Wohnraum für (Neu-)Kemptener

Für wen wird gebaut – was wird gebaut?

Ein Homeoffice: Schreibtischstuhl und Schreibtisch mit Bildschirm, Laptop, Tastaturen, Computermaus und Stiftebecher vor einer Balkontür.
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Homeoffice hat es bewirkt: Die Kemptener Baugenossenschaften haben Arbeitszimmer und Arbeitsplätze im Fokus.

Kempten – Dass Kempten größer wird, war in den vergangenen Jahren leicht an den steigenden Bevölkerungszahlen abzulesen. Wird es so weitergehen, bis die Marke von 100.000 Einwohnern erreicht wird? Das steht nicht fest.

Die Frage, wie sich die Stadt entwickeln soll – ob sie schrumpft, stabil bleibt oder wächst, müsse politisch diskutiert und definiert werden, sagt Dr. Richard Schießl, Leiter des Referats Wirtschaft, Kultur und Verwaltung. Die strategische Ausrichtung der Entwicklung der Stadt werde daher Thema bei der anstehenden Neuaufstellung des Flächennutzungsplans sein. Dabei sollen auch statistische Daten und Prognosen zur Bevölkerungsentwicklung und die Ergebnisse der Bürgerbefragung 2020 (online hier zu finden) Berücksichtigung finden.

Der Bedarf an Wohnungen und Gewerbebauflächen müsse für die nächsten 10 bis 15 Jahre vor dem Hintergrund der Entwicklungsziele prognostiziert werden, so Schießl weiter. Sicherlich werde im Bereich „Wohnen“ ein Fokus auf bezahlbarem Wohnraum für die Bevölkerung in verschiedenen Lebensphasen liegen; dabei seien die jeweiligen Stellschrauben immer wieder auf ihre Wirksamkeit hin zu überprüfen. Beim Wohnungsbau zwischen „Eingesessenen“ und „Neu-Kemptener“ zu differenzieren, sei dabei weder zielführend noch umsetzbar. Die Stadt Kempten müsse ihr Hauptaugenmerk darauf setzen, die Anforderungen der Zeit für ein zukunftsfähiges Kempten vorausschauend und verantwortungsbewusst zu steuern. Das käme einem Balanceakt gleich. „Da spielen viele Faktoren und Entwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft eine Rolle, die weit über Neubürger und Einheimische oder bestimmte Altersklassen hinausgehen“, erklärt Schießl. Das bedeutet: „Mehrgenerationenwohnmodelle, bezahlbarer Wohnraum für Studierende, Belange der Inklusion auch im Wohnbereich sind nur einige Faktoren, die in strategische Planungen mit einbezogen werden müssen“, so Schießl. Gerade hier würden auch die Strategischen Ziele 2030 ansetzen, die derzeit reflektiert und in Teilen neu formuliert und angepasst werden. Dieser Prozess sei eine dauerhafte Aufgabe der Kommune.

Die Kemptener Wohnbaugesellschaften Sozialbau Kempten, BSG Allgäu und Baugenossenschaft Kempten können dann auf dieser Grundlage daran arbeiten, bezahlbaren und bedarfsgerechten Wohnraum zu schaffen und anzubieten.

Und wo liegen derzeit die Bedarfe? Zweizimmerwohnungen sind laut Herbert Singer, Geschäftsführer der Sozialbau Kempten, am stärksten nachgefragt, aber auch barrierefreie Wohnungen hätten ihren Markt. Dabei solle aber nicht nur auf den Neubau gesetzt, sondern auch das Umrüsten von Bestandsimmobilien als Möglichkeit in Erwägung gezogen werden. So könne manchem Kemptener im Alter oder nach einem schweren Unfall ein Umzug erspart werden. Sollten sich die Arbeitsverhältnisse nach der Corona-Pandemie weiterhin verändern und Homeoffice künftig eine größere Rolle spielen, könnte dies sich auch auf den Wohnbedarf auswirken. „Das Thema Homeoffice wird bleiben“, vermutet Singer. Viele hätten das positiv erlebt. Wer keine perfekten räumlichen Bedingungen habe, könne dies anders empfinden. Zusätzliche Arbeitszimmer könne man eben „nicht schnell herbeizaubern“. Für ihn gilt aber: „Was aus der Coronazeit bleibt, wird erst danach analysiert.“ Insgesamt sieht er, dass im Allgäu und Kempten eine hervorragende Grundstruktur für die Bevölkerung bestehe, die eine angenehme Mischung aus städtischer und ländlicher Prägung bereitstelle.

Alexandra Vogt vom Vorstand der Baugenossenschaft Kempten hat bei dem aktuellen Neubauprojekt an der Memminger Straße mit 29 Wohneinheiten erlebt, dass der Trend ganz klar in Richtung Arbeitszimmer geht. Vorwiegend zögen junge Familien mit ein oder zwei Kindern ein. Vogt sei erstaunt gewesen, welch großen Stellenwert der Arbeitsbereich im Wohnraum inzwischen habe. Es seien sogar Familien eingezogen, die ihren Arbeitsplatz in einem anderen Bundesland, zum Beispiel auch in Norddeutschland, haben und vollständig zuhause, „remote“, arbeiten, um nur alle paar Wochen zum Arbeitgeber zu fahren. „Die Familien wollten bewusst wegen des Freizeitwerts ins Allgäu ziehen“, sagt Vogt. Sie glaubt, dass der Trend bleiben könnte. Im Übrigen seien die barrierefreien Wohnungen im Besonderen, das betreffe neun der 29 Wohneinheiten, nicht besonders stark nachgefragt gewesen.

„Die BSG Allgäu achtet bei der Gestaltung von neuen Wohnquartieren auf eine gesellschaftliche Durchmischung der BewohnerInnen“, sagt Tanja Thalmeier vom Vorstand der BSG Allgäu. Die BSG Allgäu kombiniere in ihrem Angebot öffentlich geförderte sowie freifinanzierte Mietwohnungen, Eigentumsmaßnahmen und Reiheneigenheimen. Außerdem baue die Genossenschaft auch Seniorenwohnanlagen mit einem Angebot an speziellen, ergänzenden Betreuungsleistungen. So könne ein breites Spektrum der Bevölkerung mit unterschiedlichen Bedürfnissen und Möglichkeiten erreicht werden. Weil sich der Bedarf und die Ansprüche der Bürger aber im Laufe des Lebens verändern, helfe eine flexible Gestaltung von Grundrissen dabei, die Wohnfläche langfristig nutzen zu können und der Langlebigkeit der Gebäude Rechnung zu tragen. Das dürfte wiederum auch aus ökologischen Gründen wichtig sein.

Martina Ahr

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