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Kempten: Heftige Debatte über den Rundweg Erinnerungskultur Nationalsozialismus 

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Von: Christine Tröger, Helmut Hitscherich

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Nahaufnahme eines zerlumpten jüdischen Abzeichens
Nahaufnahme eines zerlumpten jüdischen Abzeichens (Symbolbild) © Panthermedia/nito103

Stelen, die an den Nationalsozialismus in Kempten erinnern sollen, lösen eine Debatte aus.

Das Thema Rundweg Erinnerungskultur Nationalsozialismus hat die Haushaltsberatungen des Kulturamtes in den Hintergrund treten lassen. Alles drehte sich um die Stelen dafür. Es ging einerseits darum, ob jetzt der richtige Zeitpunkt für die Realisierung dieser Maßnahme ist, und andererseits, wo das Thema angesiedelt werden soll. Während knapp 45 Minuten wurde darüber debattiert, ob bereits im kommenden Jahr, wie von Kultamtsleiter Martin Fink gewünscht, 15 Stelen zu Kosten zwischen 5.000 und 10.000 Euro je Stele, entlang eines Rundweges Erinnerungskultur Nationalsozialismus aufgestellt werden sollen. Im Haushalt 2023 waren hierfür 100.000 Euro eingestellt. An diesen Stelen entzündeten sich die Gemüter.

Helmut Berchtold (CSU) sieht die Aufarbeitung der NS-Zeit zwar unstrittig, „aber jetzt schon in eine Investition im sechsstelligen Bereich zu gehen, erscheint mir nicht angebracht, zumal man die für den Rundgang APC Park eingeplanten Kosten von 190.00 Euro auf jetzt 10.000 Euro gekürzt hat.“ Für ihn ist jetzt nicht der richtige Zeitpunkt, diese Stelen aufzustellen. In der Stadt gebe es Schilder aller Art mit unterschiedlicher Farbgebung und das müsse vereinheitlicht werden. „Jetzt überall Sachen aufzustellen, ohne genau zu wissen, ob wir das brauchen – wir sollten die 100.000 Euro nach hinten schieben, zugunsten des APC Parks und dort Gelder einstellen und den APC Park weiterentwickeln“, so Berchtold.

Thema Rundweg Erinnerungskultur Nationalsozialismus in Kempten:

Laut Fink hat das Kulturamt in den nächsten beiden Jahren keine Kapazitäten, um diese Mittel im APC Park zu verwenden. „Wir prüfen aber, was wir mit unseren eigenen Kapazitäten erreichen können.“ Die Frage von Prof. Dr. Robert Schmid (CSU), ob es Fördergelder für die Erinnerungskultur gibt, blieb unbeantwortet. Berchtold wies allerdings darauf hin, dass das Thema Rundweg Erinnerungskultur Nationalsozialismus ein Paradebeispiel für eine LEADER-Förderung sei. „Wir sollten das auch anpacken. Ich will die Mittel ja nicht streichen, sondern nur nach hinten schieben“, betonte Berchtold. Josef Mayr (CSU) möchte das Wegesystem im Gesamtkontext gemacht sehen. „Kultur, Tourismus und Stadtentwicklung ist Thema des Stadtmarketings“, befand Joachim Saukel (FW). „Wie die Stelen ausschauen und wo sie aufgestellt werden, ist schon Sache des Stadtmarketings.“ Dem widersprach der Kulturamtsleiter und wies ausdrücklich darauf hin, dass das Thema Erinnerungskultur „ein eigenes Thema ist, im Kulturamt angesiedelt und kein Stadtmarketingthema ist.“

Andreas Kibler (FW) verdeutlichte, dass es darum gehe, die Opfer der NS-Zeit aufzuzeigen. „Ich möchte das nicht im Stadtmarketing sehen. Wir brauchen dafür eigene Stelen mit einem eigenen Outfit. Wir sind in Kempten sehr spät dran. In anderen Städten sind sie weiter. Die haben das teilweise schon abgeschlossen.“ Für Lajos Fischer (Grüne) ist der angefangene Prozess einerseits wissenschaftlich, andererseits müssten die Orte gekennzeichnet werden. „Das hätte man im Übrigen schon längst machen müssen. Für mich sind die Stelen notwendig.“ Er beantragte, das Thema Stelen auch in der Kommission Erinnerungskultur zu behandeln. Dieses Thema „wird uns noch länger beschäftigen“, war sich OB Thomas Kiechle sicher. „Es geht nicht um entweder oder.“ Es gehe nicht um „das gegenseitige Ausspielen zweier Themen“. Er schlug verschiedene Vorgehensweisen vor: Streichung der 100.000 Euro und diese dem APC zuführen oder das Budget auf 25.000 Euro zu kürzen.

Als weitere Alternative: Streichung der veranschlagten Summe. Denn „wir haben immer Geld notwendig“, so Kiechle. Den Vorschlag, die 100.000 Euro auf 25.000 Euro zu kürzen, konnte Martin Fink nicht nachvollziehen. „Mit diesem Geld kommen wir nicht weit. Eine Agentur kann man mit diesem Thema nicht beauftragen, das müssen wir selbst machen.“ Sollten die Gelder in den APC verschoben werden, „schieben wir diese Gelder weiter und weiter, weil wir keine Kapazitäten haben“, so Fink. Franziska Maurer (Grüne) und Andreas Kibler wiesen nochmals darauf hin, dass eine Verschiebung der Gelder zum APC keinen Sinn ergebe, da dort keine Kapazitäten vorhanden seien. Letztendlich beschlossen die Mitglieder des Haupt- und Finanzausschusses, 25.000 Euro zu belassen und die übrigen 75.000 Euro zurückzuführen. Mit 25.000 Euro „kann ich leben“, meinte Fink im Nachgang der Sitzung auf Nachfrage. Mit 100.000 Euro „hätte ich gleich loslegen und in die Umsetzung gehen können“ und mit 50.000 Euro Ansätze einer Umsetzung realisieren. Jetzt reiche es immerhin für ein Konzept und die Suche nach Fördermitteln, was durchaus auch sinnvoll sei.

Kommentar von Helmut Hitscherich

Wer das Thema Rundweg Erinnerungskultur Nationalsozialismus dem Stadtmarketing zuordnen will, hat das Thema Erinnerungskultur Nationalsozialismus nicht durchdrungen. Themenfelder des Stadtmarketings sind Tourismus, Kultur und Einzelhandel. Die Darstellung der Vorgänge in Kempten während der NS-Zeit mittels Stelen an ausgewählten Orten soll den Menschen verdeutlichen, was in Kempten während der NS-Zeit geschehen ist. Das wird auch höchste Zeit. In Kempten wurden viel zu lange die Augen verschlossen. Dieser Weg kann nicht mit einem Rundweg zu touristischen Zielen oder dem Rundweg im APC Park verglichen werden. Daher ist es unabdingbar, dass der Rundweg Erinnerungskultur Nationalsozialismus ein eigenes Erkennungsmerkmal besitzt. Er muss sich von der noch so wünschenswerten einheitlichen Ausschilderung für den Bereich Tourismus und Kultur unterscheiden und sofort ins Auge stechen. Bis auf Andreas Kibler (FW) haben das die anderen Mitlieder des Ausschusses nicht erkannt. Mit der jetzigen Entscheidung, statt 100.000 Euro nur 25.000 Euro in den Haushalt einzustellen, wird wieder einmal Zeit verloren, bis die doch so wichtige Darstellung der Kemptener NS-Zeit mittels dieser Stelen umgesetzt wird. Das Feilschen um diese 100.000 Euro war unwürdig und respektlos gegenüber diesem so wichtigen Aufarbeitungsthema. Warum sich Oberbürgermeister Thomas Kiechle nicht mit Nachdruck für den Verbleib der 100.000 Euro im Budget des Kulturamtes eingesetzt hat, ist nicht nachvollziehbar. In der Vergangenheit wurden bereits viele Erkenntnisse und wissenschaftliche Untersuchungen gemacht, die schon jetzt die Darstellung der NS-Zeit mittels Stelen erlauben. Es geht also nicht um das Vermarkten, sondern einzig und allein um das Erinnern.

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