Die Nähmaschine immer mit dabei

Kostümbildnerin Agnes Hamvas erzählt von ihrer Arbeit beim »Märchensommer Allgäu«

Die Freilichtbühne des Theaters in Kempten auf der Burghalde in Kempten während der Proben für das Theaterstück "Aladin und die Wunderlampe – neu erleuchtet", das im Rahmen des Märchensommers Allgäu 2021 aufgeführt werden wird.
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Wie integriert man das Grün der Burghalde in eine Szenerie, die in der Wüste spielt? Ganz einfach, indem man ihm die Form von Palmen gibt. Auf der Bühne agieren Hans Piesbergen als böser Karkan und Ursula Berlinghof als Dschinn. Die Rhythmen liefert Magnus Dauner.

Kempten – Orientalische Rhythmen und Klänge erfüllen die Burghalde. Es ist ein trüber Tag Ende Juni. Auf der Bühne legt der böse Karkan ein schwungvolles Tänzchen mit dem Dschinn aufs Parkett. Die Ausstattung ist noch spärlich. Soundcheck heißt es an diesem Tag für die Theatercrew des „Märchensommer Allgäu“. Agnes Hamvas sitzt in den ansonsten leeren Rängen der Arena und beobachtet die Szenerie genau. Sie ist verantwortlich für das Bühnenbild und die Kostüme. „In der heißen Phase sitze ich immer hier und schreibe elendslange Listen, die ich dann bis zum nächsten Termin umzusetzen versuche“, erzählt sie.

Bei den Proben sieht Agnes Hamvas, ob das Kostüm der Figur entspricht. „Manchmal stellt man dann fest, es geht in eine andere Richtung“, erzählt sie. Auch die Schauspieler haben oft gute Ideen, die sie dann einbaut. Und kurz vor der Premiere leppern sich noch viele Kleinigkeiten zusammen: Dann fällt auf, dass hier noch ein Ohrring fehlt. Ein Schauspieler sagt, seine Hose rutscht. Ein Kostüm dort kann nicht schnell genug geöffnet werden und Hamvas näht einen Druckknopf ein.

Ganz so weit ist es jetzt aber noch nicht. In der Früh haben die Schauspieler die Kostüme anprobiert. Zuhause nimmt Ages Hamvas dann die Änderungen vor. „Zuhause“ bedeutet aber nicht Buchenberg oder Oberstdorf, sondern Wien. 600 Kilometer fährt die Kostümbildnerin jedes Mal, wenn sie nach Kempten reist. „Vier- bis fünfmal komme ich in einer Probenphase ungefähr hierher“, erzählt sie, „aber mittlerweile läuft auch viel über Telefon und Zoom.“ Wenn sie kommt, hat sie aber in jedem Fall die Nähmaschine dabei, um einzelne Dinge gleich zu erledigen.

Hamvas verantwortet auch die Kostüme für den „Märchensommer Wien“, mit dem das Theater in Kempten eine Kooperation hat. Manches kann übernommen werden, manches nicht. „Dieses Mal mache ich alles ganz neu“, sagt die Kostümbildnerin. Mit den Coronabestimmungen wird das Stück etwas kürzer, was auch die Figuren verändert. Und weil die Burghalde viel weitläufiger ist, müssen die Kostüme raumgreifender sein als auf anderen Bühnen, um ihre Wirkung nicht zu verlieren.

Die 30 Meter Abstand zur Bühne sind überhaupt ein Thema beim Märchensommer. Auch beim Bühnenbild: „Ziel ist es, mit einfachen Mitteln groß zu sein.“ Und alles muss verstaubar sein. Die spezielle Herausforderung in diesem Jahr: Wie bekommt man den heißen Wüstensand in die grüne Kulisse der Burghalde? „Aladin und die Wunderlampe – neu erleuchtet“ steht auf dem Spielplan.

Die Geschichte um Aladin, Teppich und Susu verspricht auch heuer wieder Spaß für die ganze Familie. Aladin braucht nämlich die Hilfe der Zuschauer, um Prinzessin Yasemin aus den Fängen des bösen Karkan zu befreien. Für besondere musikalische Effekte sorgt dieses Mal Marcus Dauner an Schlagzeug und Percussion. Und auch an tänzerischen Einlagen mangelt es nicht. 

Es geht viel mit Phantasie: Man kann viel behaupten, dann ist es so

„Manchmal erreicht man lustige Effekte mit ganz wenig“, erklärt Hamvas, „es geht viel mit Phantasie, das hat Theater dem Film voraus. Man kann viel behaupten, dann ist es so.“ Dabei sei Kindertheater viel mehr Arbeit als ein Sprechstück. „Märchenkostüme sind um einiges aufwendiger“, sagt die Wienerin. Oft baut sie die Kostüme regelrecht mit unsichtbaren Unterkonstruktionen. „200 Arbeitsstunden pro Kostüm sind keine Seltenheit. Oft sehen das die Leute gar nicht.“ Heuer sei der Dschinn am aufwendigsten für die Kostümbildnerin gewesen. „Mehr verrate ich aber nicht“, sagt sie und grinst.

Und wie nähert sie sich den Figuren generell? „Zuerst lese ich den Text.“ Bei einigen Charakteren ist die Idee sofort da. „Ich greife eine Eigenschaft auf und unterstütze sie im Kostüm“, erzählt Hamvas. Manchmal brauche es aber auch länger, bis das Konzept steht. „Dann sammle ich Ideen in Form von Materialien, Formen und Farben.“ Für Aladin und die Wunderlampe hat die Kostümbildnerin in Büchern aus dem Orient recherchiert und die Schnitte daran angelehnt. „Der Mantel von Karkan zum Beispiel ist großteils ein Originalschnitt.“

Und sind die wertvollen Stoffe nicht schwer zu waschen? Diese Frage bringt Hamvas zum Schmunzeln: „Wodka heißt das Zaubermittel.“ Viele Kostüme gehen nach der Vorstellung direkt in die Waschmaschine. Und wo es nicht möglich ist, versprüht die Garderobe oder die Technik sofort ein Gemisch aus Wodka und Wasser. Das töte die Bakterien, bevor sie zu riechen beginnen. So unterstreicht es auch Hamvas‘ Kollegin Sabina Scholz, die sie in der praktischen Umsetzung unterstützt.

Die für die Ausstattung verantwortliche Sabina Scholz probiert, wie sich die Metallstreben am Bühnenbild kaschieren lassen.

Scholz ist gerade dabei, das Handwerkerhaus auf der Burghalde einzuräumen. Überall stehen nun leere Garderobenstangen und Rollkästen. Die junge Frau hat viel zu tun. Eben probiert sie noch, wie sich die Metallstreben am Bühnenbild kaschieren lassen, schon sitzt sie wieder im TiK-Sprinter für die nächste Transportfuhre. Scholz freut sich, dass es jedes Jahr eine Steigerung gebe beim Märchensommer. „Das Publikum bekommt immer mehr zu sehen, jedes Jahr lernen wir den Raum besser kennen, fühlen uns besser hinein“, sagt sie.

Und auch Hamvas freut sich auf die nächste Zeit. „Jetzt ist die heiße Phase.“ Die Figuren und Szenen sind erarbeitet. Nun gilt es, alles anzupassen. „Langsam fügen sich alle Teile zusammen. Dann kommen noch Kostüm und Maske dazu. Das motiviert schon.“

Susanne Lüderitz

»Märchensommer Allgäu« – Infos und Termine

Besetzung:
• Aladin: Stephanie Marin
• Susu: Corinne Steudler (auch verantwortlich für Choreographie)
• Teppich: Julia Jaschke
• Bösewicht Karkan: Hans Piesbergen
• Prinzessin Yasemin: Sarah Martlmüller
• Dschinn: Ursula Berlinghof
• Percussion: Magnus Dauner

Spieltermine:
An vier Wochenenden immer von Donnerstag bis Sonntag:
im Juli am: 15., 16., 17., 18., 22., 23., 24. und 25.
im August am: 12., 13., 14., 15., 19., 20., 21. und 22.
Die Aufführung beginnt jeweils um 17 Uhr. Wettertelefon: 0831/96 0 788 11
Tickets sind erhältlich in der Berchtold Reiselounge, am Residenzplatz 25, Tel. 0831/52 22 60, oder direkt beim Theater in Kempten: unter vorverkauf@theaterinkempten.de und über das TiK-Kartentelefon: 0831/870 23 23, Tickets gibt’s zum Selbstausdrucken auch im Ticket-Webshop unter: www.theaterinkempten.de

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