Die verlorene Generation?

Schüler, Studenten und Lehrer berichten vom Lernen in Corona-Zeiten

Eine junge Frau mit Kopfhörern hinter einem roten Laptop, neben ihr auf dem Tisch Mappen und eine Kaffeetasse.
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Schüler und Lehrer haben die Erfahrung gemacht, dass Distanzunterricht aufwendig, aber auch abwechslungsreich ist.

Kempten – Viele Familien atmen auf. Nach einer langen Phase Bildschirm-Lernen erlaubt das Kultusministerium Wechselunterricht für weitere Jahrgangsstufen. Ab Montag, 22. Februar, dürfen neben den Abschlussklassen auch die GrundschülerInnen wieder im Klassenzimmer lernen. Noch warten müssen die Jahrgangsstufen 5 bis 11. Wie ist die Stimmung bei Lehrern, älteren Schülern (und Studierenden)? Hier ein paar Schlaglichter:

„Ganz gut“ findet es Gymnasiast Benjamin Dürr vom Hildegardis-Gymnasium, dass er wieder Wechselunterricht hat. Denn so kann er seine Freunde sehen. Trotzdem zeigt sich der Abiturient auch mit dem Distanzunterricht recht zufrieden. „Bis auf kleinere Missverständnisse läuft der Distanzunterricht fast reibungslos“, sagt er. Das liege auch daran, dass kaum mehr mit der vom Kultusministerium zur Verfügung gestellten überlasteten Plattform „Mebis“ gearbeitet werde. Der Unterricht läuft jetzt meist über „Teams“. Dazwischen gibt es Gruppenarbeit oder Videos. Trotzdem „wird es in manchen Fächern nach eineinhalb Stunden Unterricht schon zäh“, sagt Dürr. Aber den Lernfortschritt findet der Schülersprecher „ok“. Klar, „wenn einer nicht will, dann ist er weg“, erklärt er, „aber meine Mitschüler bleiben am Ball und machen mit“.

In einer relativ entspannten Position seien die AbiturientInnen, weil einige schriftliche Noten weggefallen sind. Derzeit werden vor allem mündliche Noten gemacht. Auch der Abiturstoff fällt ein wenig knapper aus. „Ein Themenbereich pro Fach wird kaum oder weniger behandelt.“

Angst, dass sein Jahrgang mit diesem abgespeckten „Corona-Abitur“ schlechtere Chancen hat, zeigt Benjamin Dürr nicht. „Klar ist dieses Jahr alles anders, aber der Umgang mit Technik ist auch wichtig“, sagt er.

Trotzdem hat Corona Auswirkungen auf Dürrs Pläne. Eigentlich will er in München den englischen Studiengang „Technology & Management“ studieren. Doch mit der Pandemie besteht die „Gefahr, dass es ein Fernstudium wird“. Im Moment überlegt der Schüler, ob er zuerst noch den Wehrdienst oder Praktika dazwischenschieben soll. 

Das Abitur bereitet Benjamin Dürr vom Hildegardis-Gymnasium keine Sorgen, doch ob er dann sofort sein Studium beginnt, ist durch die Pandemie noch offen.

»Unheimlich aufwändig«

Dass der Distanz-Unterricht sich eingependelt hat, zeigt auch ein Blick in die Realschule. Hat ein Schüler keinen Computer, leiht er sich ein I-Pad von der Schule. Die Lehrer achten auf Abwechslung. Da folgt eine Cloud-Freiarbeit auf eine Videokonferenz und diese wiederum auf eine Präsentation. Manche Lehrer setzen auch auf Wochenpläne, die den Schülern erlauben, sich den Stoff einer Woche relativ frei einzuteilen. Trotzdem lassen sich sechsstündige Videokonferenzen nicht vermeiden. „Sechs Stunden Teams ist schwierig, kommt aber manchmal vor, gerade bei den Abschlussklassen“, sagt ein Kemptener Realschullehrer, der nicht namentlich genannt werden will.

Sensibel achten die Kollegen darauf, ob die SchülerInnen mitarbeiten und ihre erledigten Aufgaben wieder an die Lehrkraft zurückschicken. So soll verhindert werden, dass Schüler zurückbleiben. „Seit dem ersten Lockdown hat sich das super entwickelt“, erklärt der Lehrer. Fallen derartige Lücken auf, erkundigen sich die Lehrer telefonisch bei den Eltern, ob es technische Probleme gibt.

Fallen hierbei andersgeartete Probleme auf, hilft eine sozialpädagogische Betreuung. In einem solchen Fall hat ein Schüler vom Distanz-Unterricht in die Notbetreuung gewechselt. Auch Schwierigkeiten innerhalb der Familien könnten per Telefon erfragt werden. Und rückwärts funktioniere die Kontaktaufnahme ebenfalls. „Schüler schreiben E-Mails oder rufen ihre Lehrer an.“ Die Rückmeldungen von Seiten der Eltern seien meist gut. Konstruktive Kritik gebe es auch.

Aber „unheimlich aufwändig“ ist die neue Form des Unterrichts für die LehrerInnen. Die Stunden im Klassenzimmer sind ganz anders geplant. Und „wenn der Wechselunterricht kommt, dann wird’s richtig aufwändig“, erklärt die Lehrkraft, denn dann sind ein paar Klassen daheim und ein paar in der Schule. Selbst die Wiederverwertung von vorbereiteten Unterrichtsstunden in der Klassen-Gegen-Schicht sei schwierig, denn jede Klasse ist individuell und „braucht andere Aufgaben“.

Auch an der Realschule wird die Abschlussprüfung ein wenig abgespeckt. Sie findet zwei Wochen später statt als sonst. Das Zwischenzeugnis kommt am 5. März. Aber den Begriff „Corona-Mittlere-Reife“ hält der Lehrer für nicht gerechtfertigt, denn „eigentlich läuft alles ganz normal“. Vielmehr ist er begeistert, „wie gut alle Kinder das machen“.

Und wie studiert sich’s gerade?

Die Phase der schriftlichen Prüfungen an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Kempten ist gerade zu Ende gegangen. Für Aufruhr hatte im Vorfeld eine Petition gesorgt, in der Studierende gefordert hatten, die Prüfungen online abzuhalten. Knapp 1000 KommilitonInnen hatten die Petition unterzeichnet. Auch Michael Karner, der die Petition nicht unterschrieben hat, hätte seine diesjährigen Prüfungen lieber online abgelegt. Der gebürtige Ottobeurer studiert Wirtschaftsingenieurwesen mit der Fachrichtung Maschinenbau und schreibt gerade seine Bachelorarbeit. Ihn treiben Zweifel um, ob wirklich jeder Mitstudent der Prüfung fernbleibt, auch wenn er Erkältungssymptome hat. „Am Ende des Studiums will ja jeder fertig werden“, sagt er.

Das Studentenleben in Corona-Zeiten: Michael Karner zu Hause mit Laptop und Kamera.

65 Prozent der normalerweise in Präsenz abgehaltenen Prüfungen fanden auch dieses Semester in den Räumen der Hochschule statt. Hochschulpräsident Prof. Dr. Wolfgang Hauke versteht die Ängste der Studenten. Allerdings seien Online-Prüfungen schwierig umzusetzen, erklärt er. „Genau diese Prüfung muss dann zusätzlich auch in Präsenz angeboten werden, egal ob jemand kommt oder nicht.“ In den 35 Prozent, in denen es möglich gewesen sei, sei die Hochschule auf alternative Prüfungsformen umgestiegen, wie mündliche Prüfungen via PC in kleinen Gruppen oder Take-Home-Klausuren, die so gestellt sind, dass die Unterlagen benutzt werden können.

Es sei aber zum Vorteil der Studierenden, wenn die Prüfung am Ende eines Semesters so stattfinde, wie in der Studienordnung vorgeschrieben und wie während des Semesters vorbereitet. „Bei Take-Home-Klausuren beispielsweise sind andere Kompetenzen gefragt“, erklärt Hauke und verweist auf die anderen Hochschulen für angewandte Wissenschaften in Bayern, die mit Ausnahme jener in München, alle Präsenzprüfungen veranstaltet hätten.

„Ich habe von keinem Studenten gehört, der sich während der Prüfung unwohl gefühlt hat“, sagt der Hochschulpräsident. Bisher hätte sich auch noch nicht gezeigt, dass weniger Prüflinge als in anderen Semestern angetreten sind. Die Ausfallquote wird jetzt nach den Prüfungen genau analysiert. Man nehme die Petition an der Hochschule sehr ernst, erklärt Hauke, auch wenn er sich nicht sicher sei, wie viele der Unterzeichner tatsächlich Studenten waren. „Bei mir haben sich auch Studierende gemeldet, die mich um Präsenzprüfungen gebeten haben. Die sind halt nicht so laut.“

Auch Michael Karner kam zu den Prüfungen in den Hörsaal und sagt: „Der Vorgang selbst war total in Ordnung.“ Er berichtet von den umfangreichen und strengen Hygiene-Maßnahmen: Alle Prüflinge trugen Masken, erhielten mit ihren Unterlagen einen Handschuh sowie ein Desinfektionstuch und desinfizierten ihre Plätze vor der Prüfung zusätzlich selbst. Nur zum Trinken durften die FFP2- oder OP-Masken kurz abgenommen werden. Nach 45 Minuten gab es eine Pause zum Lüften. Die Prüfungsdauer wurde gekürzt und die Abstände zwischen den Prüflingen betrugen mehr als eineinhalb Meter. „Die Sauerstoffzufuhr hat recht gut geklappt“, sagt Karner, „nach zehn Minuten vergisst man die Maske und konzentriert sich auf die Prüfung.“

Wer die Prüfungen trotz alledem nicht schreiben wollte, der hat im nächsten Semester die Gelegenheit. Auch die Fristen für die Zweit- und Drittversuche wurden ausgesetzt. Die Nachholprüfungen kamen für Michael Karner aber nicht in Frage. „Zwar wird das zusätzliche Semester nicht auf die Studienzeit angerechnet, doch verliere ich trotzdem die Zeit“, sagt er.

Der Student vermisst die Gesellschaft mit seinen Kommilitonen. Aber besonders die Erst- und Zweitsemester hätten es derzeit schwer, Kontakte zu knüpfen. Ihnen fehle auch der Informationsaustausch über Jobmöglichkeiten, Lerngruppen oder Praktika. Von den sozialen Kontakten in der neuen Stadt ganz zu schweigen. Andererseits hat das „Fernstudium“ manchen Studenten Miete oder Pendelfahrten erspart.

Die Frage, ob sein Plan aufgeht, vor dem Master erst einmal ein bis zwei Jahre zu arbeiten, bereitet Karner noch Sorgen. Das Rekrutierungsverhalten der Firmen sei derzeit sehr schwankend. „Wenn man sich anstrengt und die Noten passen, kann man etwas finden“, erklärt er, „doch es ist schwieriger als vor Corona.“ Für die „verlorene Generation“ hält Karner die derzeitigen Studierenden aber trotzdem nicht. Im Studium habe man schon immer selbständig sein müssen. „Wenn man selber den Willen hat, kommt man voran. Ansonsten ist Corona eine Ausrede.“

Susanne Lüderitz

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