Tatort Corona

So wirkt sich die Pandemie auf die Kriminalstatistik in Schwaben Süd/West aus

Kempten mit Schurken. Sie befinden sich im Lichtkegel von Corona-Viren.
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Auch im Zuständigkeitsbereich des PP Süd/West kam es zu Verschiebungen bei Straftatdelikten – Einbrüche nahmen stark ab, die Kriminalität im Internet stieg an.

Kempten – Während der Corona-Pandemie haben sich auch bei den Straftaten die Dinge verschoben. Bereits im vergangenen Jahr konnte die Polizei in Bayern feststellen, dass bestimmte Delikte häufiger auftraten und andere weniger.

Der Polizeipräsident von Bayern Wilhelm Schmidbauer äußerte im Spätsommer 2020 gegenüber dem BR, dass es u.a. einen signifikanten Rückgang an Wohnungseinbrüchen für 2020 geben wird, gegenüber einem Zuwachs von 40 Prozent bei Einbrüchen in gewerbliche Räume.

„Dass die Leute bedingt durch Homeoffice und Ausgangssperren mehr zuhause sind und die innereuropäischen Grenzen verstärkt kontrolliert werden, verschreckt die Einbrecher“, vermutete damals der bayerische Polizeipräsident. Zudem sank die Zahl der Körperverletzungen im öffentlichen Raum (weniger Alkoholausschank) und bei digitalen Zahlungsabwicklungen im Internet zeigte sich ein Straftatenzuwachs. Durch die Bereitstellung von Corona-Soforthilfen sind zudem Betrugsdelikte (Subventionsbetrug) als Straftatbestände hinzugekommen.

Bei der häuslichen Gewalt konnte kein Zuwachs festgestellt werden, belastbare Zahlen liegen aber erst mit Verzögerung vor, da Betroffenen häufig den Gang zur Polizei meiden. Bei der abschließenden Pressekonferenz zur Kriminalstatistik 2020 für Bayern konnte Innenminister Joachim Herrmann feststellen: Weniger Ladendiebstähle, Wohnungseinbrüche, Verkehrsunfälle und Drogendelikte, dafür mehr Internet- und Subventionsbetrug sowie Verbreitung von Pornographie im Internet. Für das Jahr 2020 ergab sich für den Freistaat die niedrigste Kriminalitätsbelastung seit 41 Jahren und die höchste Aufklärungsquote seit 26 Jahren.

Kriminalstatistik 2020

Im März veröffentlichte das Polizeipräsidium (PP) Schwaben Süd/West die Kriminalstatistik 2020. Die Zahlen wurden von Polizeipräsidentin Claudia Strößner und dem Leitenden Kriminaldirektor Michael Haber präsentiert. Ein halbes Jahr nach den Äußerungen des bayerischen Polizeipräsidenten Wilhelm Schmidbauer zeigt sich auch im PP SWS eine coronabedingte Verschiebung bestimmter Delikte. Die Fallzahlen bei den Wohnungseinbrüchen fielen um 16,4 Prozent auf 2290 Fälle. Die Kriminalstatistik 2020 des PP Schwaben Süd/West schreibt, „für die rückläufigen Zahlen dürften die pandemiebedingten Grenzkontrollen ab Mitte März 2020 ein Hindernis für organisierte, reisende Tätergruppierungen dargestellt haben. Damit bestand ein viel höheres Entdeckungsrisiko für die Einbrecher“.

Beim Tatmittel Internet nahmen die Straftaten im Zeitraum 2020 um 18,3 Prozent auf 1189 Fälle zu. Dabei dürfte die tatsächliche Fallzahl noch höher liegen, da laut Kriminalstatistik 2020 „viele Tatverdächtige im Ausland agieren und statistisch nicht erfasst werden“. Anders als noch im Spätsommer 2020 vermutet, registrierte das PP Schwaben Süd/West bei den Gewaltdelikten einen Anstieg um zehn Prozent, bei einem Anteil von 3,7 Prozent an der Gesamtkriminalität.

Hand in Hand

Befragt danach, ob die Erkenntnisse der Polizei aus dem ersten Corona-Jahr 2020 auch die Entscheidungen der Politik beeinflussen, antwortet die Pressestelle des PP Schwaben Süd/West, „die Polizei steht mit allen Kreisverwaltungsbehörden, der Regierung von Schwaben und dem Staatsministerium des Inneren (StMI) in einem stetigen Austausch. Der regelmäßige Informationsaustausch ist durch polizeiliche Verbindungsbeamte in den jeweiligen Führungsgruppen Katastrophenschutz sichergestellt, um auch auf kurzfristige Lageentwicklungen schnell reagieren zu können.“ Die Polizei empfiehlt Bürgern, sich auf der Internetseite www.corona-kathastrophenschutz.bayern.de über die jeweils aktuell gültige Infektionsschutzmaßnahmenverordnung zu informieren. Unter dem Stichwort „Häufige Fragen“ werden verständliche Antworten auf die meisten Fragen gegeben.

Da einige Maßnahmen regional und inzidenzabhängig gelten, wird zudem empfohlen, die Internetseite der zuständigen Kreisverwaltungsbehörde (Landratsämter, kreisfreie Städte) zu nutzen. Auch im Frühjahr wird das PP Schwaben Süd/West das Aufkommen von Tagestouristen beobachten. Touristische Hotspots werden bestreift und Kommunen werden seitens der Polizei ersucht, geeignete Verkehrslenkungsmaßnahmen und gegebenenfalls zusätzliche Parkflächen zu schaffen, um die Situation zu entschärfen. „In enger Abstimmung mit den Kreisverwaltungsbehörden und den betroffenen Gemeinden dienen diese Schwerpunktkontrollen der Aufrechterhaltung der Verkehrssicherheit und dem Schutz unserer Natur. Wir bitten sowohl die Ausflügler als auch die Anwohner, gegenseitig aufeinander Rücksicht zu nehmen“, so Polizeipräsidentin Claudia Strößner.

Verstöße gegen Schutzmaßnahmen

Bis zum 1. August des Vorjahres bezog sich der überwiegende Teil der Verstöße im Freistaat auf die Ausgangsbeschränkungen (45.441 Fälle), gefolgt vom Verbot von Menschenansammlungen (15.758 Fälle) und Verstößen gegen die Maskenpflicht (1882 Anzeigen). Die Süddeutsche Zeitung veröffentlichte unlängst Zahlen für die Landeshauptstadt München. „Der weit überwiegende Anteil der Anzeigen erreicht die Bußgeldstelle über die Polizei“, erklärt Johannes Mayer, Sprecher des Kreisverwaltungsreferats (KVR). Von den insgesamt etwa 25.000 Anzeigen wegen Corona-Verstößen seien etwa 13.000 Verfahren bereits abgeschlossen. Von diesen 13.000 Verfahren endeten etwa 8700 mit einem Bußgeldbescheid, etwa 4000 wurden eingestellt. Etwa 600 Fälle wurden an andere Kreisverwaltungsbehörden abgegeben, weil die Betroffenen ihren Wohnsitz nicht in München hatten.

Aktuell seien 2700 Fälle in Bearbeitung, teilt das KVR mit, bei 9000 habe die Bearbeitung noch nicht begonnen (Quelle: Süddeutsche Zeitung, 20. März 2021). Für die Stadt Kempten gibt das PP Schwaben Süd/West für den Zeitraum 1. Januar 2021 bis 31. März 2021 die folgenden Zahlen bekannt: Insgesamt wurden 1070 Verstöße gegen das Infektionsschutzgesetz angezeigt. Hierbei wurde 438 Mal gegen die Ausgangssperre, 322 Mal gegen Kontaktbeschränkungen und 130 Mal gegen die Maskenpflicht verstoßen.

Für das Jahr 2020 beziffert Uwe Sutter, stellvertr. Leiter des Kemptener Rechts- und Ordnungsamtes, für den Zeitraum 21. März bis 31. Dezember die Ordnungswidrigkeits-Anzeigen mit insgesamt 680. Davon 91 Verstöße gegen die Maskenpflicht, 178 Verstöße gegen die Kontaktbeschränkungen, 350 Verstöße gegen die Ausgangssperre und 21 Verstöße gegen die nächtliche Ausgangssperre.

Die Maßnahmen werden laut Sutter von der Bevölkerung im Großen und Ganzen gut aufgenommen. „Die Betroffenen sind überwiegend sehr verständnisvoll und bedanken sich sogar teilweise für den Hinweis bezüglich der Maßnahmen. Andere reagieren verständnislos oder sogar aggressiv. Manche sind der Auffassung, es werde zu wenig kontrolliert, wieder anderen ist es zu viel. Die Reaktionen der Personen können unterschiedlicher nicht sein.“ In der Gesamtschau sei die Anzahl der Verständnisvollen zurzeit jedoch größer als die der Uneinsichtigen. Allerdings stelle man aufgrund der häufigen Änderungen der Gebote und Verbote „eine gewisse Verunsicherung der Menschen fest, was nun erlaubt ist und was nicht“.

Jörg Spielberg

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