Kempten poliert sein Fahrrad-Image

Rad-Beauftragte kümmern sich um Themen aus dem Mobilitätskonzept

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Flüssig radeln lässt es sich jetzt unterhalb der sanierten König-Ludwig-Brücke.

Kempten – „Der Radverkehr wird in den nächsten Jahren ein Schwerpunktthema“, sagte Oberbürgermeister Thomas Kiechle bei der letzten Sitzung des Verkehrsausschusses.

Aktuell liege das Radverkehrsaufkommen bei 14 Prozent. „Das wollen wir steigern“, so der OB. Dafür stellt die Stadt jetzt einen Radverkehrsplan auf, und für deren Umsetzung einen eigenen Mitarbeiter ein. Stefan Sommerfeld, in der Stadt bereits bekannt durch die Bike-Initiative Kempten, hat nun die Mission, sich mit den strukturellen Gegebenheiten des Radverkehrs zu beschäftigen. Bereits seit zwei Jahren bilde das Mobilitätskonzept die Grundlage zur Verbesserung des Radverkehrs. Stephan Schlüter, Radverkehrsbeauftragter der Stadt Kempten, stellte eine 14 Punkte umfassende Liste laufender oder bereits umgesetzter Projekte vor (siehe Infokasten). Unter anderem konnte die Stadt in „längeren Verhandlungen“ bewirken, dass die Radverbindung am Rothkreuz/Pulvermühlenweg weitere fünf Jahre offen bleibt. Anwohner, über deren Grundstück der Fuß- und Radweg führt, hatten angekündigt, das Teilstück zu sperren. Unter anderem ging es um die Sicherheit der Rottachbrücke im Winter und ein Bauvorhaben der Eigentümer. „Wir prüfen gerade, ob nach Ablauf der fünf Jahre, die alte Bahnlinie als Radweg genutzt werden kann“, erklärte Schlüter. Die ersten vier Projekte, um die sich Stefan Sommerfeld im Rahmen des Radverkehrsplans kümmern will, stellte auch er im Verkehrsausschuss vor. Höchste Priorität habe die Herstellung einer zentralen Nord-Süd-Achse für Fahrräder über die Memminger, Salz-, Mozart-, Königsund Bahnhofstraße. Die Salzstraße besitze zum Beispiel noch gar keinen Radweg. An anderer Stelle reichten kleinere Maßnahmen wie das Absenken von Bordsteinen, die Einführung von eigenen Rad-Abbiegespuren oder die Beseitigung von Absteigestellen. Auch die Anbindung von Sankt Mang steht oben auf der Prioritätenliste. Wie für den Autoverkehr sei die Stelle Ludwigstraße/Schumacherring/ Füßener Straßen der „Flaschenhals“,

der für die Radfahrer verbessert werden müsse. Noch keine konkrete Kandidatin nannte Sommerfeld als eine mögliche Fahrradstraße, wo Radfahrer nebeneinander

fahren dürfen, die Autos maximal 30 Stundenkilometer. Gleich eine Idee, „wo die Leute sich das mal anschauen können“, führte Dr. Dr. Robert Wiedenmann (Freie Wähler) ins Feld und nannte die Parkstraße. „Wichtig ist, dass so eine Straße Sinn macht“, warf der OB ein. Sein Anspruch sei es, im nächsten Verkehrsausschuss einen Vorschlag für eine Fahrradstraße zu präsentieren. Eine längere Abwägung zog die Ankündigung mehrerer neuer Fahrradstellplätze nach sich. Unter anderem will die Verwaltung am Hildegardplatz und an der Residenz in den Sommermonaten je einen Autostellplatz für Räder freigeben. „Der Druck auf die bestehenden Radstellplätze ist gerade an Markttagen sehr hoch“, erklärte Schlüter. Bürgermeister Josef Mayr hielt die Fahrradbügel am Kirchberg für besser aufgehoben, wenn man die Fahrtrichtung und das größere Platzangebot dort betrachte. Thomas Hartmann von den Grünen argumentierte entgegengesetzt, den Stellplatz in Nachbarschaft zu den bestehenden zu errichten, da man „mit dem Fahrrad immer genau dort hinfährt, wo man möchte“, und nicht zusätzlich gehen wolle. Die Platzwahl sei nicht willkürlich, erklärte Schlüter, Bäume und Parkautomaten seien einschränkende Faktoren. Eventuell könne man noch einen Parkplatz vor der Eisdiele freigeben. Wolfgang Hennig würde die Parkplätze ganzjährig den Fahrrädern zur Verfügung stellen. „Dann haben wir ein paar Autoparkplätze weniger, das ist es ja, was wir möchten“, so der SPD-Politiker, der für diese Stellplätzen zusätzlich Helmschließfächer anregte. Dass die Freigabe immer eine Frage der Zumutbarkeit sei, wandte Kiechle ein: „Wir greifen auch immer in das Thema Bewohnerparkplätze ein.“ 

Parkhäuser nicht nur für Autos

 Den Stellplatz-Bedarf „allein mit Bike-Boxen decken zu wollen“, hielt Mayr für zu kurz gedacht. Gerade an der Berufsschule und der FOS/BOS „muss bald was Größeres her“. Das sah auch Schlüter so. Der Radverkehrsbeauftragte sei bereits im Gespräch mit der Sozialbau. Diese zeige sich offen, in ihren Parkhäusern je drei Parkplätze zu zweistöckigen Radstellplätzen umzufunktionieren. „Das Problem sind im Moment noch die Abfahrten“, so Schlüter. In puncto Berufsschule fragte sich Karl Sperl (CSU), warum die überdachten Fahrradstellplätze an der Wiesstraße nicht genutzt werden. Hier vermutete Schlüter, den Anspruch der Radfahrer, stets bis zur Tür zu fahren. 

Zweifel an Finanzierbarkeit 

Bürgermeister sah vor allem die finanziellen Herausforderungen, die mit dem Radverkehrsplan einhergehen: „Diese Dinge sind nur zu einem kleinen Teil im Haushalt verankert“, zeigte er sich skeptisch ob der Umsetzbarkeit. Tiefbauamtsleiter Markus Wiedemann beschwichtigte: Man werde „nicht die ganze Stadt umgraben“, sondern viele kleine Maßnahmen wie Lichtanlagen oder Beschilderungen umsetzen. Weitere Anregungen kamen von Helmut Berchtold (CSU), der wissen wollte, ob die Öffnung der König-Ludwig-Brücke eine Erleichterung für die Füssener Straße gebracht habe und ob man das Augenmerk nicht doch auf die Illerwestseite legen solle. Alexander Buck (CSU) regte Markierungen in der Westendstraße an, um die dortigen Gefahren zu entschärfen. Wie man in anderen Städten mit E-Rollern umgehe beobachte die Stadt sehr genau, erklärte Schlüter auf Nachfrage von Wiedenmann. 

Damit der Radverkehr in Kempten besser fließen kann:

Geplant

• Beidseitiger Radweg an der Immenstädter Straße zwischen Mozartstraße und Mahler-Lochbihler-Straße (der Kreisbote berichtete). Baubeginn: 2020
• Verlängerung und Komplettausbau (Breite 2,5 Meter) des Geh- und Radwegs an der Linggener Straße in südliche Richtung. Bautermin: 2020/2021 • Verbesserungen für den Radverkehr in der Füssener Straße
• Eine zweite Bike-Box mit Werkzeugen, Schließanlage und Lademöglichkeit für E-Bikes (evtl. Interreg-gefördert)
• Weitere Bike-Anlage für Erwachsene und Kinder am Engelhaldepark
• Bessere Fahrradanbindung von Sankt Mang an die Innenstadt mit einzelnen Maßnahmen
• Eine durchgehende Radwegverbindung von Nord nach Süd mit einzelnen Maßnahmen.
• Einführung von Fahrradstraßen 

Bereits umgesetzt

• Umbau des Radwegs an der König-Ludwig-Brücke (breiter, ebener)
• Wo möglich, Öffnung der zweiten Rad-Fahrtrichtung in Einbahnstraßen, zum Beispiel in der Hirnbeinstraße; wo nicht möglich, sollen nach weiteren Prüfungen kleinere Anpassungen erfolgen; derzeit in Prüfung: Parkstraße
• Breiterer Radweg auf der Oberen Eicher Brücke und Anschluss an den Radweg entlang der Oberstdorfer Straße
• Entschärfung der Gefahrenstelle an der Ecke Schumacherring/Ludwigstraße mit einer Verschwenkung der Auto-Fahrbahn und Verbreiterung des Radwegs
• Neue Vorfahrtsregelung für Radler an der Jahnstraße Ecke Illerdamm

Susanne Lüderitz

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