"Lockdown Global"

Ingmar Niemann zu den weltweiten Auswirkungen durch Corona

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Gegen eine Infektion mit SARS-CoV-2 hilft eine Maske, aber was hilft gegen die Folgen eines weltweiten Lockdowns auf die Weltwirtschaft? Ingmar Niemann versuchte, Antworten zu geben.

Kempten – Auf reges Interesse stieß der Impulsvortrag von Universitäts- und Hochschuldozent Ingmar Niemann, den dieser auf Einladung der Friedrich-Naumann-Stiftung im Art-Hotel hielt. „Lockdown Global – Die weltweiten Auswirkungen der Corona-Krise“, so der Titel des Vortrags mit Bezug zur sich abzeichnenden Weltwirtschaftskrise.

Nach der Begrüßung durch Frank Häring von der Friedrich-Naumann-Stiftung, der weitere Präsenzvorträge in Aussicht stellte, warf Ingmar Niemann einen Blick auf die weltweiten Auswirkungen der Corona-Krise. Wie geht es weiter mit der Euro-Zone und der EU? Mit welchen Konsequenezen müssen die Schwellenländer rechnen? Wie kommen die Entwicklungsländer aus der Krise? Welche globalen Machtverschiebungen ergeben sich aus der Pandemie? Auf diese und andere Fragen versuchte Niemann am Abend eine Antwort zu geben.

Der EU stellt Niemann bei der Bewältigung der Corona-Krise zumindest für den Beginn ein schlechtes Zeugnis aus. Was jahrelang nicht möglich schien, wurde nun in wenigen Tagen Realität: Die Schließung der Grenzen mit negativen Folgen für den EU-Binnenmarkt. Zudem erst spät einsetzende, gegenseitige Hilfe, eine untätige EU-Kommission im Zenit der Krise und bei der Frage nach der finanziellen Bewältigung der Misere eine Abspaltung der „Sparsamen Vier“ (Österreich, Schweden, Dänemark und Niederlande).

Das habe es anderen Mächten ermöglicht, Einfluss auf einzelne EU-Staaten zu nehmen, wie beispielsweise Russland auf Italien. Niemann rechnet zudem damit, dass sich im Zuge der Bewältigung der Krise auch die Mafia neue Tätigkeitsfelder erschließen werde, indem sie z.B. die Liquiditätsengpässe der Unternehmen ausnutze und sich bei kleinen und mittelständischen Betrieben „einkauft“.

Den monumentalen Rettungsversuch der EU-Eliten die Union durch milliardenschwere Hilfspakte zu retten, sieht Niemann skeptisch. Für den Wirtschaftsexperten steht fest, dass sich die Europäische Union mit dem „Merkel-Macron-Plan“ über 500 Milliarden Euro und seiner Erweiterung durch den EU-Wiederaufbauplan auf den Weg in die Fiskalunion befinde.

Mit der von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron eingesetzten Ursula von der Leyen als EU-Kommissionspräsidentin werde die EU nun „endlich“ eine Haftungsgemeinschaft.

Eine von Niemann präsentierte Grafik des IWF zeigt, dass Deutschland bei der Vergabe von Krediten, Bürgschaften und Kapitalspritzen in Prozent seiner Wirtschaftsleistung weltweit den ersten Platz einnimmt.

Eine weitere Grafik zeigte, dass sich durch die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie die Schuldenlast mancher Staaten weiter verschlechtert habe. Laut Niemann liegen u.a. Frankreich, Italien und Spanien mit ihrem Schuldenstand weit über ihrem Bruttoinlandsprodukt. Deutschland verschlechtere sich, toppe mit dem Zuwachs an Schulden aber weiterhin nicht seine Wirtschaftsleistung.

Niemann beschäftigt sich auch mit der Frage, ob die Inflation in die Euro-Zone kommt, schließlich „ist die Geldmenge bereits jetzt um 8,3 Prozent gestiegen.“

Dass bisher die Inflation nicht signifikant gestiegen ist, führt er auf niedrige Energiepreise, einen Geldmengenunterhang vor Corona und ein niedriges Wirtschaftswachstum von 1,2 Prozent in den letzten Jahren zurück. Trotzdem sieht Niemann die Gefahr einer Inflation, da die EZB seiner Meinung nach versuchen werde, eine drohende Stagnation mit einer Geldmengenexpansion zu bekämpfen. „Die Inflation wird dann einsetzen, wenn sich die Umlaufgeschwindigkeit des Geldes erhöht“, so der Experte.

Niemann wendet sich in seinem Vortrag auch dem pazifischen Raum zu und sagt eine weitere Zuspitzung im Konflikt China – USA vorher. Die USA sei von der Corona-Krise stark betroffen, es drohe die größte Pleitewelle der Geschichte, die Herabstufung von Anleihen nehme dramatische Züge an und die Arbeitslosenzahlen würden steigen. „Die Eliten der USA werden versuchen, die Lieferketten nach China zu „sprengen“, um die Wertschöpfung zu ihren Gunsten zu lokalisieren. Deutschland könnte dann der größte Verlierer dieser Entwicklung sein. Die USA werden ihre Verbündeten vor die Wahl stellen: Entweder Handel mit den USA oder China“, analysiert Niemann. Am Beispiel Siemens verdeutlicht er das Dilemma: Der deutsche Konzern betreibe Handel mit den USA und China zu fast gleichen Teilen. Auch mit den Schwellenländern und Staaten wie Indien beschäftigte sich Niemann. Durch die einsetzende Kapitalflucht aus diesen Ländern erwüchsen diesen große Herausforderungen: „Die eigene Währung wird abgewertet, dadurch wird die Schuldentragfähigkeit stark belastet und Staaten mit hohem Leistungsbilanzdefizit werden in eine Rezession stürzen“, so das Fazit Niemanns. Als letztes Mittel sieht er nur die Möglichkeit eines „Haircuts“ – eines globalen Schuldenschnitts.

Vier Zukunftsszenarien

Nach den z. T. düsteren Beschreibungen des Ist-Zustands wirft Niemann am Ende seines Impulsvortrags einen Blick auf vier mögliche Zukunftsszenarien der Welt: 1. Der Shutdown wird zur Normalität, die Menschen werden gechipt und ihr Leben wird digital überwacht 2. Es kommt zum System-Crash und das Zeitalter der Nationalstaaten- wie Ökonomien kehrt zurück. 3. Neo Tribes – Es kommt zu einer Rückbesinnung auf lokale Strukturen, regionale Erzeugnisse werden bevorzugt, die Ich-Kultur wird durch die Wir-Kultur ersetzt 4. Adaption – Mehr Anpassung und flexibler Umgang mit Veränderungen, die Weltwirtschaft wird wachsen, aber deutlich langsamer, die Welt lernt aus der Krise und geht gestärkt aus ihr hervor. Niemann verrät zum Abschluss seine Favoriten: „Es wird eine Mischung aus 3 und 4 sein.“

Jörg Spielberg

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