Eine Torte für den OB

Kempten ist schuldenfrei: Stadt feiert mit leckerem Kuchen

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Schuldenfrei als erste kreisfreie Stadt Bayerns: Für diese Leistung überreichten Andreas Kibler (l.) und Erwin Hagenmaier (beide CSU) ihrem Fraktionskollegen Oberbürgermeister Thomas Kiechle eine Torte mit der schwarzen Null. Darüber freute sich nicht nur das Stadtoberhaupt, sondern auch Wirtschaftsreferent Dr. Richard Schießl (r.).

Kempten – Politiker kriegen gerne mal eine Tortenklatsche ab. Wahlweise trieft die Sahnecreme dann vom Gesicht oder vom Anzug. Auch für OB Thomas Kiechle gab es jetzt einen Kuchen, aber nicht als Kritik, sondern zur Feier des Tages – in die Hand.

Feierlich und gelöst, aber auch nachdenklich ging es bei der letzten Stadtratssitzung des Jahres zu. Über eine leckere Torte mit einer schwarzen Null oben drauf durfte sich Oberbürgermeister Thomas Kiechle freuen. Und Stadtratsältester Dieter Zacherle gab den Räten traditionell Gedanken zum Jahreswechsel mit auf den Weg, zum letzten Mal, wie er meinte. 19.795, 19.780, 19.587: An der Wand tickte symbolisch der Countdown herunter und zeigte, wie der Schuldenberg schwindet.

Im Dezember wird Kempten die letzte Schuldenrate in Höhe von 1,7 Millionen Euro abzahlen. Seit 2002 hat die Stadt Stein für Stein vom Schuldenberg abgetragen. Jährlich musste sie dafür 2,4 Millionen berappen, „und das in Jahren höchster Investitionen“, lobte Oberbürgermeister Thomas Kiechle nicht nur die Leistung der Verwaltung und aller Parteien, sondern auch die der Bürger und Unternehmen, die mit ihren Steuern mitgeholfen haben, die Last abzutragen. Und schließlich sei nicht nur in seiner eigenen Amtszeit getilgt worden, sondern auch unter seinem Vorgänger Dr. Ulrich Netzer, den Kiechle ausdrücklich in Lob und Dank einschließen wollte. Nicht immer sei die Aufgabe leicht gewesen. Und keine andere kreisfreie Stadt in Bayern hat das bisher so geschafft. Mit den wegfallenden jährlichen Raten „gewinnen wir Freiheit für die nächsten Jahre“, sagte der OB: Freiheit für neue Investitionen. Mit 41,2 Millionen Euro ist der Investitionshaushalt 2020 so hoch wie nie zuvor. Jetzt gelte es, die Projekte in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen. Das Festhalten an der Schwarzen Null hatte dem OB aber nicht nur Lob eingebracht. Kritik hatte es gegeben, weil anstehende Aufgaben, vor allem im Kulturbereich, hintangestellt wurden. In der letzten Ratssitzung war aber keine Zeit mehr für kritische Worte. Den Kuchen wollte Kiechle nicht mit nach Hause nehmen, sondern mit allen Räten gemeinsam anschneiden, sagte der OB, als die Schuldenuhr 18.440 Euro anzeigte.

"Was ist los mit unserem Land?" 

Mucksmäuschenstill war es im Saal, als der Stadtratsälteste Dieter Zacherle (FW) seine Rede zum Jahresabschluss hielt. „Nach einem Gasthausbesuch gingen der Dorfbürgermeister, der Dorfdoktor und der Dorfpfarrer gemeinsam nach Hause. Als es von hinten rief: ‚Du Lump do vorne‘, drehten sich alle drei um.“ Zacherle begann seine Rede mit einem Witz, doch die Botschaft, die er hatte, war alles andere als lustig. Denn sowohl Dorfpfarrer als auch Landärzte seien heutzutage rar. Und auch Dorfbürgermeister sind gesuchte Leute. „Ist es nicht traurig, dass Menschen, die sich in den Dienst der Allgemeinheit stellen, beleidigt, gedemütigt, angegriffen und sogar mit dem Tod bedroht werden?“, fragte Zacherle und mahnte die eigentlich notwendige Dankbarkeit gegenüber allen Ehrenamtlichen an.

Auch eine zweite Anekdote sollte den Stadträten über Weihnachten Anregung zum Nachdenken geben: Fünf Boote mit 200 vietnamesischen Flüchtlingen treiben in italienischen Gewässern auf hoher See, so habe 1979 ein Funkspruch der italienischen Marine gelautet. Vom Ministerpräsidenten Andreaotti kam damals der Befehl, die Menschen sofort mit drei Schiffen zu retten. Zum Empfang in Italien ertönten Nationalhymnen die Stimmug im Hafen in Venedig war feierlich, die Kapitäne der drei Rettungsschiffe erhielten Orden und „die Mannschaften wurden als Helden gefeiert!“, sagte Zacherle. Heute dagegen würden die Flüchtlinge nach Lampedusa verfrachtet und Seenot-Retter verurteilt. Für die Stadtratswahlen wünschte sich Dieter Zacherle faire und kontroverse Diskussionen, die so notwendig seien. Lang dauerte der Applaus, den er von seinen Kollegen erhielt. Der Schuldenzähler hatte derweil Zeit, von 11.711 Euro auf 10.544 Euro hinunterzurattern.

Susanne Lüderitz

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