Der Gastronomie soll Mehrweggeschirr schmackhaft gemacht werden

Kempten-to-go wird grüner

Ein Koch schaut durch Essenseinwegverpackungen durch.
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Um Einwegverpackung einzuparen, setzt Kempten künftig auf Mehrwegverpackungen.
  • VonAntonia Knapp
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Kempten – Im vergangenen Herbst hat die Stadt Kempten gemeinsam mit dem Zweckverband für Abfallwirtschaft (ZAK) und dem City-Management ein Projekt gestartet, um den in Kempten anfallenden Verpackungsmüll zu verringern. Da während der Pandemie Restaurants und Imbissanbieter ihren Gäste nur noch Speisen und Getränke zum Mitnehmen verkaufen durften, sind noch deutlich mehr Einwegverpackungen verbraucht und weggeworfen worden als zuvor. Mit dem Münchner Start-up Relevo hat das städtische Klimaschutzmanagement einen Partner gefunden, mit dem die Stadt möglichst viele Gastronomen dafür gewinnen will, das Mehrweggeschirr des jungen Unternehmens zu nutzen.

Das Ausleihsystem ist für Anbieter wie Gäste einfach anzuwenden und hat so auch den Umweltausschuss des Stadtrats überzeugt. (Der Kreisbote berichtete.) Der teilnehmende Gastwirt bezahlt keine Grundgebühren, sondern entrichtet lediglich eine kleine Transaktionsgebühr, wenn ein Kunde ein Behältnis entleiht. Dafür muss der Gast die Relevo-App auf seinem Smartphone einrichten, ein Benutzerkonto anlegen und kann dann den Barcode des gewünschten Gefäßes scannen. Er bezahlt weder Pfand noch eine Leihgebühr und hat anschließend 14 Tage Zeit, den Behälter bei einem beliebigen teilnehmenden Gastronomiebetrieb zurückzugeben oder frisch befüllen zu lassen.

Hält der Kunde die Frist nicht ein, wird ihm über die App eine „Klimagebühr“ berechnet, die sich für eine Speisenbox auf 10 Euro, für einen Trinkbecher auf 5 Euro beläuft. Dennoch steht es dem säumigen Entleiher frei, das Behältnis auch nach Ablauf der Frist zurückzugeben und so wieder in Umlauf zu bringen. Derzeit muss der Gast den Rechnungsbetrag aktiv überweisen. Relevo arbeitet aktuell an einem Software-Update, sodass der Nutzer den gewünschten Zahlungsweg künftig fest hinterlegen und die Klimagebühr automatisch abgebucht werden kann.

Matthias Potthast, Geschäftsführer von Relevo, hat mit seinem Team seit der Gründung des Unternehmens im Februar 2020 450 Partnerrestaurants in 50 deutschen Städten gewonnen. In Kempten, wo Potthast aufgewachsen ist, machen aktuell acht Gastronomiebetriebe mit. So konnten in den vergangenen sieben Monaten allein in der Allgäumetropole 4.000 bis 5.000 Einwegbehältnisse eingespart werden. Der Jungunternehmer hofft, noch deutlich mehr Partner zu gewinnen, denn je „dichter das Rückgabenetzwerk ist“, umso mehr Abfall lässt sich vermeiden. Wie hoch der Müllberg ist, verdeutlichte Andreas Breuer vom ZAK mit einigen Zahlen: In Deutschland fallen pro Jahr etwa 19 Millionen Tonnen Verpackungsmüll an, das entspricht jährlich 230 Kilogramm pro Kopf; davon entfallen vier Kilogramm auf To-go-Verpackungen, in Kempten sind das jedes Jahr etwa 290 bis 300 Tonnen. Seit Juli 2020 sind Einwegplastikprodukte in der EU verboten.

Gastwirte, Imbissbetreiber und Verkaufsbuden werden ab 2023 zudem verpflichtet sein, alternative Mehrwegverpackungen anzubieten. Potthast betont, dass Relevo mit seinem Leihsystem Rückgabequoten von 99 Prozent erzielt, während Pfandlösungen nur auf 70 bis 80 Prozent kämen, was den klimafreundlichen Effekt stark verringere. Zur hohen Quote trage auch bei, dass die Kunden per App daran erinnert werden, die Gefäße rechtzeitig zurückzubringen.

Silvio Markus und Matthias Zimmermann haben mit Relevo gute Erfahrungen gemacht: Sie haben das Mehrwegsystem „innerhalb von vier bis sechs Wochen toll und unkompliziert“ eingeführt. Im öffentlichen Bistro des WerkShops der Allgäuer Werkstätten können sich die Kunden ihr Mittagessen nun in den auch ästhetisch ansprechenden Behältern abholen. Etwa ein Drittel der täglich ca. 160 Mahlzeiten füllen die behinderten Mitarbeiter und ihre hauptamtlichen Helfer mittlerweile in die Leihgefäße. Für ältere Kunden, die nicht immer ein eigenes Smartphone besitzen, hat der WerkShop auf einem firmeneigenen Gerät Benutzerkonten eingerichtet.

Außerdem empfehlen Markus und Zimmermann, einige Relevo-Behälter zu kaufen, um sie ohne Registrierung zum dauerhaften persönlichen Gebrauch an weniger technikaffine Kunden weitergeben zu können. Oberbürgermeister Thomas Kiechle hofft, dass sich die Bürger vom ökologischen „Mehrwert“ des Projekts überzeugen lassen, auch wenn das „nicht ganz einfach“ ist, denn letztendlich gehe es hier um „Verhaltensänderung und Bewusstseinsbildung“.

Kommentar

Zweifellos ist es dringend geboten, so viel Müll wie möglich zu vermeiden, um Natur, Klima und Ozeane zu schützen. Die EU hat klare Vorgaben gemacht, die spätestens in ein bis zwei Jahren erfüllt sein müssen. Da ist es nur folgerichtig, dass das städtische Klimaschutzmanagement nicht locker lässt und nach dem wenig erfolgreichen Versuch, mit Recup ein Pfandsystem einzuführen, nun auf ein anderes, innovatives Verfahren setzt. Bedauerlich ist allerdings, dass Kunden ausgeschlossen sind, die nicht über ein Smartphone verfügen, etwa weil sie technisch nicht versiert genug sind, nicht über die nötigen finanziellen Mittel verfügen oder sich bewusst gegen diese Technologie entschieden haben. Wie der Erfahrungsbericht aus den Allgäuer Werkstätten zeigt, wird damit insbesondere älteren Menschen der Alltag schwerer gemacht; treffen sie nicht auf entgegenkommende Helfer, werden die neuen technischen Voraussetzungen zum Hindernis auf dem Weg zu etwas so Einfachem wie einer Mahlzeit zum Mitnehmen. Jeder Bürger und Konsument sollte frei wählen können, welchen technischen Aufwand er für ein Mittagessen to go oder einen Becher Kaffee auf sich nehmen will und ob er sich dafür digital registrieren lassen will oder nicht. Gerade auch im Hinblick auf Klimaschutz und Energieverbrauch sollten wir zudem hinterfragen, für welche alltäglichen Verrichtungen eine stromfressende technische Transaktion wirklich nötig ist. In diesem Sinne könnte der ergänzende Vorschlag des WerkShops, Relevo-Gefäße auch zum Kauf anzubieten, bei den Kemptener Gastwirten Schule machen. Bedenkt man allerdings, dass wohl in so gut wie jedem Küchenschrank eine größere Zahl an Vorratsbehältern zu finden ist, könnte ein Teil der Lösung auch darin bestehen, dass die Kunden ein eigenes Behältnis zum Befüllen mitbringen, was die Hygienebestimmungen durchaus erlauben und in so manchem Lebensmittelladen oder Bistro bereits akzeptiert wird. Ob Henkelmann, Brotzeitdose oder ‚Büble mit Krügle‘ – die Ausgabe und der Transport von Speisen und Getränken in privaten Behältnissen hat sich jahrzehntelang bewährt und darf durch technologische Neuerungen ergänzt, sollte aber nicht ohne Not verunmöglicht werden.  Antonia Knapp

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