Bürgerschaftliches Engagement in Pandemiezeiten

Vereinsleben am Bildschirm?

Ein Büromensch macht Liegestützen vor dem Bildschirm seines Smartphones.
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Manche Vereine konnten kreativ mit der Pandemie umgehen.
  • VonAntonia Knapp
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Kempten – Wie ist es Vereinen und ehrenamtlich Engagierten in den vergangenen Monaten ergangen?

Wie sind sie mit den teils drastischen Einschränkungen umgegangen? Hat die Pandemie das Vereinsleben nachhaltig verändert? Elvira Schmid vom städtischen Koordinationszentrum für bürgerschaftliches Engagement hat dem Ausschuss für soziale Fragen von ihren Eindrücken und Aktivitäten berichtet:

Anfangs, im Frühling 2020, hat sie gemeinsam mit der Freiwilligenagentur Oberallgäu eine Datenbank eingerichtet, um besonders gefährdete ältere Menschen und ehrenamtliche Einkaufshelfer zusammenzubringen. Doch die Älteren wollten überwiegend selbst einkaufen gehen; während die teils von Kurzarbeit betroffenen Freiwilligen den Wunsch hatten, sich zu betätigen und nach einer Aufgabe suchten, von den Kontaktbeschränkungen aber ausgebremst wurden. Gemeldet haben sich bei der Vermittlungsstelle einige junge Familie, die sich Unterstützung bei der Kinderbetreuung wünschten. Die Gelder, die Schmid und ihre Projektpartner im Rahmen der Initiative „Unser Soziales Bayern. Wir helfen zusammen!“ vom Freistaat bekommen hatten, flossen daher nicht in die Vernetzung von Risikogruppen und Hilfswilligen; stattdessen finanzierten sie mit den Fördermitteln risikoarme Fahrdienste und Hygieneartikel für bürgerschaftlich engagierte Einrichtungen.

Vereine und ehrenamtlich Aktive konnten sich an ein „Sorgentelefon“ wenden und auf der Homepage der Stadt rechtliche Ratschläge abrufen. Für „positive Impulse“, „um diese Zeit aushaltbarer zu gestalten“, startete die Stadtverwaltung außerdem die digitale Plattform www.kempten-zuhause.de. Sie will für alle Generationen „Raum für positive und schöne Aspekte des Lebens“ schaffen und soll mit „einer neuen Idee“ auch nach der Hochphase der Pandemie weitergeführt werden, wie Thomas Baier-Regnery, Referent für Jugend, Schule und Soziales, ankündigte.

Im Laufe der Corona-Krise ist es Schmid und ihrem Team gelungen, die monatlichen Fortbildungen für Ehrenamtliche online oder als Podcast weiterhin anzubieten; auch die regelmäßigen Rot-Kreuz-Kurse fanden statt. Verzögert hat sich jedoch der Aufbau des Freizeitbegleitdienstes für Menschen mit Handicap. Da die Festwoche auch heuer ausfällt und behinderte Menschen häufig besonders risikobewusst und vorsichtig seien, habe es kaum Gelegenheiten gegeben, gemeinsam mit ehrenamtlichen Begleitern Veranstaltungen und andere Freizeitvergnügen zu besuchen. Für den aktuellen Kemptener Musiksommer vermittle das Gemeinschaftsprojekt von Stadt und Landkreis Oberallgäu nun aber Begleitdienste.

Da das Vereinsleben während der Pandemie mehr oder weniger umfänglich ins Internet verlagert werden musste und zahlreiche neue Regeln zu beachten waren, hat das Koordinationszentrum sein Fortbildungsangebot auf die neuen Herausforderungen abgestimmt und bietet derzeit auch wieder vor Ort im Altstadthaus passende Schulungen an, wie z.B. „Effiziente Vereinsarbeit mit Microsoft Outlook und Microsoft OneNote“. Einige Vereine haben zudem Gutscheine für Einzel-Coachings bekommen.

Die Pandemie habe auch im Vereinsleben einige Entwicklungen, die sich schon länger abzeichneten, beschleunigt; denn „wenn Strukturen sich lösen, werden Veränderungen möglich“, so Schmid. „Vor einigen Jahren konnte ein Vorsitzender einen Verein noch alleine leiten; das geht heute nicht mehr“, so zahlreich und komplex wie die organisatorischen, rechtlichen und konzeptuellen Anforderungen inzwischen sind. Manche Vereine hätten es auch versäumt, rechtzeitig junge Mitglieder anzuwerben. Einige erlebten in der Pandemiekrise einen Mitgliederschwund, Übungsleiter fehlen und nicht alle Vereinsvorstände sind noch bereit, sich in neue Technologien und Aufgaben einzuarbeiten, und treten deshalb nicht mehr zur Wahl an.

Doch das virtuelle Vereinsleben birgt auch neue Chancen: Menschen, die nicht mobil sind, ihre Kinder nicht alleine lassen können oder anderswo studieren, können online weiterhin an der Vereinsarbeit teilhaben. Auch haben viele Vereine originelle Ideen entwickelt, um den Kontakt zu ihren Mitgliedern auch auf Distanz zu pflegen, erzählt Elvira Schmid: Sportvereine haben Online-Wettbewerbe ausgeschrieben wie: „Mache 30 Liegestützen in einem Häschenkostüm!“; ein Faschingsverein schickte seinen Mitgliedern Tütchen voll Konfetti, Tröten und anderer Ausrüstung für die Hausparty im kleinen Kreis.

Ehrenamtskarte

Die Ehrenamtskarte 2019/2021, mit der engagierte Freiwillige als Dankeschön viele Freizeitangebote in der Region gratis oder vergünstigt genießen können, ist bis 31. August 2022 gültig. Die Stadtverwaltung arbeitet derzeit an der technischen Umsetzung der Fristverlängerung.

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