Immer hoch hinaus

Paraclimberin Anna Lipp klettert mit Handicap im deutschen Nationalkader

Eine junge Frau, die Paraclimberin Anna Lipp aus Kempten, klettert angeseilt eine Kletterwand hinauf.
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Paraclimberin Anna Lipp aus Kempten klettert in der deutschen Nationalmannschaft. Durch eine Krankheit kann sie nur noch ihren rechten Arm bewegen.

Kempten – Das Klettern ist ihre große Leidenschaft. Anna Lipp aus Kempten hat es mittlerweile sogar in die Nationalmannschaft der deutschen Paraclimber geschafft. 2019 hat sie an der Weltmeisterschaft in Briançon teilgenommen. Klingt nach einer Erfolgsgeschichte, allerdings verbirgt sich dahinter ein langer Leidensweg mit vielen Höhen und Tiefen.

Die 31-Jährige gebürtige Münchnerin kann ihren linken Arm seit einer schweren Krankheit 2014 nicht mehr bewegen und klettert einhändig. „Das war ein komplett neues Lebensgefühl, als ich 2016 das erste Mal mit nur einem Arm Fahrrad gefahren bin. Da ich früher schon gebouldert habe, habe ich im weiteren Verlauf zusammen mit einem guten Freund einfach mal ausprobiert, ob ich das ebenfalls mit nur einem Arm schaffe. Das hat ganz gut funktioniert“, verrät Anna Lipp mit Blick auf ihre ersten Kletterversuche.

Bouldern ist eine Form des Kletterns, bei der ohne Gurt und Seil in Absprunghöhe geklettert wird. An Felswänden oder künstlichen Kletterwänden. Ihre Kletterleidenschaft war auch der Grund, warum sie sich vor zwei Jahren das Allgäu als neuen Lebensmittelpunkt ausgesucht hat. „Ich musste für meine Therapien die letzten sechs Jahre immer mal wieder in die Fachklinik Enzensberg und kannte die Gegend deshalb schon recht gut. Ich hatte irgendwie das Gefühl, ich komme in München nicht so richtig in die Kletterwelt rein. Das Allgäu war für mich daher perfekt. Keine Millionenstadt und man trifft überall Outdoor-Sportler. Außerdem liebe ich die Berge.“ 2018 hat sich die gelernte Erzieherin daher für ein Studium der Sozialen Arbeit an der Hochschule Kempten entschieden.

Doch wie kam es dazu, dass Anna Lipp ihren linken Arm nicht mehr bewegen kann? „Ich leide an einer seltenen Krankheit. Morbus Sudeck oder auch CRPS, komplexes regionales Schmerzsyndrom. Das ist vereinfacht gesagt eine Wundheilungsstörung mit Beteiligung des vegetativen Nervensystems. Nach einer Verletzung kommt es zu anhaltenden Schmerzen im Bereich der Wunde. Meistens sind die Arme oder Beine betroffen, vor allem nach Knochenbrüchen. In meinem Fall war ein gebrochener Arm die Ursache. Den habe ich mir bereits im Jahr 2012 beim Fußball spielen gebrochen. Kicken war früher mein Ein und Alles. Ich habe für den FFC Wacker München gespielt und war im Leistungssport recht erfolgreich unterwegs“, erzählt Lipp. „Da ich oft verletzt war, habe ich meine große Leidenschaft aber 2014 aufgegeben. Den Bruch habe ich erstmal gut weggesteckt und hatte keine größeren Probleme.“

Auf einmal alles schlagartig anders

Der Tag, der für Anna alles verändert hat, war der 4. November 2014. „Den werde ich nie vergessen. Ich hatte die Monate vorher auch schon öfter mal Schmerzen in meinem linken Arm, aber ich habe mir nichts dabei gedacht und war weiterhin oft und regelmäßig beim Klettern. Als ich am 4. November morgens aufgewacht bin, hatte ich das Gefühl, jemand würde mir das Handgelenk zudrücken. Die Hand war dick und ich hatte Schmerzen, aber es war noch aushaltbar.“

Anna Lipp hatte zu der Zeit eine Ausbildung zur Physiotherapeutin am Klinikum Großhadern in München begonnen. „Rückblickend war das mein großes Glück. Ich hatte immer Fachkräfte um mich herum, die kompetent genug waren, den Ernst der Lage zu erkennen. Seit dem 4. November wurden die Schmerzen kontinuierlich schlimmer und der Schlüsselmoment war dann, dass ich einen Patienten in meinem Praktikum bei der Neurologie plötzlich nicht auffangen konnte, als er zu stürzen drohte. Allein die Berührung mit meinem linken Arm hat mich aufschreien lassen und ich konnte mit der linken Hand nicht mehr greifen. Ich habe sofort eine Lehrerin an meiner Physioschule gefragt und die hat es erkannt. „Das schaut nach einem Sudeck aus“, war ihre erste Vermutung. „Ich hatte dann innerhalb von drei Tagen die Diagnose. Das ist ungewöhnlich, denn meist ist es für Betroffene eine Odyssee und sie konsultieren zig Ärzte, bis die Krankheit am Ende erkannt wird. Wenn überhaupt“, berichtet die 31-Jährige. Früh erkannt und richtig behandelt ist die Prognose für CRPS-Patienten recht gut. Innerhalb der ersten zwei Jahre nach Auftreten können noch viele Fortschritte gemacht werden. Bei Lipp kam es allerdings unter anderem zu Behandlungsfehlern in der Therapie und am Ende zu einem weitestgehenden Funktionsverlust ihres linken Arms durch Gelenkversteifung und Schrumpfung der Haut, Sehnen und Muskeln. 

Der lange Weg zurück in den Alltag

Als „negativen Meilenstein“ bezeichnet sie die Zeit um Fasching 2015. Bis dahin hatte sie versucht mit einer ambulanten Therapie Erfolge zu erzielen und ihre Ausbildung zur Physiotherapeutin weiter hartnäckig verfolgt. „Ich habe wahrscheinlich zu viel gemacht. Ich wollte gesund werden, habe viel trainiert und war zielstrebig, weil ich unbedingt meinen Traumberuf abschließen wollte. Fasching 2015 ging dann gar nichts mehr. Over and out. Da musste ich zu der Entscheidung kommen, die Ausbildung schweren Herzens abzubrechen. Im Jahr 2015 kam sie später dann das erste Mal in die Fachklinik Enzensberg für eine weitere stationäre Schmerztherapie. „Auch psychisch war ich völlig neben der Spur. Das war eine schwere Zeit. Bei meinem ersten Aufenthalt habe ich in der Klinik einen jungen Mann mit nur einem Bein kennengelernt, der gerade das Klettern angefangen hatte. Ich habe für mich aber ein bisschen gebraucht, bis ich mich auf den Klettersport einlassen konnte und wollte. Ich kam ja durch den Fußball schon aus dem Leistungssport und kannte das alles. Die immense Zeit, die man investiert, um zu trainieren. Freunde vernachlässigen, nicht in den Urlaub fahren und so weiter. Das wollte ich nicht mehr.“ 2017 hat Lipp hat schließlich ihren ersten Lehrgang im Paraclimbing in Nürnberg absolviert. Da es aktuell noch wenig gehandicapte Menschen gibt, die klettern, trainieren die Sportler deutschlandweit in Trainingslehrgängen und Workshops. Meist in Frankfurt, Nürnberg, Augsburg oder München.

Teilnahme an der Weltmeisterschaft

„Mein erster Wettkampf war 2019. Da war ich schon hier im Allgäu.“ Beim Internationalen Paraclimbing Masters in Imst (Österreich) gewann Lipp in ihrer Klasse den Titel. Nächste Station war kurz darauf die Weltmeisterschaft der Paraclimber im französischen Briançon. „Da war es sportlich schwierig, weil ich in der Klasse AU2 starten musste. AU2 sind Unterarmamputierte, die in der Regel noch einen Stumpf haben, mit dem sie klettern können. Also haben sie letztlich anderthalb Arme zur Verfügung. Ich allerdings nur einen. Mit einem Arm hast du im Überhang keine Chance. Aber es hat Spaß gemacht, bei so einem Turnier teilzunehmen, und ich habe viele tolle Menschen getroffen und konnte mich austauschen.“

Wie soll es sportlich in Zukunft weitergehen? „Ich werde auf alle Fälle weiter trainieren und mein Bestes geben. Ich habe schon Kraft, aber mir fehlt stellenweise noch die Technik. Ich möchte nicht auf Biegen und Brechen um einen Platz im Nationalkader kämpfen. Wenn ich dabei bin und Erfolg habe, kein Thema, aber an erster Stelle stehen inzwischen meine Freunde und mein Freund. Das habe ich aus der Vergangenheit gelernt. Ich sehe das jetzt deutlich lockerer als früher. Vielleicht steht auch irgendwann mal Familie an, wer weiß“, lächelt Lipp. Die 31-Jährige geht weiterhin zur Physiotherapie, auch wenn die Hoffnung auf vollständige Heilung nach mehr als sechs Jahren schwindet. Gibt es denn Dinge, die mit nur einer Hand besonders schwerfallen? „Ehrlich gesagt, habe ich mir nie so richtig schwergetan, mit nur einem Arm zu leben. Ich lasse mir ungern helfen und hab recht schnell gelernt, alles nur mit rechts zu machen. Jacke zumachen, Schuhe binden, geht alles. Glücklicherweise bin ich Rechtshänderin, also musste ich nicht umlernen, was die starke Hand angeht. Nur Haare binden, stimmt, das war wirklich schwer. Eine Zeitlang habe ich das noch versucht, aber dann habe ich sie halt abgeschnitten.”

Kathrin Dorsch

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