Vom Kleinkind bis zum 80-Jährigen

Warum die Kunstausstellung artig`19 so viele Menschen in den Bann zieht

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Maria Mainka aus Wiggensbach ist von dem Werk „Kunstperle“ besonders begeistert. Sie ist mit ihrem Mann bereits zum 4. Mal als Besucherin in die Kemptener Markthalle gekommen. 

Kempten – „Ich bin jetzt schon das dritte Mal in dieser Woche bei der artig `19 und es ist faszinierend zu sehen, dass hier von ganz jungen Leuten bis zu Senioren mit Rollator oder Rollstuhl wirklich alle Altersgruppen vertreten sind“, sagt Martin Decker aus Günzach. Der junge Mann ist als Physiker und Naturwissenschaftler eher praktisch veranlagt, aber „von den Kunstwerken und Objekten sehr positiv überrascht“. „Das Tolle finde ich, dass man sich mit den verschiedenen Künstlern persönlich unterhalten kann. Es sind immer welche vor Ort, die man einfach ansprechen kann. So erfährt man halt aus erster Hand, was sich der- oder diejenige bei seinem Werk gedacht hat, wie es dazu kam und vor allem wie viel Arbeit letztendlich dahinter steckt“, so Decker. Die Kunstausstellung artig`19 in der Markthalle hat zum zehnjährigen Jubiläum erneut einiges geboten.

„Es läuft auch zum runden Geburtstag wieder gut und wir bekommen super Feedback“, freut sich Stephan A. Schmidt. Er hat zusammen mit der Künstlerin Susanne Praetorius im Jahr 2009 das Kunst- und Kulturfestival artig gegründet genauso wie den gleichnamigen Verein. 

„Gemeinsam ist man einfach stärker. Wir waren damals an die zehn Künstler und wollten ganz unabhängig, mal selbst was auf die Beine stellen. Die Susanne war eigentlich ausschlaggebend. Sie wollte gerne mit Freunden ausstellen, das war der Ursprungsgedanke, und das wurden dann am Ende immer mehr Freunde. Wir haben lange nach einem Ort gesucht, der noch nicht so klassisch bespielt ist wie etwa der Hofgarten. Alle wollten mal was anderes, was größeres und vielleicht auch bisschen was wilderes. Mit Bühne und Band spielen lassen und so“, sagt Schmidt rückblickend. 

Die Wahl fiel dann auf die Kemptener Markthalle. Als Hänge- und Stellwände für die Bilder und Fotos dienten bei der ersten artig im Jahr 2009 noch Bauzäune. „Aber das war wirr. Wir hatten auch die Wände der Markthalle damals noch nicht abgehängt. Da kam keine Ruhe in die Kunst rein. Deshalb haben wir uns später für Metallwände entschieden, die wir in einem Baumarkt beim Ausverkauf günstig ergattert haben“, verrät Schmidt.

Die Kunst ernst nehmen – nicht das Drumherum

Fast ein Jahr Vorbereitungszeit nimmt die Kunstausstellung in Anspruch und eine Woche lang wird im Vorfeld in der Halle aufgebaut. Und was macht die artig so besonders? Warum nehmen die Verantwortlichen jedes Mal diese Kraftanstrengung in Kauf, um das Kunst- und Kulturfestival auf die Beine zu stellen? „Die Mischung macht‘s, würde ich sagen. Wir haben zum einen die Ausstellung und wir haben mittendrin die Bühne mit Konzerten, Open Stage und Kabarett. Das alles zusammen ergibt das Kunstwohnzimmer, von dem wir immer sprechen. Hier ist es einfach locker, urbaner, nicht so gediegen und stromlinienförmig. Wir geben uns alle lässig. Da gibt‘s ein Bier in die Hand und fertig. Kurze Ansprachen und das war‘s. Jeder ist aufgefordert, sich selbst mit der Kunst auseinanderzusetzen. Das genau ist die Freiheit der Kunst, jeder kann sie auslegen, wie er will“, so Schmidt.

Die Geschichte vom Perlenohrring 

Markus Rasch aus Willofs ist das erste Mal hier. Zusammen mit Freunden ist er an diesem Donnerstag zum AfterWorkArt in die Markthalle gekommen. Das Kunstwohnzimmer wird an diesem Abend zur Kneipe. Man steht zusammen, mit einem Getränk in der Hand und unterhält sich über Kunst und seine persönlichen Eindrücke zu den Werken. Ungezwungen, locker und frei. „Man sieht hier verschiedene Arten von Kunst. Das finde ich klasse. Und weil alles so schlicht gehalten ist in der Halle, kann man sich gut auf die Bilder konzentrieren“, so der junge Ostallgäuer. 

Für Marion Mainka aus Wiggensbach und ihren Mann ist das erste Mal artig schon länger her. Die beiden sind dieses Jahr das vierte Mal als Besucher vor Ort. „Ich erinnere mich noch gut an ein Kunstwerk vor ein paar Jahren. Das waren Regenschirme, die als Fledermäuse aufgehängt waren. Das ist mir bis heute im Kopf geblieben“, schmunzelt die Oberallgäuerin. Gerade steht sie fasziniert vor einem Werk der Allgäuer Künstlerin Maria Kiechle. Sie hat das berühmte Gemälde „Das Mädchen mit dem Perlenohrgehänge“ vom niederländischen Künstler Johannes Vermeer neu interpretiert. Mit Kunstrasen und einem echten Ohrring auf der Leinwand. 

Die Kreativität kommt an: „Die Idee allein finde ich genial. Kunstrasen und das da wirklich ein Ohrring hängt. Diese Verbindung ist wirklich fantastisch. Auch der Dürer-Hase und die Hände Michelangelos, die ebenfalls mit Kunstrasen auf der Leinwand gestaltet wurden, gefallen mir sehr gut“, so Mainka. 

Worte, die Maria Kiechle natürlich gerne hört, als die Künstlerin zufällig an dem Gespräch und dem damit verbundenen Lob vorbeiläuft. „Wissen Sie was, ich hatte bislang jeden Abend den dazugehörigen zweiten Ohrring in meinem Ohr. Nur heute habe ich ihn irgendwie vergessen, reinzumachen“, lacht Maria Kiechle mit den kurzen blonden Stoppelhaaren. „Mir ist schon vor längerer Zeit aufgefallen, dass das Wort „Kunst“ in Wörtern wie Kunstrasen, Kunstblumen, Kunstlicht oder Kunstleder jedes Mal negativ besetzt ist. Dabei ist Kunst an sich ja etwas Schönes. Das hat mich lange nicht losgelassen und nachdem es leider nicht möglich war, die ganze Markthalle mit Kunstrasen auszulegen, so wie ich mir das erträumt hatte, kam mir die Idee, das Thema auf diese Weise zu verwirklichen“, berichtet die Künstlerin aus Waltenhofen. 

Maria Mainka und ihr Ehemann zieht es derweil weiter zu den anderen Fotografien, Bildern und Skulpturen, die auf der artig`19 noch auf sie warten. Sie seien bewusst unter der Woche gekommen, um sich alle Kunstwerke in Ruhe anzuschauen zu können – vor dem großen Finale, der Kunstnacht am Samstag. „Da hat man einfach nicht die Muße und es wimmelt überall nur so von Leuten.“ 

Für Stephan A. Schmidt und sein Team hat sich der Aufwand auch dieses Jahr wieder gelohnt. Der hauptberufliche Texter und Grafiker nimmt sich jedes Mal extra einen Monat Urlaub, um das Kunst- und Kulturfestival gemeinsam mit seinem Team bewerkstelligen zu können: „Natürlich geht’s nur gemeinsam und mit den anderen zusammen, aber trotzdem denke ich mir am Ende oft: So viel Aufwand für gerade mal acht Tage, eigentlich müsste man es länger stehen lassen. Und nach jeder artig gibt es immer die Überlegung, ob man es in zwei Jahren wieder machen soll“, so Schmidt. Bleibt zu hoffen, dass er sich in Zukunft ein weiteres Mal selbst davon überzeugen kann. So wie die letzten Jahre auch.

Kathrin Dorsch

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