Nach Vorfall im Januar

Wie gut ist das Allgäu gegen einen Blackout gewappnet?

Strommasten und Stromleitungen
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Wie gut ist das Allgäu gegen einen Blackout gewappnet? Diese Frage hat die beiden Kemptener CSU-Stadträte Peter Wagenbrenner und Helmut Berchtold umgetrieben.

Kempten/Allgäu – Wie sicher ist die Stromversorgung in Kempten und Umgebung?

Diese Frage hat die beiden CSU-Stadträte Peter Wagenbrenner und Helmut Berchtold umgetrieben, nachdem es Anfang Januar zur Überlastung eines Umspannwerkes in Kroatien gekommen war, was zu einer Instabilität des Europäischen Verbundnetzes führte. Ihre Sorge: Solch ein Szenario könnte zu Stromausfällen in weiten Teilen Europas und eben auch im Allgäu führen. Schließlich sei ein Umspannwerk Kulminationspunkt von verschiedenen Leitungen, die dort zusammenlaufen und weiterleiten. Komme es hier zu Überlastungen, schalte das Sicherungssystem die Leitungen ab. Auch äußerten sie Bedenken, dass man sich durch den Verbund zu abhängig von Drittstaaten mache.

AllgäuNetz als hiesiger Leitungsverbund reagiert beruhigend auf die Anfrage des Kreisboten zum Schreiben der CSU-Stadträte. Pressesprecher Stefan Nitschke erläuterte, warum AllgäuNetz die Sorge der beiden Stadträte nicht in dieser Form teilt.

Was war in Kroatien passiert?

Zu dem Vorfall in Kroatien, am 8. Januar 2021, sei es durch einen technischen Defekt gekommen, der zur planmäßigen Abschaltung eines 400-Kilovolt-Sammelschienenkupplers in der Umspannanlage Ernestinovo geführt habe. Für Fälle wie diesen könne das Verbundnetz an einigen Stellen voneinander getrennt werden. So geschehen am 8. Januar, als durch die Trennung der südöstlichen von der nordwestlichen Hälfte physikalisch zwei Verbundnetze entstanden. Dadurch sei es im nordwestlichen Teil zum Frequenzeinbruch, also einem Mehrbedarf an Leistung gekommen; gleichzeitig in der südöstlichen Hälfte zu einer Frequenzerhöhung auf Grund von zu viel Leistung im Stromnetz.

Dieser Effekt habe zu dem Frequenzeinbruch geführt, den zwar die Messinstrumente in Westeuropa wahrgenommen hätten, der Endkunde aber nicht. „Alle Schutzmechanismen haben gegriffen“, sagt Nitschke. „Wir waren nicht so nah am Blackout, wie manche Medien geschrieben haben.“ Schon nach wenigen Minuten sei das Netz wieder stabil gewesen, da die Energie in Abstimmung mit großen Betrieben, die ihren Verbrauch geplant abschalten oder hochfahren können, entsprechend heruntergefahren wurde. Bereits nach etwa einer Stunde sei das Verbundnetz in sich wieder vollständig stabilisiert und synchronisiert gewesen.

Energieerzeugung ungleich Verbrauch

„Wir haben das alte System schon lange verlassen“, weg von den großen Kraftwerks-Blöcken, hin zur dezentralen Versorgung. „Wir stehen voll hinter der Energiewende“, betont Nitschke, aber es bringe halt neue Herausforderungen, vor allem bezüglich der Steuerung. Wie er erklärte, muss das Stromnetz bei einer Frequenz von 50 Hertz (Hz) betrieben werden. Schon kleinste Schwankungen haben große Auswirkungen. Um die Gefährdung der Systemstabilität abzuwenden, folgen alle Netzbetreiber einem gemeinsamen System und Plan. Nichts im Stromnetz geschieht eigenständig oder wird dem Zufall überlassen. Vielmehr sind alle Maßnahmen strikt geregelt und müssen bis zum kleinsten Netzbetreiber umgesetzt werden.

Habe man früher nur selten in die Stabilität des Übertragungsnetzes eingreifen müssen, werde heute über 1000 Mal pro Jahr eingegriffen, meist automatisiert, sagt Nitschke. Schlussendlich müsse die Frequenzwaage immer im Gleichgewicht sein. Verbraucht die Industrie mehr, als prognostiziert, muss die dadurch entstandene Schwankung ausgeglichen werden. „Deshalb werden energieintensive Anlagen, wie z.B. Beschneiungsanlagen, im Vorfeld mit uns abgestimmt.“

Wurde im Gegenzug zu viel Energie produziert, werden Überschüsse in benachbarte Länder abgegeben oder es werden Kraftwerkserzeugungen heruntergefahren, z. B. über das Abstellen von Windparks oder die Reduzierung von Kohlekraftwerken.

War der Energieverbrauch früher gleich der Erzeugung und Einspeisung von Kraftwerken, gerät die Waage durch die heute dezentrale Energieerzeugung öfter mal in Schieflage. Oft liegt sie auch über dem Verbrauch, u.a. durch hohe Einspeisung der PV-Anlagen an Feiertagen bei wenig Abnahme durch die Industrie oder fehlende Leitungstrassen von Nord nach Süd.

Und wenn die Lichter doch ausgehen?

Bevor es soweit kommt, greifen Nitschke zufolge mehrere Sicherheitssysteme. Das habe der Vorfall Anfang Januar bewiesen, bei dem noch lange nicht alle Maßnahmen ergriffen werden mussten.

„Für den Krisenfall ist alles vorbereitet“, weiß Nitschke zu beruhigen, und zwei Mal pro Jahr werde der Krisenfall auch geprobt. Schwierig sei eine Vorhersage, wie lange ein europaweiter Blackout dauern würde, da es zwischen einem und mehreren Tagen liegen könne. Klar sei aber, dass die AllgäuNetz im Falle einer europaweiten Störung nur ein Teil des Gesamtsystems sei. „Das ist militärisch organisiert“, und die Entscheidungen, welche Bereiche wann zugeschaltet werden, unterlägen einem strikten System, in Deutschland unter Leitung der Übertragungsnetzbetreiber als Teil des europäischen Verbundnetzes.

Die Wahrscheinlichkeit, dass es zu einem Blackout kommt, schätzt Nitschke „als möglich, aber nicht besonders hoch“ ein. Normal sei, dass drei bis vier Mal pro Tag „gesteuert werden muss“, ohne dass es dafür Schuldige gebe, auch nicht die erneuerbaren. Es liege eher an den Herausforderungen durch die neuen und notwendigen Weiterentwicklungen.

Interessant für den Fall eines großflächigen Stromausfalls: Auch private PV-Anlagen seien dann selbst für den Eigenverbrauch nicht mehr nutzbar, da sich der Wechselrichter nicht mit dem öffentlichen Stromnetz synchronisieren kann. Haushalte, die einen Batteriespeicher haben der eine „unterbrechungsfreie Stromversorgung (USV)“ unterstützt, können die darin gespeicherte Energie noch aufbrauchen. Ob das der Fall ist, sollte aber vorher geklärt werden, rät Nitschke.

Eine Abhängigkeit von Drittstaaten sieht Nitschke in diesem Zusammenhang nicht. „Ohne das europäische Verbundnetz hätten wir öfter Ausfälle oder stünden nahe davor“, sagt er. „Man hilft sich gegenseitig und sehr effizient.“

Trotz der Überzeugung zur europaweiten Zusammenarbeit, arbeitet AllgäuNetz mit Projektpartnern an neuen Konzepten zum Stromnetz der Zukunft. So hat es AllgäuNetz, gemeinsam mit Siemens und dem AÜW in Wildpoldsried geschafft, ein „völlig autarkes Stromnetz“ aufzubauen, das völlig losgelöst betrieben werden kann und sogar „schwarzfallfähig“ ist. Das heißt, es stabilisiert sich nach einem Stromausfall selbstständig auf die 50 Hz. Erkenntnisse die ggf. in Zukunft stärker nachgefragt werden und auch heute schon in der Gestaltung der Stromnetze der Zukunft berücksichtigt werden.

Chrstine Tröger

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