Lieferung, Zeitfenster, Ausweis: Wie läuft es mit der Impfung?

»Beschissene« Informationspolitik bremst den Erfolg

Eine behandschuhte Hand zeigt Corona-Impfstoff. Daneben liegt eine Spritze
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Vieles läuft derzeit noch nicht rund.

Kempten/Landkreis – Die bundesweite Impfaktion ist in vollem Gange. Wirklich?


Es häufen sich einerseits die Meldungen über Impfstoffe, die liegenbleiben, auf der anderen Seite sind Klagen über Verzögerungen und ausbleibende Lieferungen zu hören. Wie sieht es in Kempten und im Oberallgäu tatsächlich aus?

Ein Infektionshotspot in einem Krankenhaus wäre eine Katastrophe. Deshalb wird in den Kliniken des Klinikverbunds Allgäu das medizinische Personal geimpft. In der vergangenen Woche lag der Anteil an geimpftem Personal (mindestens die erste Impfung ist erfolgt) bei rund 37 Prozent. 1598 Mitarbeiter haben mindestens eine Impfung erhalten und 1242 konnten vollständig mit zwei Dosen geimpft werden.

Für Erstimpfungen erhält der Klinikverbund derzeit ausschließlich den vektorbasierten Impfstoff von AstraZeneca. Um bereits begonnene Impfserien abzuschließen, werden in Einzelfällen auch Dosen des mRNA-Impfstoffes von BioNTech zugeteilt. Den Kliniken ist untersagt, PatientInnen zu impfen. „Prinzipiell würden wir dies aber für eine sinnvolle Maßnahmen halten“, so die Sprecherin des Klinikverbunds Kirsten Boos in Abstimmung mit Krankenhaushygieniker Dr. Matthias Sauter.

Eine Herausforderung für die Organisation der Impfungen sei die „relativ kurzfristige Impfstoffzuteilung“ und das „kurze Zeitfenster, in dem der mRNA-Impfstoff von BioNTech verimpft werden muss“. Die Liefermengen hätten wie zugesagt zur Verfügung gestanden, daher habe es an den Kliniken des Klinikverbunds Allgäu bislang keinen Verwurf von Impfstoff gegeben.

Alexander Schwägerl, BRK-Kreisgeschäftsführer im Oberallgäu, kann vermelden, dass inzwischen in allen Heimen geimpft wurde, zumindest diejenigen, die impfbereit waren. Das seien zwischen 60 und 80 Prozent. Dabei haben die über 80-Jährigen den Impfstoff von BioNTech erhalten. „Viele weitere Personen wollen geimpft werden“, sagt er, „dem gegenüber steht aber das Problem, dass wir zu wenig Impfstoff haben.“ Größere Mengen gäbe es von AstraZeneca. Die Diskussion über diesen Impfstoff sieht er als „unglücklich“ verlaufen. „AstraZeneca ist kein Impfstoff zweiter Klasse“, sagt er. Da dieser an Personen unter 65 verimpft wird, rücken auch Personen aus der zweiten oder dritten Impfgruppe nach vorn. „Es wird alles verimpft! Bei uns bleibt nichts liegen.“ Der Kaufbeurer Oberbürgermeister Stefan Bosse etwa sei solch ein Fall, so Schwägerl. Dieser habe sich im Impfportal registriert und habe so einen Termin erhalten – „ganz legal“.

Das sei die effektivste Möglichkeit, selbst an einen Impftermin zu kommen: Auf impfzentren.bayern kann sich jeder, egal welcher Prioritätengruppe er oder sie angehört, registrieren. Sobald er dran ist, wird ein Termin zugeteilt. Schwägerl betont auch: „Wer sich online registriert hat, ist bereits angemeldet. Bitte nicht ständig anrufen!“ Die Ungeduld mancher störe den Ablauf. Dabei könne er verstehen, was die Menschen umtreibt. „Es rufen Personen an, weil der Nachbar mit 65 schon geimpft wurde, er mit 80 aber noch nicht.“ Für den nächsten Schritt sei vor allem wichtig, auch dezentrale Impfmöglichkeiten zu schaffen. Israel hat diesen Schritt ebenfalls als wichtig erachtet und sich dafür mit Ikea abgestimmt: Wer zum Möbelhaus kommt, kann sich dort impfen lassen (das Redaktionsnetzwerk Deutschland berichtete). Solche Pläne gibt es hier nicht.

Im Allgäu nimmt stattdessen der Impfbus seine Arbeit auf. Noch sei das aber laut Andreas Kaenders vom Landratsamt Oberallgäu schwierig. Denn der Zulauf an Impfstoff sei nicht gesichert. „Erst wenn genug Impfstoff kommt, können mehr Leute in Impfzentren geladen werden und können Mitarbeiter mit Bussen in Gemeinden fahren für die Leute, die weniger mobil sind.“

Der Impfbus berge aber auch eine weitere Schwierigkeit: Er gilt als Außenstelle der Impfzentren, deshalb muss dort die einheitliche Software des Freistaats verwendet werden. Die Software ordne laut Kaenders die Regionen nicht korrekt zum Impfbus zu. Das Landratsamt könne darauf keinen Einfluss nehmen. Kaenders verweist auf die Homepage des Landratsamt, www.oberallgaeu.org, dort seien stets alle aktuellen Informationen zur Coronaimpfung zu finden.

Doch viel mehr Information als die dort veröffentlichte gibt es nicht. Der FDP-Landtagsabgeordnete Dr. Dominik Spitzer ist in Kempten als Hausarzt tätig und ärgert sich über die Informationspolitik. Keiner wisse, ob zugesagte Impfstoffe ankommen oder ob alle Dosen verimpft worden seien. Es sei schwierig, konkrete Aussagen zu bekommen. „Da muss man den politischen Druck erhöhen“, fordert Spitzer. Es sei kein Fehler der Staatsregierung, wenn Lieferungen stocken. Die „extrem schlechte, man könnte auch sagen, beschissene Informationspolitik“ führe aber zu mangelnder Transparenz.

Er hofft auf baldige Zulassung des Impfstoffes von Johnson & Johnson oder Sputnik V. Damit wäre es möglich, Hausärzte in die Impfabwicklung einzubeziehen und „im großen Stil“ zu impfen. Er könne mit seiner Praxissoftware schnell alle Patienten ausfindig machen, die über 80 oder schwer vorerkrankt seien. Diese könnten umgehend telefonisch oder via Brief benachrichtigt werden. Dieses Vorgehen hätte einen weiteren Vorteil: „Was ist, wenn es den digitalen Impfausweis geben soll?“, fragt Spitzer. Derzeit werden die Daten des Impfportals direkt nach der zweiten Impfung gelöscht. Für einen digitalen Nachweis müssten sich also alle Geimpften erneut melden. Ein zusätzlicher Aufwand, der bei einer Impfung durch den Hausarzt wegfällt.

Martina Ahr/Antonia Knapp

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