Von Inventarisierung bis Verpackung

Kempten: Vorbereitungen für den Umzug ins endgültige Depot laufen auf Hochtouren

Am Ende einer langen Reihe von Arbeitsschritten werden die Exponate sach- und fachgerecht verpackt, wie Museumsleiterin Dr. Christine Müller Horn (li.) und Restauratorin Monika Lingg hier zeigen.
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Am Ende einer langen Reihe von Arbeitsschritten werden die Exponate sach- und fachgerecht verpackt, wie Museumsleiterin Dr. Christine Müller Horn (li.) und Restauratorin Monika Lingg hier zeigen.
  • VonChristine Tröger
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Kempten - Raus aus dem Alpinmuseum, rein ins neue Depot heißt es demnächst für viele Tausende dort zwischengelagerte Gemälde, Fossilien und weitere Exponate.

Langsam wird es ruhig um das Alpinmuseum im Marstallgebäude. Zum 31. Dezember 2021 werden die Pforten geschlossen und auch die Ausstellung „Leuchtendes Mittelalter“ wird laut Museumsleiterin Dr. Christine Müller Horn im Laufe des kommenden Jahres „im Zuge der Abholung der Exponate“, die dort aus er Sammlung des Bayerischen Nationalmuseums präsentiert waren –bzw. im Moment noch sind –, abgebaut. „Ab 2023 könnte der Marstall in Vorbereitung auf eine potentielle Landesausstellung und eine Umwandlung in ein Allgäu-Museum in Sachen Barrierefreiheit baulich ertüchtigt werden“, wie es auf der Website heißt.

Zunächst aber muss das Marstallgebäude als Zwischenlager für die u.a. 1.300 Gemälde dienen, die aktuell noch im Depot in der Messerschmittstraße aufbewahrt werden. „Es war klar, dass die Aufbewahrung nur hier sein kann“, bis im neuen Depot (wie berichtet verzögert sich die Fertigstellung um einige Monate) vor allem das optimale Klima eingestellt ist, so Müller Horn. Was Klima und Sicherheit betreffe, „sind hier die perfekten Bedingungen“, deshalb ist sie sichtbar froh über diese Zwischenlösung.

Aufwendige Vorarbeiten

Restauratorin Monika Lingg ist im obersten Stockwerk schon seit Monaten damit befasst, Gegenstände der Sammlungen zu sichten, zu sortieren, zu inventarisieren und fachmännisch zu verpacken. Dazu muss sie mit ihrem überschaubaren Helferteam jedes Stück 1. vermessen (vieles erstmalig oder falsche Angaben nachjustieren), 2. herausfinden, woher es stammt (ob aus einer Schenkung, einem Ankauf oder auch wer Vorbesitzer war), 3. fotografieren, 4. mit einer Inventarnummer und ggf. Unternummern versehen (sehr zeitintensiv sei die Fehlersuche bei früher versehentlich doppelt vergebenen Nummern) und schließlich alles in einer Datenbank erfassen.

Besonders die Inventarisierung ist laut Lingg ein riesiger Zeitfresser. Oft seien gar keine Informationen vorhanden oder nur solche wie „Feuerspritze 500 Mark“, ohne zeitliche oder örtliche Zuordnung etc. Immerhin gibt es auch immer wieder etwas zum Schmunzeln, wie die „fliegende Pute“ statt „fliegende Putte“. Prinzipiell begrüßt Lingg die Digitalisierung, „aber sie muss auch ständig gepflegt werden“, was wiederum Zeit koste. Parallel will Müller Horn auf jeden Fall auch die Papierform beibehalten, die „ist für mich immer noch das Sicherste“, fürchtet sie möglichen Datenverlust.

Es fehlt an Personal

Angesichts der knappen Personaldecke sieht sie den wachsenden Aufgaben mit gemischten Gefühlen entgegen. „Normalerweise ist die Inventarisierung eine Kernaufgabe eines Museums“, werde hier aber „nur mit Freien“ erledigt, wie sie sagt. Die ursprünglich 50-Prozent-Stelle von Restauratorin Lingg sei zumindest für den Depotumzug bis 2024 aufgestockt worden. Die Stelle des Wissenschaftlichen Mitarbeiters im Kulturamt sei schon „seit Jahren nicht nachbesetzt“ worden, „aber die Aufgaben werden ja nicht weniger“, erwähnt Müller Horn den Archäologischen Park, Betreuung des Inventars oder Dauerausstellungen. „Die Basisaufgaben eines Museums mit Bestand“ seien zahlreich, aber halt „nicht publikumswirksam“.

Die aufwändige Arbeit wird einem erst am Ort des Geschehens zwischen unzähligen Kisten und Schachteln sowie noch zuzuordnenden Gegenständen so richtig bewusst und das nicht nur aufgrund der oftmals Kleinteiligkeit oder bislang falsch einsortierten Gegenstände. Auch weil es früher mit den Inventarlisten und Herkünften der Exponate oder dem Erhalt der Gegenstände nicht so genau genommen wurde. Ein Versäumnis, dass sich jetzt durch erhebliche Mehrarbeit rächt.

Kleingetier auf Nadeln

„Hier sind auch die unempfindlichen Dinge aus dem Zumsteinhaus“, weist Museumsleiterin Müller Horn auf Bücher, Steine etc., „die der geologische Arbeitskreis inzwischen sortiert hat“, die Literatur dazu werde aktuell katalogisiert. „Teile der biologischen Sammlung haben wir abgegeben“, insofern sie nicht für eine Naturausstellung zum Naturraum Allgäu verwendet werden könnte“, wie u.a. bestimmte Vogelpräparate. Beratung habe man vom Tierpräparator des Naturkundemuseums Nürnberg bekommen, das z.B. alles Kleingetier „das auf Nadeln steckt“ bekommen habe. So seien die Tierpräparate alle „auf Vordermann“ gebracht worden und „warten jetzt darauf, ausgestellt zu werden“, freut sich Müller Horn.

Ein ruhiges Händchen musste Lingg auch bei der Restaurierung von Gegenständen aus der „eiszeitlichen Sammlung mit viel organischem Material“ unter Beweis stellen. An den „Müschelchen an Steinen“ Geweihen etc. „war vieles schon sehr brüchig“ und habe stabilisiert sowie optisch angeglichen werden müssen, erklärt sie.

Gute Zusammenarbeit

Neben den bereits im Museumsdepot befindlichen Gegenständen warten noch rund 3.000 Mappen mit u.a. mehreren Bildern, Zeitungsausschnitten und Fotos von Allgäuer Künstlern aus dem Stadtarchiv darauf, ins Museumsdepot aufgenommen zu werden. Auch diese müssen zuvor noch alle von Lingg „aufgedröselt“ werden. Mit dem Stadtarchiv sei man generell in permanentem Austausch. „Wenn man sieht, im Archiv ist etwas, das ins Museum gehört, tauschen wir“ und andersherum, begrüßt Müller Horn das gute Miteinander.

Um dem Museum einen gebührenden Abschied zu bereiten, wird am Wochenende vom 4. und 5. Dezember ein buntes Rahmenprogramm für die ganze Familie geboten: ausgewählte Führungen, eine szenische Lesung, Theater und zwei offene Workshops zu Fossilien und Vergolden.

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