezeichnung ‚Obdachlose‘ verwendet die Studie übrigens eher umgangssprachlich. Rechtlich betrachtet, ist ein Nichtsesshafter nur dann obdachlos, „wenn er glaubwürdig erklärt, dass er seine nichtsesshafte Lebensweise aufgeben will und nach einer dauerhaften Unterkunft sucht“, wie Andreas Kaenders von der Pressestelle des Landratsamts Oberallgäu erläutert. „Dann muss die Gemeinde tätig werden.“ ‚Wohnungslose‘ hingegen sind Menschen, die keine eigene Wohnung haben und zum Beispiel „von Verwandten aufgenommen wurden“.

Befristete Rundumversorgung für Einzelgänger

Amelie Lang, Leiterin von Wärmestube und Übernachtungsstelle des Bayerischen Roten Kreuzes in Kempten, bestätigt, dass die sonst üblichen Einnahmequellen „weitestgehend“ versiegt sind. In ihrer Einrichtung könnten Nichtsesshafte „drei Nächte im Monat unterkommen und an diesen Tagen“ eine Hilfe von jeweils neun Euro bekommen – „unabhängig von der Pandemie“. Die Notübernachtungsstelle bietet außerdem „ein kostenfreies Frühstück, Mittag- und Abendessen“ sowie „notfalls auch eine Ausstattung an Kleidung, Isomatten, Schlafsäcken und so weiter.“ Kaenders weist darauf hin, dass Jeder Leistungen nach SGB II oder XII beantragen kann, was im Oberallgäu in den letzten Monaten vereinzelt auch geschehen sei. Die Zahl der Wohnungslosen, die nach einer Bleibe suchen, habe bisher nicht zugenommen, berichten er und Rüdiger Leibfried, der Leiter der Wohnungsnotfallhilfe der Diakonie Kempten Allgäu, übereinstimmend.

Die Wärmestube hat während der ersten Corona-Welle im Frühling 2020 eine „Straßenausgabe“ eingerichtet und zahlreiche Infektionsschutzmaßnahmen ergriffen, auch um für die Hilfesuchenden weiterhin persönliche Kontakte zu ermöglichen. Unter den Gästen seien im vergangenen Jahr „sehr viel weniger typische Nichtsesshafte“ gewesen als zuvor, erzählt Amelie Lang. „Die Obdachlosen, die zu uns kamen, waren Menschen, die aus der Justizvollzugsanstalt oder dem Bezirkskrankenhaus entlassen wurden, die ihren Wohnsitz auf Grund von Beziehungsstreitigkeiten verloren oder psychische Probleme hatten.“

Bevor die Wärmestube vorübergehend geschlossen werden musste, haben viele Besucher dort „ein gewisses Gemeinschaftsgefühl“ gefunden, meint Lang. Das Leben ihrer Gäste sei häufig von „großer Einsamkeit“ geprägt, „es fällt ihnen schwer, freundschaftliche Bande anzuknüpfen, sie sind sehr auf sich gestellt“. Auch deshalb versuchen sie und ihre MitarbeiterInnen bei der Essensausgabe und in der Übernachtungsstelle mit den Hilfesuchenden ins Gespräch zu kommen, fragen nach ihren Bedürfnissen und informieren über die aktuelle Pandemielage.

Übernachtungsgäste werden in Einzelzimmern mit eigenem Bad untergebracht. Bei Neuankömmlingen untersuchen die inzwischen recht routinierten Rot-Kreuz-MitarbeiterInnen „die Vitalfunktionen“. Da kein Hilfesuchender abgewiesen werden darf, würde die Auswertung eines Corona-Tests zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Wer typische Symptome zeigt, muss in seinem Zimmer bleiben und bekommt die Mahlzeiten durchs Fenster. „Nachweislich positive Personen vermitteln wir in entsprechende Versorgungseinrichtungen“, erklärt Lang.

Winterquartiere finden sich vor allem in Ballungsräumen

Doch wo verbringen die zeitweiligen Gäste des BRK während der Ausgangssperre die übrigen Nächte und wo halten sie sich angesichts von Kontakt- und Ausgangsbeschränkungen tagsüber auf? Amelie Lang hat den Eindruck, dass Menschen ohne festen Wohnsitz in Pandemiezeiten weniger reisen als sonst: „Weil viele Notübernachtungsstellen ein Limit an Übernachtungstagen haben, sind Nichtsesshafte in ‚Nicht-Corona-Zeiten‘ gewollt unterwegs. Sie tingeln teilweise in einem strengen Rhythmus von einer Notschlafstätte zur nächsten“, zwischendurch „im Sommer schlafen sie ‚auf der Platte‘, also draußen. Momentan scheint dieses Vagabundenleben bei vielen Obdachlosen zu einer Verlangsamung geführt zu haben.“ Rüdiger Leibfried nimmt an, dass viele Nichtsesshafte während der Pandemie in die größeren Städten gezogen sind, „wo es mehr Hilfsangebote gibt“. Das sei in den Wintermonaten ohnehin „typisch“.

Er berichtet, dass sich im vergangenen Herbst, als der Winter nahte, alle Kemptener Einrichtungen, „die mit dem Thema zu tun haben“, getroffen hätten: Die Stadt, das Ordnungsamt, der kommunale Ordnungsdienst, die Betreuungsstelle, das BRK, der Drogenkontaktladen, die Wohnungsnotfallhilfe, die Streetworker sowie der evangelische und katholische Dekan haben sich „Gedanken gemacht“, wie sie sich „auf eine große Nachfrage“ nach Notunterkünften oder Kältehilfeangeboten vorbereiten könnten. Seit Pandemiebeginn konnte das BRK wegen des Infektionsschutzes in seinen angestammten Räumen deutlich weniger Übernachtungsplätze anbieten, hatte aber zusätzlich eine Wohnung angemietet. Die Verantwortlichen vereinbarten, bei Bedarf Pensions- oder Hotelzimmer anzumieten.

Der Ordnungsdienst traf aber in den folgenden Monaten auf den Kemptener Straßen kaum Menschen an, „die als unbehaust auffielen“, wie Leibfried erzählt. Eine Frau, die in ihrem Auto überwintert, habe Hilfe abgelehnt. Anders ist die Situation zum Beispiel in Lindau, wo die Bahnhofsmission gemeinsam mit einer Kirchengemeinde „ein Wärmeangebot“ eingerichtet hat, wie Leibfried berichtet.

Großzügige Hilfsköche und eine gut gefüllte Kleiderkammer

Sehr positiv äußert sich Lang über die anhaltend große Hilfsbereitschaft: „Die Spendenbereitschaft in der Krise ist hoch – es ist nicht weniger, sondern tendenziell gleich bis etwas mehr geworden. Wir können richtig gut helfen, weil wir ganz tolle Unterstützer haben, die sich mit uns absprechen“.

Antonia Knapp

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