Vieh konnte nicht mehr am See trinken

Allgäuer Grüne diskutieren, wie man Tourismus, Natur und Landwirtschaft unter einen Hut bekommt

Ein Wanderweg in den Alpen mit Schranke und Schild oder Informationstafel, die darauf hinweist, dass Wanderer auf Tiere Rücksicht nehmen sollen.
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Infotafeln weisen die Wanderer auf den sensiblen Lebensraum der geschützten Tierarten hin. Gerade einheimische, ortskundige Wanderer müssen aber wiederholt darauf hingewiesen werden, wenn Wege wegen Birk- oder Auerhuhn geschlossen werden.

Kempten/Landkreis – „Von Touristenströmen überrannt“, „Ansturm von Ausflüglern“, „Naturschützer befürchten Run auf Berge“. Wir haben die Schlagzeilen des Sommers noch im Kopf. Dazu die Bilder von überfüllten Wanderparkplätzen und zugeparkten Rettungswegen und Wiesen. Wenn Schwimmbad, Kino und Geschäfte geschlossen sind, zieht es die Menschen ganz besonders in die Natur. Wie man die Bedürfnisse von Urlaubern, Natur und Einheimischen in Einklang bringen könnte, darüber dachten die Grünen bei ihrem Allgäuer Grünen Lichtmesstreffen nach.

Thomas Gehring, Oberallgäuer Kreisrat und Vizepräsident im bayerischen Landtag, hatte zum Lichtmess-Austausch eingeladen. Er erinnerte an die Diskussion zum Stichwort „Overtourism“ von vor eineinhalb Jahren. Prof. Dr. Alfred Bauer von der Fakultät Tourismus-Management an der Kemptener Hochschule hatte damals die Haltung der Einheimischen zum Tourismus untersucht. „Tourismus ist ok, aber mehr sollte es nicht werden.“ Das war damals der Tenor, erklärte Gehring, dass die Stimmung in der Bevölkerung auch kippen kann.

Wandern liegt im Trend

„Mit Corona ist das Bewusstsein für Natur-Erleben noch einmal gewachsen – und wird bleiben“, so der Abgeordnete. Das neue Stichwort lautet „Besucherlenkung“, denn man wolle das Allgäu als gastfreundliche Region erhalten. Im Naturpark Nagelfluhkette und im Zentrum Naturerlebnis Alpin (ZNAlp) arbeitet man derzeit an Konzepten, wie diese Besucherlenkung künftig aussehen könnte. Bereits jetzt setzten beide Institutionen auf Infotafeln und Ranger, die die Besucher auf die Bedürfnisse von Birkhuhn, Schalenwild und Landwirtschaft hinweisen. Der Naturpark Nagelfluhkette arbeitet zudem eng mit den lokalen Grundschulen zusammen, um das Wissen über Flora und Fauna direkt an die künftigen Wanderer und somit auch an ihre Eltern zu vermitteln. „Die Zielgruppe, die im Moment am meisten Kopfzerbrechen bereitet, sind die Tagestouristen“, sagte Rolf Eberhardt, Geschäftsführer des Naturpark Nagelfluhkette. Immer mehr Gäste aus München, Ulm und Stuttgart nehmen eine bis zu zweistündige Fahrt auf sich, um einen Tag in den Bergen zu verbringen. Eine Zählung von ZNAlp an den Weihnachtsfeiertagen hat ergeben, dass ein Drittel der Nummernschilder aus dem Allgäu und die Mehrheit von zwei Dritteln von weiter weg herkommen. Besonders zu spüren sind die Münchener Wanderer. Laut ZNAlp-Leiter Ethelbert Babl kein Wunder: „Die Münchener Hausberge sind überfüllt.“ Und dass der Ausbau der B12 noch mehr Tagesgäste bringt, darüber waren sich die 33 Konferenzteilnehmer einig.

Für Rolf Eberhardt ist es denkbar, die Besucher von stark frequentierten „Hot Spots“ künftig an Auffangparkplätzen zu bündeln, von wo sie ein Pendelbus zum Ausgangspunkt ihrer Wanderung und zurück bringt. Weitere Infotafeln verteilen die Leute zudem besser im Gelände, so Eberhardt. Sollten es trotzdem zu viele Gäste werden, könnten sie vom Parkplatz direkt zu weniger stark besuchten Wanderzielen gebracht werden. Eberhardt nannte diese Ziele wie beispielsweise das Schiefe Haus in Sibratsgfäll, deren Infrastruktur aber im Vorfeld gestärkt werden müsse. Wichtig war für Eberhardt zudem das Einvernehmen mit allen Beteiligten wie Gemeinden, Landwirtschaft, Forstwirtschaft und Bürgern. „Da muss sauber kommuniziert werden“, sagte er. Man sammle im Moment noch erste Ideen, bevor es konkret wird.

Auf Pendelbusse und frühzeitige Information der Wanderer in sozialen Medien setzt die geplante Besucherlenkung des Naturpark Nagelfluhkette.

Eine weitere Stütze des Konzepts sind die „Influencer“. In ihnen sieht Eberhardt ein großes Potential. Früher hätte der Tourismusverband oder eine Gemeinde entschieden, wie ein Ort beworben wird. Heutzutage lassen sich junge Leute von Fotos der Influencer inspirieren. Bilder von Sonnenaufgängen, Wasserfällen und Panoramas hätten zahlreiche Nachahmer und führten zu mehr Gästen in den Bergen. Deshalb müsse auch die Besucherlenkung auf diesen Kanälen stattfinden. Eine Nachricht des Naturparks über einen gesperrten Parkplatz, die an Weihnachten in verschiedenen Netzwerken wie Facebook und Instagram platziert wurde, hatte knapp 60.000 Leute erreicht. 

Lichtschranken am Berg

Mit Besucherzählung arbeitet dagegen das ZNAlp. Das Zentrum wurde anstatt der Skischaukel in Obermaiselstein eingerichtet und berät Gemeinden und Institutionen, wie man Naturschutz, Tourismus und Landnutzung verbinden kann. Für Forschungszwecke zählen derzeit Infrarot-Geräte an 18 Hot Spots, wie viele Personen pro Stunde dort hinkommen. Passiert eine Person eine Lichtschranke wird sie gezählt. „An den Spitzentagen, dem 4. und 5. Januar, gingen an die 1000 Leute auf das Riedberger Horn“, erklärte ZNAlp-Leiter Ethelbert Babl. Interessant sind für Babl auch die Uhrzeiten, zu denen die Wanderer am Berg unterwegs sind. Schon um 5.30 und auch nach 20 Uhr tappen Wanderer auch im Winter durch die Lichtschranken. Gerade E-Bikes erlauben den Radlern, noch spät im Gelände zu sein. „Die Dämmerung ist natürlich auch die Zeit, die das Wild zum Fressen braucht“, wies er auf eine Problematik hin. Derzeit ermittelt sein Team, wie viele Leute die Hot Spots vertragen. „Am Sommer waren teils so viele Leute am Geisalpsee, dass das Vieh nicht mehr zum Trinken hinkam.“ Werden die Werte überschritten, sollen Hinweisschilder am Parkplatz weitere Ankömmlinge umleiten. Außerdem sollen Anreisende, die noch auf der Autobahn sind, sich über ein Ampelsystem über den aktuellen Besucherstand informieren können. Mitgeliefert werden sollen gleich alternative Wanderziele, die die Wanderwilligen dazu verlocken sollen, ein neues Ziel anzusteuern. 

Pläne kritisch hinterfragt

In der Diskussion zeigte sich die Sorge, dass mit der Besucherlenkung noch mehr Touristen ins Allgäu kommen könnten. „Ich sehe die Gefahr, dass wir erst die Hot Spots voll machen und dann die Ausweichziele“, sprach sich Thomas Noichl dafür aus, auch Parkplätze zu begrenzen und das Marketing einzudämmen. Parkplatzbegrenzungen kamen auch von anderen Teilnehmern immer wieder zur Sprache. Ulrike Hitzler mahnte, sich die Ausweichorte ganz genau anzusehen. „Wenn‘s richtig knallt, knallt‘s überall“, stimmte ein weiterer Zuhörer in die Bedenken ein. Wenn das ganze Allgäu voll ist, sei eine Umleitung eigentlich nicht möglich.

Benannt wurde auch die wichtige Rolle des ÖPNV und der Politik, die hier stark aktiv werden müsse. Einig waren sich alle, dass der Öffentliche Nahverkehr in die Urlaubsregion viel attraktiver werden muss: mit engen Taktungen, Platz für Skiern, Kombitickets für den ganzen Tag sowie attraktiven Preisen. Länder wie die Schweiz und Österreich investierten pro Einwohner zwei bis dreimal so viel wie Deutschland in den öffentlichen Nahverkehr. Auch die Bahnverbindungen – gerade aus dem Raum Leutkirch/Biberach und Stuttgart müssten viel besser und schneller werden, um genutzt zu werden. Laut Eberhardt müsse der Autoverkehr im Gegenzug auch ein wenig unattraktiver werden. Damit meinte er die Parkgebühren.

Zur Vorsicht mahnte Angelika Soyer, Vorsitzende von „Mir Allgäuer“. In dieser Gemeinschaft sind 520 Anbieter von Urlaub auf dem Bauernhof organisiert. Solle Werbung wegfallen, müssten die Gastgeber sensibilisiert und mitgenommen werden. Sie brachte die Idee ins Spiel, die Parkgebühr von beispielsweise 15 Euro mit einem Wertgutschein von zehn Euro für Gastro und Einzelhandel zu verbinden. Weil die Bauernhof-Urlaubsgäste auf ihr Auto angewiesen sind, sprach sich Antje Piekenbrock dafür aus, je nach Zielgruppe verschiedene Maßnahmen und ein differenzierte Marketing ins Auge zu fassen. Eberhardt stimmte zu: „An Urlauber, die länger in der Region sind, kommt man über die Gastgeber ran. Sie freuen sich über deren Tipps.“ Einschränkend kam aber gleich zur Sprache, wie zeitaufwändig diese Tipps sind.

Susanne Lüderitz

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