"Das Schlimmste war die Unsicherheit"

Vier Wildpoldsrieder Familien erzählen ihre Lockdown-Geschichte

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Lockdown-Projekt: Carolin und Mopie auf ihrem frisch renovierten Balkon.

Wildpoldsried – Rund zwei Monate dauerte der sogenannte Lockdown. Die Zeit zuhause schürte Ängste und Ungewissheit, eröffnete aber auch neue Perspektiven. Vier Wildpoldsrieder Familien berichten, wie der Lockdown ihr Leben verändert hat.

Schon Anfang März 2020 trägt Carolin beim Einkaufen einen Mund-Nasen-Schutz, – damals noch keine Pflicht –, zieht sie erstaunte Blicke auf sich. Doch die Vorsichtsmaßnahme ist nicht übertrieben: Ihr Mann Mopie ist bei der Berufsfeuerwehr, könnte sich jederzeit mit dem Coronavirus anstecken. „Wir haben schon relativ früh Maßnahmen und Verhaltensregeln bekommen“, erinnert sich der 40-Jährige, „bei jedem Notruf wurden die coronaspezifischen Symptome abgefragt und Mundschutz getragen.“

Als der Lockdown kommt, wird die Wachmannschaft in zwei Gruppen eingeteilt. Mopie hat abwechselnd zwei Tage Dienst, dann 14 Tage Pause mit zweimal 24 Stunden Bereitschaft. Die zweiwöchige Unterbrechung fungiert dabei als eine Art präventive Quarantäne. „Die ersten Wochen waren für uns als Familie wunderschön“, erinnert sich der Familienvater, die 15 Monate alte Tochter Rosalie habe die gemeinsame Zeit genossen, die dienstfreie Zeit habe er genutzt, um endlich Projekte am Haus anzugehen: Balkon, Außenfenster und Garten erstrahlen nun in neuem Glanz. „Aber der Rest der Familie und unsere Freunde haben gefehlt“, seufzt seine Frau.

Die Familie hält sich strikt an Regeln

Erst nach der Lockerung des Kontaktverbots und dem ersten Wiedersehen der Tochter mit ihrer gleichaltrigen Freundin wird klar, wie sehr auch die Einjährige unter der Isolation gelitten hat. Das Mädchen sei vor Freude ganz aus dem Häuschen gewesen. Trotzdem hält das Paar die im März und April getroffenen Maßnahmen für absolut richtig. Weil Mopie Staatsbeamter ist, habe man diese auch sehr streng eingehalten. Großeltern und Enkelkind sehen sich wochenlang nur von fern.

Die Isolation von Freunden und Familie sei das Schlimmste gewesen am Lockdown. „Erst war es ganz schön ohne Termine“, erinnert sich Carolin, „dann aber fiel uns die Decke auf den Kopf“. Und die Einjährige habe sich auch irgendwann gelangweilt, „ohne Garten hätten wir die Krise gekriegt!“

Die gebürtige Wildpoldsriederin und Veranstalterin des „Tussi-Trödel“-Flohmarkts ist von Beruf Sängerin: „Ab April wollte ich endlich wieder durchstarten, doch im März musste ich alles abblasen.“ Von den 57 geplanten Auftritten habe sie elf bereits im Fasching gehabt, 25 habe sie absagen müssen „und für die verbleibenden Termine sehe ich schwarz.“ Dennoch ist das Ehepaar auch heute noch überzeugt davon, dass die Einschränkungen nötig sind. Schließlich wisse man über den Erreger noch so gut wie nichts und vor allem die Langzeitschäden seien unbekannt.

„Ich habe weiterhin Respekt vor dem Virus“, so Mopie, der seit Juli wieder Rettungsdienste im Normalbetrieb fährt. „Die Maskenpflicht ist gut“, stimmt auch seine Frau zu. Der gebürtige Füssener und die 32-Jährige sind sich zudem bewusst, dass es ihnen trotz Coronakrise gut ergeht: „Unsere Familien sind gesund geblieben, wir haben das Haus fertig renoviert, trotz Wegfall der Gesangseinnahmen möchten wir uns wirklich nicht beschweren!“

Plötzlich ist der Job weg

Ganz anders erging es Birgit. Sie verliert zu Beginn des Lockdowns ihren Job. Die gelernte Bankkauffrau lebt seit 25 Jahren in Wildpoldsried, arbeitet seit rund zwölf Jahren in einem Fahrradgeschäft. Doch Mitte April bekommt sie einen Anruf, alle Mini-Jobber seien ab sofort freigestellt. Die 55-Jährige ist perplex: „Im ersten Moment war ich einfach baff.“ Schnell wird ein Aufhebungsvertrag unterzeichnet und das Dienstzeugnis ausgehändigt. Es ist offiziell. Der anfängliche Schock wandelt sich in Wut: „Die ersten Wochen waren richtig deprimierend“. Zudem habe sie befürchtet, dass auch ihr Mann seinen Job verlieren könnte, „diese Zeit war einfach schlimm“.

Auch mit den Corona-Beschränkungen tut Birgit sich schwer: „Ich wollte es nicht wahrhaben, wollte Skifahren gehen und habe gedacht, so schlimm kann es doch nicht sein.“

Jeden Tag für fünf Erwachsene kochen

Bald sieht sie sich mit einer neuen Herausforderung konfrontiert: Jeden Tag eine Mahlzeit für fünf ausgewachsene Personen zaubern. „Ich war nur noch am Einkaufen und Kochen“. Denn auch die drei Kinder sind zuhause: Während ein Sohn als Lehrling durch die „Schichtarbeit“ nun mehr Freizeit hat, stecken die zwei anderen in der Abschlussphase ihrer Schulausbildung. Die Jüngste ist 16 und lernt für die Mittlere Reife, der Sohn macht das Abitur an der BOS. Vater Bernhard ist Vollzeit im Home-Office. „Das hat unsere Internetleistung gar nicht hergegeben“, erinnert sich der Account-Manager, „dass wir alle gleichzeitig unsere Aufgaben machen.“

Für den 54-Jährigen, der normalerweise im Außendienst tätig ist, sind die Reisebeschränkungen das Schlimmste: „Ich bin nicht der reine Bürotyp und brauche meinen Kundenkontakt.“ Als der gebürtige Wildpoldsrieder mit Sondergenehmigung eine Geschäftsreise machen darf, ist die Freude groß. „Der hat sich gefreut wie ein Schnitzel“, lacht seine Frau.

"Für die Umwelt war der Lockdown gut"

Denn so viel daheim sei ihr Mann noch nie gewesen. „Ich glaube, es hat vielen Männern gutgetan, mehr Zeit mit ihren Kindern zu verbringen“, so Birgit, „und auch für die Umwelt war der Lockdown gut.“ Sogar den verlorenen Job sieht sie mittlerweile als Chance. Bei der IHK steht bald ein Fortbildungskurs an. In den Fahrradladen möchte sie nicht mehr zurück, obwohl sofort nach Wiedereröffnung signalisiert wurde, dass sie zurückkommen könne.

Zurückkommen – dieses Wort hat seit dem Lockdown für Sabrina und Norbert eine ganz andere Bedeutung. Die beiden fliegen am 12. März 2020 mit Baby Ella nach Namibia. Geplant sind sechs Wochen. „Zwar war der Flughafen in Frankfurt schon gespenstisch leer, wir sind aber ganz sorgenfrei gestartet, unser Flieger war voll“, berichtet die 35-Jährige.

Nur mit langen Hosen gibt es Visa

Am Freitag landet die Familie in der Hauptstadt Windhoek, dann geht es weiter zur Farm von Norberts Familie, denn der 35-Jährige ist Deutschnamibier. Doch schon am Montag sind die Grenzen dicht. Auch in Namibia werden Lockdown-Maßnahmen erlassen, ausschließlich Lebensmittelgeschäfte bleiben geöffnet, Autofahren ist nur alleine erlaubt, es herrscht ein Alkoholverbot. „Wir waren dann vier Wochen auf der Familienfarm meines Mannes“, erinnert sich Sabrina, „drei Wochen auf der Farm von Freunden.“ Danach ist Reisen innerhalb des Landes wieder erlaubt und die Familie verbringt eine Woche in einem Nationalpark. Es wird klar: Der Rückflug am 29. April wird nicht stattfinden. Nun müssen Mutter und Tochter eine Visumsverlängerung beantragen. „Wir waren extra pünktlich vor Ort“, so Sabrina, „und dann wurden wir an der Tür abgewiesen, weil wir kurze Hosen anhatten.“ Zufällig hat das Geschäft gegenüber geöffnet und Hosen im Sortiment. Mit diesen bekommen die Deutschen die Visa anschließend ohne Probleme. Danach beginnt die Jagd nach Rückflügen und nach warmer Kleidung, denn was der Koffer hergibt, ist auf Sommer ausgelegt. „Meine Tochter wuchs auch langsam aus ihren Sachen heraus.“ Familie und Freunde vor Ort helfen aus.

Im Internet feilgebotene Flüge sind Fake

Mittlerweile hat auch Norbert seinen Chef informiert, dass er „so schnell nicht mehr kommt.“ Immer wieder gibt es Gerüchte über Flüge, die aber nie stattfinden. Online kann man zwar buchen, die Angebote erweisen sich jedoch schnell als Fake. „Wir hangelten uns von Datum zu Datum, das war immer ein kurzer Moment der Enttäuschung, wenn es nicht klappte“, resümiert Sabrina. Dann endlich gibt es einen Flug nach Deutschland, doch Namibia lässt nur Ausländer ausreisen, Norbert gilt jedoch als Einheimischer. Für die Sondergenehmigung und „anderen Papierkram“ haben die beiden nur ein paar Tage Zeit. Aber es gelingt.

Eine Rückerstattung des Tickets vom April ist bisher nicht erfolgt. Für den Rückflug im Juni zahlen die beiden 1400 Euro pro Person. „Der Preis wurde mit den Hygieneregeln begründet und damit, dass nur jeder zweite Sitz besetzt werden kann, doch tatsächlich war der Flieger bis auf drei Plätze ausgebucht“, beschreibt die Wildpoldsriederin. Fieber gemessen wird vor dem Einsteigen auf dem windigen Flugfeld, bei Sabrina zeigt das Thermometer 24 Grad an. Daheim erwartet die Familie noch eine 14-tägige Quarantäne: „Unser normales Leben startete also praktisch erst am 16. Juni.“

Viel Fernsehen, PC, Handy, Konsole

Statt Urlaub gibt es bei Christiane zu Ostern nur lange Gesichter. Denn der 15-Jährige Sohn leidet sehr unter dem Lockdown. „Ich habe mir gar keinen Kopf gemacht, als der Elternbrief kam und die Schulen geschlossen wurden“, so die zweifache Mutter, „das wird sich bis Ostern erledigt haben, dachte ich.“ Doch dann werden die Maßnahmen immer wieder verlängert. „Das Schlimmste war die Unsicherheit und keine Perspektive zu haben.“ Während der ältere Sohn Lukas eine Ausbildung macht und sie berufstätig ist, ist Manuel viel allein zuhause, vertreibt sich mit Handy, Fernseher und Computerspielen die Zeit. „Mir war total langweilig“, so der Gymnasiast, „ich wusste nicht, was ich tun soll.“

Ein Anti-CoronaDepressions-Trampolin

Während ein paar Nachbarskinder die Kontaktverbote nicht so genau nehmen, ist Christiane streng mit den Regeln. Sohn Manuel tut sich schwer: „Am meisten habe ich meine Freunde vermisst.“ Der Teenager sei immer lustloser geworden, habe sich ins Zimmer zurückgezogen, erzählt die 43-Jährige, „ihm gings richtig elend.“ Die besorgte Mutter sieht sich gezwungen zu handeln. Sie kauft ein Trampolin für den Garten, und zwar „ein richtig großes und teures.“ Das „Anti-Corona-Depressions-Trampolin“ hilft wirklich, die Stimmung des Neuntklässlers hellt sich wieder auf. Unterdessen versucht Christiane die aktuellsten Bestimmungen in Erfahrung zu bringen. Die Yogalehrerin telefoniert insgesamt dreimal mit dem Gesundheitsministerium: „Im Internet kannte sich ja kein Mensch mehr aus.“ Das Ziel ist, endlich wieder ihre Yogaschule, die sie neben ihrem Teilzeitjob betreibt, zu öffnen.

Gleichzeitig muss sie ihren Sohn immer wieder zum „Home-Schooling“ motivieren. „Ich bin nicht in der Lage, einem Gymnasiasten beim Stoff der neunten Klasse viel zu helfen“, sagt die Alleinerziehende. Sohn Manuel, der bereits in manchen Fächern strauchelt, kommt mit dem selbstständigen Lernen nicht zurecht. Der Lockdown macht seine Lücken nur noch größer. Schule interessiert ihn nicht. Christiane ist sich sicher: „Das Wichtigste ist, dass die Schüler ab September wieder ordentlich in die Schule gehen."

Lena Fuhrmann

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