Solarenergie um jeden Preis?

Investor plant PV-Freiflächenanlage auf dem Mariaberg

Ein Solarpark aus aufgeständerten Photovoltaik-Panelen auf einer Wiese.
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Passen Solarparks ins Allgäu? Wenn ja, wo? Zwar ermöglichen heute auf fünf Meter Höhe aufgeständerte Panele landwirtschaftlichem Gerät weiterhin das Arbeiten darunter. Aber ist das auch sinnvoll?
  • VonChristine Tröger
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Kempten – Die Energiewende ist in aller Munde. Ein wichtiger Baustein dabei ist die Solartechnik zur Energiegewinnung. Auch wenn Dächer als Standorte von PV & Co. noch bei weitem nicht ausgeschöpft sind, richtet sich der Fokus immer stärker auf die Nutzung von freien Bodenflächen – nicht immer ohne Diskussionen. Schließlich muss CO²-arme Energiegewinnung unter einen Hut gebracht werden mit dem Schutz der Natur, dem möglicherweise für den Tourismus wichtigen Erhalt des Landschaftsbildes und manchem mehr. Jüngst war das Vorhaben an die Stadt herangetragen worden, bei Elmatried auf dem Mariaberg eine größere PV-Freiflächenanlage (PV-FFA) zur Energie-Erzeugung von etwa zwei bis drei Megawatt pro Jahr zu errichten. 

Laut Energieatlas Bayern (www.energieatlas.bayern.de) werden als spezifischer Flächenbedarf für PV-Freiflächenanlagen standardmäßig 20 Quadratmeter pro Kilowattstunde (KWp) angesetzt. Die Stadt Kempten will bis zum Jahr 2050 ihr selbst gestecktes ehrgeiziges Ziel erreichen, indem sie die Energiewende umsetzt und klimarelevante Emissionen quasi auf Null gesetzt werden. Der Klimaschutz ist eines der fünf langfristigen strategischen Ziele der Stadt. Dennoch unterstützt die Stadt das Solarprojekt des Unternehmers nicht. Die Gründe sind vielfältig.

Wie Baureferent Tim Koemstedt auf Nachfrage erklärt, handelt es sich bei PV- oder Solarparks zunächst einmal um eine gewerbliche Nutzung, die „nach dem Baugesetzbuch im Außenbereich nicht zulässig“ sei. Um das nötige Baurecht zu schaffen, müssten erst Teile des Flächennutzungsplans (FLP) geändert werden. Derzeit werde der FLP ja überarbeitet „und in diesem Duktus wird das zu diskutieren sein“. Aktuell gebe es, so Koemstedt, auf Kemptener Gebiet keine solche Nutzung von landwirtschaftlicher Fläche, „Anfragen von Großinvestoren gab es in der Vergangenheit schon viele“. Lasse man jetzt eine Ausnahme zu, „würde das einen Präzedenzfall schaffen“, äußert er Sorge um das Bild der nicht nur von Touristen geschätzten Allgäuer Landschaft.
Seines Erachtens sollten besser „vorrangig alle Dachflächen im Stadtgebiet“ genutzt werden sowie „die Potentiale in versiegelten Bereichen“, wie z.B. entlang von Autobahnen, Bahntrassen oder ehemaligen Mülldeponien wie z.B. im Fall des Solarparks des AÜW in Ursulasried. Vor allem aber sollte das Thema „regional abgestimmt werden“, meint Koemstedt.

Fraunhofer-Institut sieht Chancen

Die Frage, ob PV-Anlagen ökologisch wertvolle Flächen zerstören, beantwortet das Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme ISE (www.ise.fraunhofer.de) mit einem klaren Nein. Vielmehr würde sogar die Renaturierung gefördert und auch die Biodiversität könne unter bestimmten Umständen zunehmen. Durch die Einzäunung der Anlagen sieht das Institut zudem eine Chance für Bodenbrüter, da die Fläche gegen unbefugte Zutritte sowie freilaufende Hunde geschützt sei. Und auch ein anderer gewichtiger Vorteil von PV-FFA wird in dem Leitfaden (www.pv-fakten.de/) aufgeführt: „Die Trockenlegung von Moorflächen für die intensive landwirtschaftliche Nutzung führt zu einem dramatischen Anstieg ihrer CO²-Emissionen. Alternativ könnten auf bereits genutzten Moorflächen angepasste PV-Kraftwerke mit reduzierter Belegungsdichte einen Flächenertrag ohne intensive Landwirtschaft erbringen. Die teilweise Beschattung durch PV wirkt der Austrocknung von Moorflächen entgegen bzw. unterstützt die Wiedervernässung.“

Verschattung hat Einfluss

In eine ähnliche Richtung weisen auch britische Forscher der Lancaster University und des Lancaster Environment Centre. Sie sehen Potential u.a. darin, dass die Verdunstung verringert und das auf den großen Flächen der Solarmodule anfallende Wasser gesammelt und zur Bewässerung genutzt werden könne. In ihrer Studie haben sie zudem herausgefunden, dass sich die durch die Solarmodule verursachte Verschattung auf die Temperatur darunter auswirkt und damit zwangsläufig auf Pflanzenwachstum wie Artenreichtum. Aus Sicht der Forscher könnten deshalb nicht nur Schafe dort grasen, sondern auch Pflanzen angebaut werden, die keine zu starke Sonneneinstrahlung vertragen.

Nabu sieht noch Forschungsbedarf

Auch der Naturschutzbund (Nabu) hebt in seinem Infopapier „Der naturverträgliche Ausbau der Photovoltaik. Nutzung von Solarenergie in urbanen und ländlichen Räumen, auf Dächern und in der Fläche“ zwar mögliche Synergieeffekte zwischen PV-Freiflächenanlagen und Naturschutz hervor, mahnt aber auch, dass zur ökologischen Aufwertung von Flächen durch PV-FFA zwar erhebliche Potenziale bestünden, es aber auch noch Forschungsbedarf gebe. „So sind die Kenntnisse über konkrete Auswirkungen auf die biologische Vielfalt, etwa zum Meideverhalten von Arten, bisher unzureichend. Außerdem fehlen Grundlagen wie geeignete Leitfäden, um standortgerechte Saatgut-Mischungen für die vor allem auch kleinräumig diversen Solarparks zu identifizieren. Die Potenziale einer Dreifachnutzung – Photovoltaik – Landwirtschaft – Biodiversität – gilt es vertieft zu erforschen“, heißt es weiter in dem 28 Seiten umfassenden Papier (www.nabu.de/imperia/md/content/nabude/energie/solarenergie/210421-nabu-infopapier-photovoltaik.pdf).

Für den Nabu ist die Veränderung der Landschaft durch PV-FFA vor allem wegen des möglichen Verlustes von Lebensräumen von Arten ein Problem. „Lebensräume können als Niststätten oder Rastgebiete verloren gehen, zum Beispiel für empfindliche Wiesenvogelarten oder rastende Wasservögel“ und durch die Umzäunung könnte für Säugetiere „eine unüberwindbare Barriere entstehen“. Ferner weist der Nabu darauf hin, dass Wasserinsekten PV-Module mit Wasserflächen verwechseln könnten. „In der Nähe abgelegte Insekten-Eier können sich in solchen Fällen nicht richtig entwickeln, da der Lebensraum dafür fehlt oder die Larven nach dem Schlupf kein Wasser finden.“

Für und Wider gibt es reichlich. Wie Baureferent Tim Koemstedt sagt, wird es am Ende der Diskussion eine „spannende Frage der Abwägung aller Belange“ sein.

Christine Tröger

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