Eine Corona-Glosse

„Sind Sie noch da?“

Popcorn
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Popcorn zuhause..

„Sind Sie noch da?“ Wenn mir mein Fernseher oder Netflix diese Frage stellt, zucke ich zusammen.

Denn das bedeutet, dass ich viel zu lange in einer Serie hängengeblieben bin und mein Fernseher schon vermutet, dass ich auf meinem Sofa längst verstorben bin, und sich vorsorglich freundlich erkundigt, ob ich wirklich die nächste Folge sehen will.

Dabei habe ich mich doch nur gemütlich eingerichtet, mit Jogginghose und Wollsocken. Eben die Art von Zeitvertreib, die ich als Teenie bei einem Fragebogen „Wie stellst du dir einen idealen gemütlichen Sonntag vor?“ angegeben hätte. Ein bisschen „Kevin allein zu Haus“ mit einer Filmothek samt riesiger Auswahl. Dass ein unendlicher Seriennachmittag inzwischen ohne teure DVD-Boxen – ich erinnere mich an eine halbe Staffel für 29,95 Euro – und lange Wartezeit bei amerikanischen Serien – die deutsche Veröffentlichung genau ein Jahr nach der US-Erstausstrahlung – möglich ist, gehört in der Hitparade der Errungenschaften des letzten Jahrzehnts ganz weit nach oben. Zumindest für die Privilegierten, die Zugang dazu haben; abseits all der furchtbaren Folgeeffekte der Pandemie ein Anker.

Aber dann die Frage: „Sind Sie noch da?“

Bin ich das?

Auch der Blick aus dem Fenster hilft nicht recht weiter.

Keine Veranstaltungen, kein Barbesuch, es ist wenig los auf den Straßen. Kein Zusammensitzen mehr mit Freunden. Sowohl die Wohnung als auch die Innenstadt sind derzeit kein Ort für Freundschaften – stattdessen der Bildschirm. Verabredungen vom Sofa aus, in denen wir Weltgeschehen diskutieren oder die Tatsache, dass die Serie WandaVision wirklich großartig ist.

Bei einem Spaziergang treffe ich auf einen Bekannten. Wir bleiben stehen, natürlich mit Abstand, beide tragen Maske.

„Und, was gibt es Neues bei dir?“, fragt er mich. „Spannende Themen bei der Arbeit? Ist viel los in der Kommunalpolitik?“

Klar, wir bleiben auf der Ebene des fluffigen Smalltalks, deshalb muss ich nichts Tiefgreifendes in mir suchen, um zu antworten – was auch? „Keine Sitzungen, nur die wirklich brennenden Themen“ als echte Antwort? Denn gleich geht es in die übliche „Corona – welch verrückte Zeiten – endlich Home-Office – es ist so schwierig mit der Einschränkungsbalance“-Schleife, die anhält, bis ich auf die Uhr blicke, ohne die Zeit wirklich wahrzunehmen, und sage: „So ich muss dann mal wieder. Wenn das alles vorbei ist, sieht man sich ja.“

In diesem Moment weiß ich, was ich Netflix antworten könnte, wenn ich das nächste Mal gefragt werde, ob ich noch da bin. Ich bin hier, ja, aber nicht mehr hier. Es ist egal geworden, wo ich sitze. Von wo aus ich mich virtuell mit meinen Freunden treffe. Denn Weniges, was derzeit bewegt, hat mit dem Ort zu tun, an dem wir uns befinden, sondern mit dem, was wir sind, was die Pandemie mit uns macht, wie wir uns darauf einstellen und reagieren. Als Menschen, weniger als Region.

Ich mache mir eine Portion karamellisiertes Popcorn, bevor ich das Streamingangebot durchforste und wieder in die weite Welt abhaue. So lange, bis die regionale sich wieder weiterdreht.

Heimat ist auch das, worüber es etwas zu sprechen gibt.

Martina Ahr

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