„Wir brauchen eine offene gesellschaftliche Diskussion“

Sterbehilfe oder Palliativversorgung?

Birgit Prestel steht vor dem Gebäude des Hospizverein des AllgäuHospiz
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„Ich begegne immer wieder Menschen, die dankbar sind für jede geschenkte Stunde. Menschen, die sich am Anfang ihres Weges nie hätten vorstellen können, welch lebenswerte und heilsame Zeit sie noch erleben dürfen“, sagt Birgit Prestel.
  • VonSabine Stodal
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Kempten/Oberallgäu – Am 5. Mai 2021 beschloss der Deutsche Ärztetag mit deutlicher Mehrheit, den Satz „Sie [Ärztinnen und Ärzte] dürfen keine Hilfe zur Selbsttötung leisten“, aus der Berufsordnung zu streichen.


Damit folgte das Gremium dem Wunsch des Bundesverfassungsgerichtsurteils vom 26. Februar 2020, das die sogenannte „assistierte Sterbehilfe“ erlaubt. Somit können Ärzte künftig allein auf Basis ihres Gewissens entscheiden, ob sie Suizidwillige beim Sterben unterstützen. Bundesärztekammerpräsident Klaus Reinhardt betonte jedoch gleichzeitig, dass „Suizidassistenz keine ärztliche Aufgabe“ sei. Der Beschluss des Ärztetags wurde zwiespältig aufgenommen. Auch in Kempten und dem Oberallgäu wird das Thema diskutiert, etwa im Hospizverein und beim AllgäuHospiz in Kempten.

Susanne Hofmann und Brigit Prestel sind beide in der Hospizfamilie tätig. Hofmann leitet seit elf Jahren das stationäre AllgäuHospiz, Prestel ist Leitende Koordinatorin für Hospizarbeit beim Hospizverein Kempten-Oberallgäu e.V. Beim Thema „aktive Sterbehilfe“ spielten Angst und der Wunsch nach Autonomie, nach selbstbestimmtem Sterben eine große Rolle, glauben die beiden. „In unserer täglichen Arbeit erleben wir häufig Menschen, die aufgrund ihrer schweren Krankheit am Abgrund stehen, die keine Hoffnung auf Genesung haben. Die Angst vor Schmerzen oder vor dem Ersticken, die Angst, alleine zu sterben, die Befürchtung, die eigene Würde zu verlieren oder zur Last zu fallen und die Sorge um die Zurückbleibenden belasten die Menschen.“

Aber Autonomie in Form des assistierten Suizids sei nicht alternativlos, betont Brigit Prestel. „Was wir brauchen, ist eine offene gesellschaftliche Diskussion sowie ein tragfähiges Netzwerk, in dem Menschen sich vorstellen können, auch in Krankheit und Leid gut aufgehoben zu sein.“ Ein solches starkes Netzwerk palliativer Versorgung sei in der Region über 25 Jahre gewachsen, so die erfahrene Palliativfachkraft. Das Klinikum Kempten biete „eine sehr gute palliative Versorgung“, sowohl auf der Palliativstation als auch in Form des spezialisierten ambulanten Palliativteams (SAPV) sowie des palliativmedizinischen Dienstes (PMD). Bei Letzterem handelt es sich um ein multiprofessionelles Team, das schwerstkranke Menschen in verschiedenen Abteilungen des Klinikums palliativmedizinisch betreut.

Enorm wichtig sei auch die Arbeit des Hospizvereins. „Gemeinsam mit dem stationären Hospiz stehen wir mit unseren 125 ehrenamtlichen Helfern und fünf hauptamtlichen Palliativfachkräften Schwerstkranken, Sterbenden und ihren Angehörigen in Kempten und dem gesamten Oberallgäu zur Seite“, so Brigit Prestel.

Alternative zur ambulanten Begleitung

„Die Mitarbeitenden bieten palliative Beratung und koordinieren hospizliche Hilfen, um eine bestmögliche Versorgung zu erreichen. Sie schenken Sterbenden im Hospiz, zu Hause, im Krankenhaus oder in Alten- und Pflegeheimen Zeit und Zuwendung und unterstützen und entlasten deren Angehörige.“

Das stationäre AllgäuHospiz bietet in seinem Neubau zwölf (später 16) schwerkranken und sterbenden Menschen sowie ihren Angehörigen einen Ort der Geborgenheit. Den Gästen wird durch medizinisch-pflegerische und menschlich-seelsorgerliche Zuwendung bis zuletzt ein würdevolles Leben ermöglicht. „Wir haben eine hundertprozentige Fachkraftquote und alle Stellen sind besetzt“, erklärt Einrichtungsleiterin Susanne Hofmann. „Wir sorgen dafür, dass alle Beteiligten, also der Betroffene, das Hospizpersonal, der behandelnde Hausarzt, Seelsorger und nahe Angehörige ins Gespräch kommen. Sehr oft können dabei schon Ängste genommen werden – etwa durch das Wissen, dass bei nicht mehr beherrschbaren Schmerzen oder großen Tumorwunden der Arzt eine palliative Sedierung vorschlagen kann. In solch einem Fall bespricht er mit allen Beteiligten eine Dämpfung des Bewusstseins sowie eine Schmerztherapie, damit der Betroffene weniger wahrnimmt. Wir begleiten dies sehr achtsam.“

Tatsächlich würden seit der Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes vereinzelt Menschen bei den Erstgesprächen Fragen zu den neuen Regelungen stellen. Dies geschehe aber im Rahmen einer Informationssammlung über die bestehenden Optionen und nicht als ausdrücklicher Wunsch. „Es kam bisher sehr selten vor, dass Sterbehilfe gewünscht worden wäre. Gleichwohl drücken manche Hospizgäste aus, dass sie nicht mehr leben wollen, wenn sie spüren, dass die Lebenskraft schwindet.“ Im Lauf ihrer Tätigkeit habe sie erst zwei Gäste erlebt, die eigentlich in die Schweiz fahren wollten, um dort aktive Sterbehilfe in Anspruch zu nehmen, dies aber aufgrund eines schnellen Krankheitsverlaufs nicht mehr schafften. „Die eine Person konnte bei uns noch ankommen und unsere Begleitung annehmen, die andere Person hat leider bis ans Lebensende gehadert.“

Susanne Hofmann und Birgit Prestel ist es wichtig zu betonen, dass es „auch in der letzten Lebensphase durchaus immer wieder Momente und Begegnungen gibt, die den Gästen Freude bereiten, tiefste positive Gefühle hervorrufen, die sich mit dem Wort Lebensqualität beschreiben lassen“. Ihr Wunsch: „Würde die palliative Therapie schon zu einem früheren Zeitpunkt der konventionellen Therapie miteinbezogen, würden die Betroffenen früher die Alternativen zum assistierten Suizid kennenlernen. Dadurch würden sich bessere Möglichkeiten der Wahl erschließen. Denn ich kann mich nur für Alternativen entscheiden, wenn ich diese auch kenne.“

Lisa Miller ist als Hospizbegleiterin tätig. Sie teilt ihre sehr persönlichen Erfahrungen

»Aus meinem Herzen heraus« „Meine Intention, einen Kurs zur Hospizbegleiterin zu absolvieren, entsprang aus meinem Herzen heraus. Die Entscheidung dazu fiel mir leicht, da ich mich sehr stark mit Tod, Schmerzen, Trauer, Verlust, Akzeptanz und vor allem dem Leben nach dem Tod auseinandergesetzt habe. Ich war dazu gezwungen, als ich mich vor fünf Jahren von einem meiner beiden Söhne verabschieden musste. Als ich ihn damals während dem Sterbeprozess begleitet habe, konnte ich durch diese Erfahrung – paradoxerweise – auch einige positive Aspekte für mich und mein Leben mitnehmen und durfte einiges lernen. Ich persönlich habe keine Angst mehr vor dem Tod, denn der Tod gehört in meiner Welt zum Leben dazu. Mir ist ganz klar bewusst, dass auch für mich irgendwann der ‚Tag X‘ kommen wird, so wie bei allen anderen auch. Deshalb sehe ich jeden Tag als ein wundervolles Geschenk an. Dadurch, dass ich die Angst vor dem Tod überwinden konnte, konnte ich gleichzeitig die Angst vor dem Leben überwinden. Ich möchte mein Herz und meine Seele mit etwas Sinnvollem füllen. In der Hospizarbeit schenke ich Menschen, die im Sterben liegen, meine Zeit und Energie. Es gelingt mir, Nähe und Distanz in Balance zu halten. Ich begegne den sterbenden Menschen mit höchstem Respekt und Einfühlungsvermögen, indem ich mich auf den Betroffenen einlasse und meine Bedürfnisse hintanstelle. Jedes Mal darf ich einen Zustand völliger Selbstlosigkeit erleben, was gleichzeitig eine unglaubliche Bereicherung und Mehrwert für mich und mein Leben mitschwingen lässt. In diesen Momenten, wenn die Zeit gekommen ist, spüre und erlebe ich, wie Demut und Wehmut zum Vorschein kommen. Nur dieser eine Moment zählt, nur das Hier und Jetzt. Mein Wunsch und meine Vision ist es, dass kein Mensch einsam und alleine sterben muss und dass jeder Einzelne von uns Menschen eine Hand hat, die ihn in besonderen und einmaligen Momenten des Lebens hält. Ich bin dankbar, dieses Ehrenamt ausführen zu dürfen.“
Lisa Miller bei einem Besuch im Hospiz.

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