»Ende der Globalisierung?«

Gastvortrag von Ingmar Niemann beim Lions Club

Eine Fotocollage, die ein Containerschiff auf hoher See mit der Aufschrift „Globalisation“ zeigt.
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Der Luftfrachtverkehr ist coronabedingt stark eingebrochen. So hängt der Welthandel der USA, Kanadas, Großbritanniens und Australiens an der Containerschifffahrt – der von Europa, Russland und China nicht zwangsläufig. Bald gibt es Pipelines wie Nord Stream II und eine Seidenstraße …
  • VonJörg Spielberg
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Kempten – In seiner Vortragsreihe „Gespräche zur Zeit“, konnte der Lions Club Kempten/Allgäu am vergangenen Donnerstagabend den Hochschuldozenten Ingmar Niemann begrüßen. Niemann ist für mehrere Bayerische Hochschulen, wie u.a. die LMU München, die Hochschule Kempten sowie die Wirtschaftshochschule in Budapest, als Hochschuldozent für Internationale Politik tätig. Trotz sommerlicher Temperaturen begrüßte der aktuelle Präsident des Serviceclubs Dr. Laszlo Füzesi rund 35 Teilnehmer zum digitalen Dialog.

Niemanns Vortrag „Verständnis global“ war der letzte Beitrag einer Trilogie, bei der zuerst Prof. Judith Glück über die Attribute der Weisheit sprach, gefolgt von Prof. Aladin El-Mafaalani, der sich zu einem „lokalen Verständnis“ als Grundlage menschlichen Zusammenlebens geäußert hatte. Kein Weg zurück.

Kein Weg zurück

Angesichts weltweiter Krisen, die durch die Corona-Pandemie verstärkt wurden, stellte Niemann die zentrale Frage seines Vortrags „Globalisierung oder Deglobalisierung“ an den Anfang seiner Erörterungen. Niemann: „Die Auswirkungen der Corona-Pandemie haben mehrere Einsichten hervorgebracht, u.a. dass es klug ist, u.a. die Produktion von Hygieneartikeln und medizinischen Präparaten nicht ausschließlich ins Ausland zu verlagern, und dass funktionierende Lieferketten wie Glas zerbrechen können, wenn unkoordinierte Lockdowns das internationale Wirtschaftsgeflecht lahmlegen. Da stellt sich schnell die Frage, ob es zukünftig sinnvoll ist auf Multilateralismus zu setzen oder zum Nationalismus zurückzukehren?“

Niemann ist der Überzeugung, es gibt kein Zurück aus der Globalisierung und wer ausschließlich auf nationales und regionales Wirtschaften setzt, wird scheitern. Allerdings, so der Außenwirtschaftsexperte: „Die Mischung macht‘s.” Niemann plädiert dafür, nur dann auf Multilateralismus zu setzen, wenn alle Beteiligten davon profitieren und dies zu moderatem Wachstum in Schwellenländern führt. Voraussetzung dafür ist, dass fair gehandelt, vor Ort klug investiert wird und die ärmeren Länder Korruption und Vetternwirtschaft in den Griff bekommen. Mit dem Verweis auf den scheidenden Bundesminister für wirtschaftliche Entwicklung Dr. Gerd Müller, führt Niemann das Beispiel Ruanda an, das u.a durch die Bundesrepublik auf einem solchen Weg unterstützt wird.

Auch bei der Digitalisierung sieht Niemann keinen Weg zurück, trotzdem er sich der Haltung vieler prominenter US-Unternehmer wie u.a Bill Gates anschließt: „Sie alle schicken ihre Kinder auf Schulen, in denen analog gelernt wird.“ Die Frage „Boom oder Bust nach der Pandemie?“ beantwortet Niemann zurückhaltend. Zuerst werden wohl die USA und China profitieren, erst später die Länder der EU. Zerstörte Lieferketten, stark verteuerte Rohstoffe, verknappte Waren wie Halbleiter-Chips, Abbau von Schulden, all das könnte den Boom bei uns hinauszögern.

Multilateral oder national

Bei der Frage nach den größten Herausforderungen der kommenden Dekade nennt Niemann vier Problemfelder: Globale Erwärmung, Demographie, Migration und wirtschaftliche Entwicklung. Das stellt die Welt vor riesige Herausforderungen, bei deren Lösung es unausweichlich Gewinner und Verlierer geben werde. Fern von Moralismus sieht Niemann die Notwendigkeit, dass die Probleme Global Warming, Rohstoffverbrauch, ungebremstes Bevölkerungswachstum und Migrationsströme ohne Tabus angegangen werden müssen. Am Beispiel Syrien erklärt er, was nicht passieren sollte. Die Mächte, die zum Ausbruch des Krieges mit beigetragen hätten – USA, Saudi-Arabien, Iran und Russland – hätten nicht einen Geflüchteten aufgenommen. Die Flüchtlinge aus Syrien hätten zuerst Zuflucht in internationalen Flüchtlingslagern im Libanon und in Jordanien gefunden. Als den Betreibern vor Ort durch die UNO die Mittel gekürzt wurden, hätten sich Tausende auf den Weg nach Europa gemacht. Die nachfolgende Destabilisierung der EU habe wiederum den Verursachern der Krise politisch in die Hände gespielt.

Ingmar Niemann stellte am Ende die Frage, welches Modell einer Marktwirtschaft sich wohl zukünftig durchsetzen wird. In den westlichen Ländern, angeführt durch die USA und Großbritannien, pflege man einen liberalen Kurs mit Freiheitsrechten für jeden Einzelnen, in wirtschaftlich boomenden Staaten wie China, Südkorea oder Singapur eine staatlich dirigierte, gruppenbezogene Marktwirtschaft, die stets das Wohl aller vor die Freiheit des Einzelnen stelle. Das habe in der Geschichte schon zu obskuren Entwicklungen geführt. In den USA sei seit den 30er Jahren der vorhandene ÖPNV zerstört worden, damit mehr Autos verkauft werden können (General Motors streetcar conspiracy). In China ordnete 1958 der 8. Parteikongress der KP an, dass alle Spatzen des Landes zu erschlagen sind, da sie die landwirtschaftlichen Erträge gefährden. Die Anweisung des Zentralkomitees wurde von abgestellten Brigaden umgesetzt. Jahre danach gefährdeten Insektenplagen die Ernte.

Einen Blick in die Zukunft gab es von Ingmar Niemann am Ende nicht – „Ich habe meine Glaskugel zu Hause gelassen“ – wohl aber einen Blick auf die aktuellen Geschehnisse im südchinesischen Meer.

Mehr von Ingmar Niemann über „UFOs und Drohnen“ findet sich hier.

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