Präventiv gegen sexuelle Gewalt an Kindern

Das Team der Fachberatungsstelle Frauennotruf Kempten sensibilisiert und stärkt

Antje Weinreich und Petra von Sigriz, Mitarbeiterinnen der Fachberatungsstelle der AWO (Arbeiterwohlfahrt Kreisverband Kempten-Oberallgäu e.V.) in Kempten in ihren Arbeitsräumen.
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Antje Weinreich (li.) und Petra von Sigriz leisten Präventionsarbeit gegen sexuelle Gewalt an Kindern. Im Januar starten sie voraussichtlich wieder mit ihrem Programm in Kindergärten und Grundschulen.

Oberallgäu – Lena hat sich verändert. Für die Zehnjährige ist nichts mehr, wie es vor einigen Monaten war. Sie war gut in der Schule, außer vielleicht in Mathe. Plötzlich bringt sie schlechte Noten nach Hause – Ärger und Stress sind vorprogrammiert. Und auch bei ihrem Lieblingssport, der Zirkusartistik, hat das Mädchen massive Schwierigkeiten. Es fällt ihr schwer, ihre gewohnt gute Leistung abzurufen und konzentriert zu bleiben. Seit Kurzem reagiert sie extrem auf Berührungen. Sie hegt Hass gegen sich selbst, gegenüber ihrem Körper. Am liebsten würde sie in eine andere Haut schlüpfen. Erst ihre beste Freundin bemerkt an Lenas Verhalten, dass etwas nicht stimmt. Als sie eine zerknüllte Seite von Lenas Tagebuchs findet, offenbart sich: Ihre Freundin wurde sexuell missbraucht.

Es ist die Geschichte aus dem kurzen Film „Trau Dich“, den Petra von Sigriz an Elternabenden in Grundschulen vorspielt. Seit 26 Jahren arbeitet die Sonderpädagogin M.A. und Beraterin für Psychotraumatologie und Traumatherapie bei der Fachberatungsstelle in Kempten der AWO (Arbeiterwohlfahrt Kreisverband Kempten-Oberallgäu e.V.) und leistet in Kindergärten und Grundschulen Präventionsarbeit zum Thema sexuelle Gewalt.

Zusammen mit Heilpädagogin und Familientherapeutin Antje Weinreich, die seit September das Frauennotrufteam unterstützt, und Susanne Seidel, B.A. in Sozialwissenschaften, setzen sie ihr Konzept in 55 Kindergärten und 50 Grundschulen in Kempten, im Oberallgäu, Westallgäu und in Lindau um. „Bei der Arbeit geht es darum, die Kinder zu sensibilisieren, und vor allem darum, das ‚eigene Bauchgefühl‘ zu stärken“, erklärt von Sigriz. Dabei wird im Kindergarten und in den ersten beiden Grundschulklassen sexuelle Gewalt nicht direkt thematisiert, vielmehr geht es um „Mein Körper gehört mir“ und die Fragestellungen: Was mag ich? Was mag ich nicht? Die Kinder sollen im „Neinsagen“ bestärkt werden, gerade in Situationen, in denen sie etwas als komisch oder unangenehm empfinden. Für ihre Arbeit nutzen die Pädagoginnen ausgewählte Bilderbücher, Collagen, Lieder und Filme.

Durch erste Rollenspiele wird bereits im Kindergarten der „Fremde“, der sich besonders gut mit Spielzeugen auskennt oder mit Tricks und Süßigkeiten versucht, die Kinder anzulocken, auf spielerische Weise thematisiert. Dabei sei diese Präventionsarbeit immer eine Gradwanderung, schließlich sollen dadurch keine Ängste ausgelöst, die Kinder dennoch gestärkt werden, ohne dass sie dabei zu Superhelden werden, sagt Weinreich. Allerdings würden jedoch nicht mal zehn Prozent der Missbrauchstaten auf das Konto von Fremdtätern gehen, erläutert von Sigriz. „90 Prozent des sexuellen Missbrauchs finden tatsächlich im näheren Umfeld statt. Meist sind dies sogar Vertrauenspersonen“, sagt sie.

So würden sich eben diese Täter bewusst Berufe und Positionen aussuchen, um in diesen Bereichen leicht an die Kinder heranzukommen und ihnen gegenüber dadurch automatisch eine Vertrauensstellung innezuhaben. Angezeigt werden in Deutschland jährlich „nur“ rund 16.000 Fälle von sexuellem Missbrauch, die Dunkelziffer liegt aber 15 bis 20 Mal höher, zwischen 200.000 bis 320.000 Fällen. „Den Tätern sieht man das nicht an. Oftmals führen sie ein normales Leben, teilweise haben sie sogar gute berufliche Positionen“, erklärt von Sigriz.

Im Film ist der Täter der langjährige Freund des Vaters, der Lena in Mathematik Nachhilfe geben soll. Anfangs sind es scheinbar „zufällige“ Berührungen, die er forciert und immer intimer werden lässt. „Trau Dich“ zeigen von Sigriz und Weinreich erst in der dritten und vierten Grundschulklasse, um anschließend mit den Kindern sensibel über das Thema zu sprechen. Sie erklären den Kindern, wie sie sich verhalten sollen, wo und wie sie sich in solchen Fällen, Hilfe holen können, wem sie vertrauen können. Als eine erste Anlaufstelle gehört dazu auch die Einrichtung des Frauennotrufs, bei der man unter der Telefonnummer 0831/12 100 oder unter der Handynummer 0171/53 73 396 rund um die Uhr, Hilfe und Beratung bekommt.

Die Räumlichkeiten des Frauennotrufs befinden sich mitten in Kempten, am Rathausplatz 23. Dort trifft man in der hellen, freundlichen Atmosphäre auf ein kompetentes und motiviertes Team, das neben der Präventionsarbeit auch unterstützend und beratend bei sexueller Gewalt, Mobbing und Stalking zur Seite steht.

„Die Beratungen sind kostenfrei und können von jedem in Anspruch genommen werden“, betont von Sigriz. Im Januar startet das Team vom Frauennotruf nach der Corona-Pause voraussichtlich wieder mit der Präventionsarbeit an Schulen. Nähere Infos gibt es unter: www.frauennotruf-kempten-awo.de oder direkt in der Verwaltung bei Isabelle Barnsteiner, Betriebswirtin B.A., über frauennotruf@kempten-awo. de.

Tamara Lehmann

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