Zum Dank an das Kleinod

Die Müllsammlerinnen vom Schwabelsberger Weiher

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Der Schwabelsberger Weiher am Fuße des Mariabergs.

Kempten – Das Landschaftsschutzgebiet in Thingers leidet seit Jahrzehnten unter Müllverschmutzung. Da sich die Stadt kaum kümmert, befreien zwei Stadtteilbewohnerinnen den Weiher von Unrat – sind Umweltbildungsprogramme für Kinder und Jugendliche eine Lösung?

Mit Gartenhandschuhen und Mülltüten in den Händen schreiten Marlene Ambrosch und Sybille Domreicher um den Schwabelsberger Weiher. Ihre Augen sind auf den nassen Waldboden und das dicht bewachsene Gebüsch gerichtet, ihre Schritte entschlossen. Die Kieselsteinchen kratzen unter ihren Schuhsohlen. Der Waldboden ist noch matschig vom Regenschauer des Vorabends. Langsam dringen die ersten Sonnenstrahlen durch das Blätterdach und zeichnen sich als lange Streifen auf dem Boden ab, die Luft riecht feucht und kühl. Die letzten Mücken der Nacht schwirren im Morgenlicht. Niemand kommt ihnen zu dieser frühen Stunde entgegen. „Die Tüten sind morgens voll, wenn das Wetter am Vorabend gut war“, erklärt die Rentnerin Dumreicher. Sie zeigt auf ihre schwarze Mülltüte, die noch kaum gefüllt ist. Ihre gewöhnliche Beute: Wodkaflaschen, Tetra Paks, Zigarettenstummel, Kaugummipapier, Folie, Bierdeckel oder Taschentücher mit braunen Spuren vom Bong-Rauchen der Jugendlichen. Ja, vor allem die Jugendlichen von Thingers, sie seien an der Verschmutzung Schuld, schimpfen sie. „An manchen Morgen kann man sogar einen 120-Liter-Sack füllen“, klagt die 59-jährige Ambrosch. Auch Einkaufswagen und eine Waschmaschine hätten sie einmal aus dem Schlamm des Weihers gezogen, berichten sie.

Wertvolles Kleinod mit Seltenheitswert

Weder Geld noch Anerkennung erhalten beide für ihr Engagement. Vielmehr sind es die Untätigkeit des städtischen Betriebshofs und der Politik sowie zutiefst persönliche Gründe, die sie an Wochenenden zum Müllsammeln in der Frühe aus dem Bett treiben. „Ich hatte vor mehreren Jahren Panikattacken und generell einen Durchhänger in meinem Leben“, erzählt Ambrosch, die im Malereibetrieb ihres Mannes arbeitet. „Manchmal bin ich nachts um halb elf noch an den Weiher gegangen.“ Ihr Mann hätte sie davor gewarnt, alleine bei Dunkelheit noch aus dem Haus zu gehen. Aber ihr sei das egal gewesen, erinnert sie sich. Sie wollte einfach nur zu ihrer Quelle der Ruhe – dem Weiher. Wenn sie über das Naherholungsgebiet spricht, kommt die Bewohnerin des Stadtteils aus dem Schwärmen nicht mehr heraus, „ein wertvolles Kleinod mit Seltenheitswert, direkt vor der Haustür“, nennt sie es liebevoll. Ein paar Enten gucken neugierig zu den Sammlerinnen und schwimmen schüchtern ans Ufer. Ambrosch hebt eine zerbrochene Bierflasche vom Matschboden auf und sagt: „Für mich ist das hier der Dank an den Weiher.“ Ambrosch habe ihre heutige Begleiterin Sybille Dumreicher, eine ehemalige Druckereiangestellte und seit zwölf Jahren pensioniert, regelmäßig beim Müllsammeln gesehen, erzählt sie. Eines Tages kamen beide ins Gespräch und verbündeten sich gegen die Verschmutzung. Seit drei Jahren verabreden sie sich nun und haben sogar einige Mitstreiterinnen gefunden. „Wir sind ansteckend“, lachen sie.

„Viel wird nicht getan für den Schutz der Natur“

Das Lachen vergeht ihnen aber, wenn sie über die städtische Pflege des Gewässers sprechen. „Viel wird nicht getan für den Schutz der Natur“, empört sich Dumreicher und kickt mit ihrem Fuß einen Ast weg, der quer auf dem Weg liegt. Mehrmals hätten sie sich über die Zustände vor Ort beschwert und der Stadtverwaltung geschrieben. Die Liste der Kritikpunkte und der Verbesserungsvorschläge sei lang gewesen, die Antworten aber spärlich und teilweise unverschämt, sagen sie. Geändert habe sich seither nichts. Ein Anruf bei Markus Wiedemann, Leiter des Amtes für Tiefbau und Verkehr, das auch für die Pflege der städtischen Grünflächen zuständig ist. Freiwillige Initiativen der Bürgerschaft am Weiher, „begrüßen und unterstützen wir sehr“, sagt er am Telefon. Untätigkeit am Gewässer möchte er sich und seinem Amt aber nicht vorwerfen lassen. „Wir reinigen mehrmals im Jahr die Wege dort“, sagt er. Auf den Vorschlag nach regelmäßigen Säuberungen antwortet er nur: „Ja, das wäre eine Option. Aber wir sind so bisher gut gefahren. Das hat bisher immer ausgereicht. Das regelmäßig einzurichten, haben wir in der Form bisher nicht für notwendig erachtet.“ Doch er betont auch: „Wenn es so weitergeht, muss man einen Turnus einrichten.“ Eine Lösung für das Problem habe er nicht parat, er macht aber deutlich: „Das Ordnungsamt vorbeizuschicken, sollte der letzte Schritt sein.“

Einst sozialer Brennpunkt, heute weitgehend ruhig

Halbzeitpause bei der Müllsammel-Runde: Ambrosch und Dumreicher rauchen eine Zigarette an einem Aussichtspunkt mit Blick auf den Weiher und seinen Naturreichtum. In der Ferne ragen die Plattenbauten hinter den Baumwipfeln des Naherholungsgebiets empor: eine kuriose Kombination aus sattem Grün und Sozialbausiedlung – die „Skyline“ von Thingers. Einst war der Stadtteil ein sozialer Brennpunkt mit Bandenkriegen zwischen russischen und türkischen Gruppen. Heute ist dort dank Unterstützung eines Bundesförderprojekts Ruhe eingekehrt. Vieles hat sich hier verbessert, doch der richtige Umgang mit Umwelt und Natur lässt noch zu wünschen übrig. „Die Partymeile“ nennen Ambrosch und Dumreicher den Aussichtspunkt. Häufig finden sie hier vermehrt Beweise für Feierlichkeiten. Auch an diesem Morgen heben sie eine Flasche auf, dessen Kopf abgebrochen ist. Dumreicher sammelt vorsichtig die Glasscherben vom Boden auf. „Dass sich die Jugendlichen austoben ist ja okay“, sagt sie mit Blick auf ihre eigene Jugend, „aber sie sollen bitte den Müll mitnehmen.“ Beide drücken ihre Zigaretten aus und stecken sie zur späteren Entsorgung ein – die Tour geht weiter. Nur den Jugendlichen möchte Andreas Höpting, Geschäftsführer vom Förderverein Ikarus e.V. in Thingers, den Schwarzen Peter aber nicht zuschieben. Auch ältere Herrschaften und Erwachsene tränken auf den Bänken am Weiher und im Bürgerpark Alkohol und ließen Müll auf dem Boden, sagt er am Telefon. „Ich würde sagen, dass sich das Problem über die gesamte Bevölkerungsschicht zieht.“

Bildungsschwerpunkt auf Kinder und Jugendliche

Das Thema sei nicht neu, moniert er. „Es gab über die Jahre immer wieder Probleme. Dann hat man kontrolliert und es wurde besser. Diese Kontrollen haben zuletzt nicht mehr stattgefunden.“ Derzeit stehe er diesbezüglich mit einem Mitglied im Umweltausschuss des Stadtrats in Verbindung. „Rein rechtlich besteht lediglich die Option, ein Alkoholverbot rund um den Weiher zu verhängen. Dann hätte die Polizei die Handhabe, öfter zu kontrollieren“, sagt er. Aber nur Kontrolle und Aufsicht sei nicht der Königsweg, denkt er. Auch in den Köpfen der Stadtteilbewohner müsse sich etwas ändern. Der Verein veranstaltet daher bereits Vorträge über den Weiher und plant auf dem Gebiet Umweltschutz noch mehr Projekte. „Wir setzen bewusst den Schwerpunkt auf die Kinder und Jugendlichen, weil diese letztlich die heranwachsende Generation für diesen Stadtteil sind.“

Wie viel Natur wird übrig bleiben?

Angedacht sei eine Gruppe für Kinder und Jugendliche, die mit einem Naturpädagogen in der Natur über die Natur lernen – der Naturpädagoge werde dafür aber noch gesucht. Auch ein Ferienkurs zum Thema Nachhaltigkeit und Upcycling (Umwandlung von Abfallprodukten in neuwertige Produkte) sei in Zusammenarbeit mit der Volkshochschule geplant. Außerdem kooperiere er mit dem „Freundeskreis Kempten“, mit Fridays for Future, der Sozialbau und den Grünen für weitere Sozialprojekte zum Thema Naturschutz und Nachhaltigkeit, so Höpting. Auch die Schulen in der Umgebung ruft er auf, sich an der Entwicklung zu beteiligen. „Da haben wir gemerkt, dass das nicht immer so einfach ist, dort Kapazitäten für das Thema zu bekommen“, kritisiert er. „Wir haben sehr viel geplant“, wiederholt er und mahnt: „Wir brauchen da aber auch finanzielle Unterstützung.“ Der Morgen am Weiher schreitet voran, die Temperatur steigt und ein paar Wolken ziehen den Himmel zu. Jogger und Hundebesitzer kommen Dumreicher und Ambrosch entgegenkommen. Ein kurzes Nicken, man kennt sich. „Ich habe Bedenken, dass meine Enkel den Weiher nicht mehr so erleben wie wir jetzt“, antwortet Dumreicher zum Abschied. Ähnlich pessimistisch blickt auch ihre Sammelpartnerin in die Zukunft. „Ich befürchte, dass der Weiher zugemüllt und zugebaut wird“, sagt sie. Unweit vom Gewässer wird am Schwalbenweg direkt neben einem Teich der nächste Wohnblock geplant. Mit dem Slogan „Wohnen am Weiher“, wirbt die Sozialbau Kempten. Ambrosch hat Bedenken, dass dieses Schicksal auch „ihrem“ Weiher zustoßen könnte. Sie habe deshalb bereits Erinnerungsbilder gemacht, gibt sie zu. Eine große Ausbeute hat die Sammelaktion an diesem Morgen nicht eingebracht. Aber darüber sind Ambrosch und Dumreicher froh. Denn die sonnigen Abende am Weiher werden in diesem Sommer noch kommen, ebenso wie der Müll danach.

Cian Hartung

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