Crisis, what Crisis?

So erklingt der Jazzfrühling 2021 - Gerhard Zipperlen und Andreas Schütz im Kreisbote-Interview

Ein Saxophon und der Schriftzug Jazz
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Wird der Kemptener Jazzfrühling zum zweiten Mal Pandemieopfer?

Herr Zipperlen, wie ist Ihre aktuelle Gefühlslage als Vorsitzender eines Vereins, dessen Aktivitäten seit gut einem Jahr stark eingeschränkt bzw. komplett verhindert sind?

Gerhard Zipperlen: Wir freuen uns, auch in der aktuellen Situation den Jazzfrühling 2021 veranstalten zu können, wenn auch bedauerlicherweise ohne Publikum. Wir können aber den Künstlern eine Auftrittsmöglichkeit und eine Gage bieten.

Die gleiche Frage an Sie Herr Schütz als Programmkoordinator:

Andreas Schütz: Es ist zermürbend, dass wir über einen so langen Zeitraum keinerlei Planungssicherheit haben. Die Gefühlslage ist dementsprechend eine wirkliche Achterbahnfahrt. Als Verein stecken wir aber auf keinen Fall den Kopf in den Sand und probieren weiterhin unser Bestes. So hatten wir mit dem letztjährigen APC-Sommer, dem Kultursommer und dem Auftaktkonzert der klecks-Live Reihe erstaunlich viele Konzerte, die wir durchführen konnten. Und mit dem Kemptener Jazzfrühling, dem kommenden APC- und Kultursommer sind wir gut gerüstet, auch diese Saison alles zu bieten, was am Schluss möglich ist.

Herr Zipperlen, letztes Jahr, als der Klecks den APC-Sommer nach dem ersten Lockdown auf die Beine gestellt hatte, dachte man, da hätte ein weltumspannendes Ereignis seine Auswirkung auf eine kleine Zeitspanne des kulturellen Veranstaltungsjahres hinterlassen, und nun könnte doch gerne die Normalität wieder einkehren. Dass es dann viel schlimmer gekommen ist – ein Ende ist ja immer noch nicht in Sicht –, konnte man sich damals noch nicht recht vorstellen. Was hält in so einer Zeit einen Kleinkunstverein, der sich ja aus ideeller und ehrenamtlicher Mitarbeit seiner Mitglieder speist, am Leben?

Gerhard Zipperlen: Zum Arbeitskreis „Jazzfrühling“ gehören etwa 50 ehrenamtliche HelferInnen, viele sind schon seit vielen Jahren begeistert dabei … und bleiben es in dieser Krisenzeit. Natürlich hat sich auch im Arbeitskreis eine Online-Kommunikation etabliert, die gut funktioniert. Dadurch lässt sich eine Verbundenheit erreichen, auf der wir weiter aufbauen und agieren können. 

Herr Schütz, jenseits ehrenamtlicher Tätigkeit, Sie haben bei der Programmplanung für den Jazzfrühling ja mit MusikerInnen zu tun, die sich seit Monaten mit existentiellen Auswirkungen der Pandemie auseinanderzusetzen haben. Sie sind selbst Musiker und verspüren das am eigenen Leib. Wie ist die aktuelle Stimmungslage in der Branche, bei den KünstlerInnen und bei den Konzertagenturen?

Andreas Schütz: Wie in den meisten Fällen kann man hier nicht pauschalisieren. Allerdings ist mein Gefühl schon, dass der absolute Großteil der Künstler enorm unter der jetzigen Situation leidet. Als Musiker habe ich selbst viel mitgemacht in der Hinsicht. Wenn von über 130 Auftritten plötzlich nur noch zwölf stattfinden und somit auch der Umsatz um mehr als 90 Prozent einbricht, ist das ein großer Schock. Nachdem letzte Saison kurzfristig nichts mehr zu retten war und sämtliche Hilfsprogramme in der Praxis nutzlos waren, musste man sich notgedrungen mit dem wirtschaftlichen Schaden abfinden und diesen soweit möglich mit Erspartem ausgleichen. Für viele Künstler ist die Situation aber auch eine psychische Herausforderung. So ist es natürlich auch emotional belastend, wenn man seinem Beruf und gleichzeitig seiner Berufung über ein Jahr lang nicht nachgehen kann. Viele Künstler ziehen irgendwann die Reißleine, wenden sich von der freiberuflichen Tätigkeit ab und suchen sich neue Einkommensmöglichkeiten. So wird man erst am Ende sehen, wie viel unserer vielfältigen Kulturszene letztendlich zum Opfer gefallen ist. Natürlich betrifft die Krise ebenso auch Agenturen, Dienstleister, Spielstätten und viele mehr. Mit jeder Insolvenz verschwindet eine Menge Erfahrung und Know-How. Ein Zurück wie früher wird es daher in der für die Kultur wichtigen und pulsierenden freien Szene sicher nicht geben.

Gibt es innerhalb Deutschlands regionale Unterschiede (so wie bei den Pandemie-Maßnahmen von Bundesland zu Bundesland) oder ist bei der Musik die Lage in Oberstdorf genauso schwierig wie in Flensburg?

Andreas Schütz: Nachdem nicht nur alle Infektionsschutzverordnungen, sondern teilweise auch Hilfsmaßnahmen Ländersache sind, gibt es durchaus regionale Unterschiede. Letztlich reagieren auch die Kommunen sehr unterschiedlich auf die Herausforderungen. Generell freue ich mich aber über jedes Projekt, jede Initiative und jede Maßnahme, die dabei hilft, einen Teil der Kulturbranche über die Zeit zu retten. 

Nach über einem Jahr Pandemie kann man unserem Land (Deutschland) selbst bei wohlwollender Betrachtung und ohne einzelne Personen oder Gruppen oder Institutionen herausgreifen zu wollen, kein gutes Zeugnis ausstellen, was die Bewältigung dieser noch nie dagewesenen Krise betrifft. Geht man ins Detail und betrachtet nur das Gebiet der Kultur, im Speziellen das Gebiet der Musik, so ergibt sich ein ernüchterndes Bild, was die Wertschätzung und den Stellenwert kultureller Aktivitäten durch die Regierenden betrifft. Sehen Sie dies auch so, und falls ja, hat Sie dies überrascht oder ergibt sich dies zwangsläufig aus der Prioritätenlage menschlicher Bedürfnisse?

Andreas Schütz: Es ist erstaunlich und gleichzeitig traurig, wie die Ungleichbehandlung zu einer Konkurrenzsituation ganzer Branchen und Wirtschaftszweige geführt hat. Natürlich ist die aktuelle Zeit auch für die Politik eine große Herausforderung. Aber aus meiner Sicht sollte man entweder das tatsächliche Risiko einer Infektion in den verschiedenen Bereichen gleichermaßen handhaben, oder man muss klar und deutlich kommunizieren, worauf die Ungleichbehandlung begründet ist. Dass Kulturveranstaltungen mit Besuchern seit einem halben Jahr pauschal verboten sind, ist für mich frustrierend. So schön es für mich vor einigen Wochen war, endlich mal wieder vor Publikum live zu spielen – so kurios ist es, dass dies als Firmenveranstaltung zwar gar kein Problem war, als Kulturveranstaltung aber verboten ist.

Ebenso ist es unverständlich, dass Konferenzen oder auch politische Veranstaltungen wie letztens im Foyer der bigBOX Allgäu mit fast 200 Personen durchgeführt werden können, aber ein Konzert oder eine Lesung im gleichen Raum auch mit 20 Besuchern generell untersagt ist. Für einen kurzen Zeitraum kann so etwas akzeptabel erscheinen, inzwischen ist es allerdings ein Dauerzustand geworden. Es ist nicht nachzuvollziehen, weshalb seit Monaten verfügbare wissenschaftliche und durch Studien erhaltene Erkenntnisse (bspw. Bayerische Staatsoper/TU München, Dortmunder Konzerthaus/Frauenhofer-Institut) in keiner Weise in politischen Entscheidungen aufgegriffen werden. Ich setze mich aktuell dafür ein, den Jazzfrühling als Pilotprojekt mit Zuschauern durchzuführen. Ziel ist dabei lediglich eine Anzahl von 50 Personen, was weniger als zehn Prozent der Saalkapazität und ca. 100 Kubikmetern pro Besucher entspricht. Auch ein aufwändiges Hygienekonzept oder das Testen aller Personen ist absolut kein Problem. Dennoch stehen die Chancen aktuell schlecht.

Ich stelle mir die Frage, wann die primitiven Pauschalverbote durch risikobezogene und faktisch-logische Lösungsansätze abgelöst werden. Aus der Erfahrung der letzten Monate und der jetzt mehr und mehr für Wahlkampf aufgewendeten Zeit und Energie in der Politik bleibt dies jedoch höchstwahrscheinlich nur eine Wunschvorstellung.

Kommen wir zum anstehenden Jazzfrühling. Herr Zipperlen, was hat Sie bewogen, im letzten Herbst oder Winter zu sagen, wir organisieren den nächsten Jazzfrühling auch ohne die genauen zukünftigen Modalitäten, Verhältnisse, Einschränkungen zu kennen, auf die wir dann kurzfristig reagieren müssen. Sie hätten ja auch sagen können, so wie es jetzt bei der Absage der kommenden Festwoche passiert ist, aufgrund nötiger aber fehlender Planungssicherheit lassen wir die Veranstaltung auch ein zweites Mal ins Wasser fallen.

Gerhard Zipperlen: Als Verein haben wir satzungsgemäß das Ziel, Kulturveranstaltungen zu organisieren. Zudem steckt unglaublich viel Herzblut eines jeden Beteiligten für den Jazz und die Künstler in den Veranstaltungsreihen. Mit viel zeitlichem Aufwand haben wir uns um Fördergelder bemüht, die wir nun auch einsetzen wollen. Bei einer Absage würden alle Beteiligten leer ausgehen – die Künstler, die Techniker und Dienstleister, die Jazzfreunde. Auch wenn Streaming für Kultur und Kunst keine gute Lösung ist, können auf diese Weise alle beteiligten Bands, Dienstleister und Partner einbezogen werden und es können entsprechende Umsätze generiert werden.

Herr Schütz, ein Veranstaltungsprogramm des Jazzfrühlings 2021 steht ja fest und ist auch im Internet veröffentlicht. Wie soll der Betrieb der geplanten Konzerte ablaufen? Im Idealfall reguläre Konzerte, die aber sicher nur mit sehr eingeschränkter Zuschauerzahl stattfinden können?

Andreas Schütz: Wie gesagt, schwindet meine Hoffnung, dass wir mit Publikum planen können, von Tag zu Tag. Die aktuell als Streaming geplanten Veranstaltungen finden alle im großen Saal des Stadttheaters Kempten statt. Dort haben wir sowohl technisch gute Voraussetzungen für eine gute Qualität der Produktion als auch hervorragende räumliche Gegebenheiten, die für den Infektionsschutz wichtig sind. Alle Konzerte können über die Vereins-Homepage www.klecks.de angesehen werden und natürlich hoffen wir auf eine wohlwollende Spendenbereitschaft.

Herr Zipperlen, im Augenblick sieht es ja eher wieder düster mit den Prognosen für die kommenden Wochen aus. Kann man als Konzertveranstalter jetzt, wo die Engagements der KünstlerInnen geregelt sind, noch mehr für ein erfolgreiches Gelingen der Veranstaltung dazutun als nur zu warten und bange zu hoffen?

Gerhard Zipperlen: Von außen betrachtet sieht es verständlicherweise so aus, als würden wir abwarten und hoffen. Tatsächlich jedoch laufen unsere Planungen auf Hochtouren. Der gesamte Jazzfrühling wurde von Beginn an immer parallel in verschiedenen Szenarien kalkuliert und vorbereitet. Als normales Festival mit unseren vielen Spielstätten und Partnern ebenso, wie als Open-Air-Event oder eben als reines Streaming-Festival. Im Prinzip haben wir also eine Vielzahl an Festivals geplant, um am Schluss flexibel reagieren zu können, welche Variante wir tatsächlich durchführen dürfen. Nur so war es möglich, eine komplette Absage zu umgehen. Mehr als das können aber auch wir nicht tun. Wir sitzen in einem Boot mit allen übrigen Veranstaltern und da heißt das aktuelle Motto: planen, planen, planen – und dann schauen, welche Wundertüte an Maßnahmen beim darauffolgenden Bund-Länder-Gipfel zusammengestellt wird.

Vielen Dank für das Interview!

Das Interview führte Jürgen Kus.

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