Gastronomie und Hotellerie fühlen sich vor dem Abgrund

"Die Ersten werden die Letzten sein"

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Wenn nicht bald der Shutdown gelockert wird, gehen gerade für kleinere Betriebe in der Allgäuer Gastronomie und Hotellerie für immer die Lichter aus. Mit diesem Niedergang werden Namen verbunden sein.

Kempten/Landkreis – Angela Inselkammer, die Präsidentin des Bayerischen Hotel- und Gaststättenverbandes, wird nicht müde, auf die existensbedrohenden Belastungen für ihre Branche durch die Coronakrise aufmerksam zu machen. Sie sagt, der Shutdown treffe insbesondere die Gastronomen und Hoteliers, die jüngst in ihre Häuser investiert haben und nun Kredite bedienen müssen.

Unter anderem durch die aufgeschobene Senkung der Mehrwertsteuer auf einheitliche sieben Prozent, war es den Betrieben nicht möglich für Krisenzeiten Rücklagen zu bilden. Diese Einschätzung wird auch von Betroffenen im Allgäu geteilt. So sagt Angelika Soyer, 1. Vorsitzende von „Mir Allgäuer – Urlaub auf dem Bauernhof e.V.“, dass das Belegungsverbot für touristische Übernachtungen ebenso kleinere Betriebe an den Rand der Existenz drängt. Soyer bestätigt, dass in den letzten Jahren viel Geld in die touristische Infrastruktur durch „Mir Allgaier“-Mitglieder investiert wurde. „Nun fehlen dringende Einnahmen, trotz vollausgebuchter Bettenkapazitäten“, stellt Soyer ernüchternd fest. Und tatsächlich, es herrscht kein Mangel an Gästen, die heuer mit ihren Kindern Urlaub auf dem Bauernhof verbringen möchten. „Die Gäste sagen uns am Telefon, dass sie sich sicherer auf dem Lande als in der Stadt fühlen“, so Soyer. Die meisten Mitglieder des Vereins bieten abgeschlossene Wohneinheiten wie Ferienwohnungen, Chalets und Baumhäuser. „In und um diese können Abstandsregelungen und Hygienemaßnahmen problemlos umgesetzt werden“, sagt Angelika Soyer und empfiehlt deshalb einen zeitnahen Einstieg aus dem Ausstieg, wenn möglich schon im Laufe des Monats Mai. Eine zeitnahe und schrittweise Öffnung von Kleinvermietern könnte als Lackmustest für größere Betriebe dienen – bleibt die Ansteckungsrate niedrig, könnten Hotels bald nachfolgen.

Es wird eng

Finanziell rutschen gerade Kleinvermieter immer mehr in Existensnot. Häufig wird im Haupterwerb noch eine kleine Landwirtschaft betrieben, die aufgrund fallender Preise für Fleisch und Milch nun vollends unrentabel wird. Bis jetzt war es Betreibern landwirtschafter Betriebe zudem nicht möglich, Corona-Soforthilfen zu beantragen. Und so reichen bei den meisten die finanziellen Reserven gerade noch für die nächsten sechs Wochen. Von dieser Notlage kann auch Karin Heiligensetzer berichten, die gemeinsam mit ihrer Familie einen Ferienhof in Durach betreibt. Da es auch für ihre Familie nicht ausging, nur von der Landwirtschaft zu leben, entschied sich die Allgäuer Familie, „Urlaub auf dem Bauernhof“ anzubieten. „Wir haben viel Herzblut und Geld investiert, um unseren Gästen einen erholsamen Urlaub auf unserem Hof zu ermöglichen“, sagt Karin Heiligensetzer. So entstanden Ferienwohnungen „State of the Art“ und für die jungen Gäste wurde eine Außenanlage mit Spielplatz und Spieltenne angelegt. „Wir bekommen von unseren Gästen die Rückmeldung, dass diese gerne kommen würden“, bestätigt die Vermieterin und verweist darauf, dass sich Familien auf ihrem Hof selbst versorgen können und somit räumliche Distanz gewährleistet sei. Ähnlich empfindet es auch Monika Mader aus Buchenberg, die ebenfalls Ferien auf dem Bauernhof anbietet. „Obwohl wir Anfragen von Gästen haben, können wir derzeit wegen eines bundesweit gültigen Verbots von touristischer Vermietung niemanden aufnehmen“, so Mader. Derzeit tendieren die Einnahmen der Buchenbergerin gegen Null und sehnsüchtig erwartet sie ein Signal der Hoffnung, wann wieder vermietet werden kann. Aufgrund seperat abgeschlossener Wohneinheiten mit Selbstverköstigung würden sich alle Sicherheitsvorkehrungen umsetzen lassen. Alle Betroffenen wünschen sich von den verantwortlichen Stellen einen Fahrplan, der verbindlich vorgibt, wann es wie weiter geht. „Das Schlimmste ist die generelle Unwissenheit. Wir sind froh, dass wir vom Verein „Mir Allgäuer – Urlaub auf dem Bauernhof“ und der Kooperation „Allgäuer Seenland“ immer auf dem Laufenden gehalten werden“, berichtet Mader.

Auf Schleichfahrt

Auch im Hotelgewerbe ist die Stimmung getrübt, wenngleich es möglich ist, an geschäftlich Reisende zu vermieten. Luis Hemmerle hat das familiengeführte Hotel Bergcafé in Lenzfried in dritter Generation übernommen. „Dass unser Betrieb stets in Familienhand war und schuldenfrei ist, hilft uns natürlich gegenwärtig in der Krise“, sagt er. Trotzdem ist sein Betrieb zur Zeit bei laufenden Betriebskosten nur bis zu 15 Prozent ausgelastet. Zimmer vermieten darf Hemmerle nur an Personen, die beruflich in Kempten zu tun haben. Das lässt sich der Unternehmer von jedem Gast schriftlich bestätigen, damit er als Hotelier nicht mit den Auflagen der Staatsregierung in Konflikt gerät. Dabei darf jeder Raum inklusive der Doppelzimmer nur mit einer Person belegt sein. Das Frühstück bringt der Hotelbesitzer seinen Gästen vor die Zimmertür. „Der Shutdown trifft unsere Branche zur Unzeit. Der Winter ist umsatzschwach, erst ab Ostern beginnt die eigentliche Saison. Gerade die langen Wochenenden im Mai waren Umsatzgaranten für uns“, klagt Luis Hemmerle. Neben den Nachrichtensendungen werden Hemmerle und seine Kollegen aus der Hotelbranche zur Coronakrise mit Newslettern durch den Bayerischen Hotel- und Gaststättenverband und die DeHoGa informiert. Im übrigen schließt sich Hemmerle der Meinung anderer Hoteliers an, die beklagen, dass seit Jahren grundsätzlich zu wenig Geld für Investitionen bleibt. Veranwortlich sei hierfür unter anderem ausufernde Dokumentationspflichten (DSGVO) und die bis dato ausgebliebene Senkung der Mehrwertsteuer auf sieben Prozent nicht, die, so die Hoteliers, die Chance geboten hätte, Rücklagen zu bilden.

Diesen und anderen politischen Forderungen, ebenso wie bessere Soforthilfen, schnellere Auszahlung des Kurzarbeitergeldes und einen gezielten Öffnungsplan für die Branche hatte sich jüngst auch Geschäftsführer Michael Heel vom Hotel Waldhorn aus Kempten in einem offenen Brief angeschlossen. Seit Jahren zähle sein familiengeführtes Hotel zu den investitionsfreudigsten Übernachtungsbetrieben in der Region. Mit dem kreativ-traditionellen Veranstaltungsort „Michlhof“ und der erst im letzten Jahr neu ausgestalteten „Heel‘s Alpe“ auf dem Gelände der „Allgäuer Festwoche“ hat Familie Heel Zeichen gesetzt. Jetzt ächzt auch der Traditionsbetrieb unter den behördlichen Auflagen. „Das Schlimmste ist, dass ich nicht planen kann, da es keinen verbindlichen Zeitplan zur Lösung der Krise gibt“, sagt Michael Heel am Telefon. „Seit Wochen sind die Betriebe bereits geschlossen. Es können keine, oder nur sehr geringe Umsätze generiert werden. Die Verbindlichkeiten bleiben weiterhin bestehen. Die Branche hat auch nach der Öffnung mit Einschränkungen zu rechnen, ebenso kann kein verlorener Umsatz je nachgeholt werden“, berichtet der erfahrene Gastronom. Das Hotel Waldhorn habe in den letzten Jahren Verantwortung übernommen und bilde in Zeiten des Fachkräftemangels neun Azubis aus. „Unsere Auszubildenden fallen nicht unter die Kurzarbeiterregelung, d.h. wir müssen diese auch in der Krise beschäftigen und vergüten“, sagt Heel. „Wir sind täglich im Kontakt mit Gästen, die verunsichert sind, ob und unter welchen Umständen ihre Familienfeier stattfinden kann.“ Auch diese Ungewissheit nervt den Unternehmer: „Es wird höchste Zeit, dass unserer gesamten Branche über das bisherige Maß hinaus geholfen wird. Hier geht es um Existenzen, die über mehrere Generationen hin aufgebaut wurden. Diese stehen nun kurz vor dem Ruin.“

Einen Teilerfolg konnte derweil Ministerpräsident Markus Söder in Berlin für die Gastronomen erzielen. Ab dem 1. Juli dürfen Gastronomen Speisen mit dem herabgesetzten Mehrwertsteuersatz von sieben Prozent verkaufen. Bei Nachfragen in der Branche loben Gastronomen den Einsatz von Söder, stellen sich aber auch die Fragen: „Warum erst ab dem 1.Juli, warum sieben Prozent nur auf Speisen, nicht aber auf Getränke und warum nur für ein Jahr?“

Jörg Spielberg


Kommentar

Am 30. Januar verkündete der Experte der Bundesregierung Virologe Prof. Dr. Drosten in der rbb-Sendung „Talk aus Berlin“, dass das Tragen von Masken die Ausbreitung der Epidemie nicht eindämmen kann. Am 14. April war es der Bayerische Ministerpräsident Markus Söder, der vor der Europa- und Deutschlandfahne sitzend, bei Maybritt Illner eine bundesweite Maskenpflicht verkündete. Besonders hart betroffen von Ankündungen dieser Art, bei der sich täglich das RKI, die Bundesregierung, die Länderchefs und Angestellte des Öffentlich rechtlichen Rundfunks die Mikrofone wie Staffelstäbe in die Hände reichen, sind all diejenigen, die mit ihrer Existenz für diese Art der Suggestion von Kompetenz und Wissen am Ende geradestehen müssen. Gastronomie und Hotellerie erwarten zu Recht von den Verantwortlichen einen verbindlichen Fahrplan, der aufzeigt, wann es wie weitergeht. Für die Akteure, die tatsächlich Verantwortung übernehmen, sind die von der Kanzlerin verschmähten „Öffnungsdiskussionsorgien“ überlebenswichtig. Diese Diskussionen sichern im besten Fall die Zukunft Tausender Familien und die Gewähr, dass auch kinderlose Politikerinnen Urlaub machen können.

Jörg Spielberg

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