Reisen, Schach und Filmemachen

Der Kemptener Abiturient Nicolas Lagassé vereint seine Hobbys in Fernost

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Nicolas Lagassé zur Kirschblüte in Japan.

Kempten – Nur noch ein paar Wochen, dann können Hunderte junger Frauen und Männer in Kempten und dem Oberallgäu ihre Abiturzeugnisse in Empfang nehmen. Denjenigen, die jetzt noch nicht wissen, was sie danach machen sollen (Lehre? Studium? Auslandsjahr?), möchten wir, sozusagen zur Inspiration, die Geschichte von Nicolas Lagassé erzählen. Der 19-jährige Kemptener hat nach dem Abi eine ziemlich ungewöhnliche Idee in die Tat umgesetzt, bei der er seinen Hobbys – Reisen, Schach, Filmemachen – frönen kann und dabei sogar noch Geld verdient.

Nicolas Lagassé zog mit gerade einmal 18 Jahren, direkt nach dem Abitur, für ein Jahr nach Japan. Gleich im Anschluss daran siedelte er nach China um, wo er bis vor Kurzem für ein halbes Jahr als Schachlehrer arbeitete. Doch der Reihe nach: Seine Sprachbegeisterung (Nicolas ist als Deutsch-Kanadier ohnehin zweisprachig aufgewachsen) führte ihn mit 14 Jahren in einen Japanisch-Kurs an der Volkshochschule Kempten.

"Schachspieler sind doch Nerds"

Zu seinen Hobbys zählte zu jenem Zeitpunkt bereits das Schachspiel. „Mit elf Jahren bin ich in den Schachclub Kempten eingetreten und im Schulschach am Allgäu Gymnasium habe ich selbst anderen Schülern Schachunterricht gegeben.“ Wie gut er in dem königlichen Spiel ist, belegt folgende Bilanz: fünf Mal Allgäuer Schachmeister, zwei Mal schwäbischer Jugendschachmeister, Mannschaftsmeister bei der Bayerischen Meisterschaft.

Über das Vorurteil, Schach sei nur etwas für Stubenhocker und Nerds, kann er nur schmunzeln. „Ich entspreche da nicht dem Klischee. In Mathe war ich zum Beispiel alles andere als ein Ass. Aber ich finde, Schach ist eine hervorragende Nische. Hier gibt es viel weniger Konkurrenz als beispielsweise beim Fußball“, meint er augenzwinkernd. „Es ist ein sehr guter Weg, um die eigene Konzentrationsfähigkeit zu schulen, macht sich gut in Bewerbungen und ich habe schnell bemerkt, dass es eine gute Möglichkeit ist, in der Welt herumzukommen.“ Echt jetzt? In der Tat.

Mit zwölf Jahren ging es für Lagassé zum internationalen Schachturnier an der Deutschen Schule in Istanbul – der erste von insgesamt fünf Besuchen. 2014 fuhr er mit neun anderen Jugendlichen im Rahmen des deutsch-chinesischen Schachkulturaustauschs für acht Tage in die chinesische Millionenstadt Bengbu, zum dortigen Schachclub. Im selben Jahr nahmen er und seine Schwester an einem deutsch-japanischen Sportjugendsimultanaustausch teil. Zunächst waren zwei junge Japaner für drei Wochen bei seiner Familie in Kempten zu Gast, 2015 folgte der Gegenbesuch in Japan. „Es gefiel mir so gut dort, dass ich beschloss, für längere Zeit dorthin zu gehen.“

Kässpatzen für die japanischen Kollegen

Geklappt hat dies kurz nach dem Abitur über den Sozialen Friedensdienst Kassel. Die Entsendeorganisation vermittelt Freiwillige rund um die Welt. Nachdem er sich gegen fast 50 Mitbewerber durchgesetzt hatte („Ich hatte den großen Vorteil, dass ich bereits japanisch spreche und schon unterrichtet hatte“), landete Nicolas, gemeinsam mit fünf weiteren jungen Freiwilligen im japanischen Kobe, einer „zwischen Meer und Berge eingequetschten“ 1,5- Millionen-Einwohner-Stadt in der Nähe von Osaka. „Ich arbeitete für 400 Euro im Monat an einer sehr elitären, weltoffenen deutsch-internationalen Schule, die auf einer künstlich aufgeschütteten Insel im Meer steht.“ Dort betreute er Kindergartenkinder und war bei älteren Schülern als Assistenzlehrer eingesetzt. Nebenbei bot er Kurse für Schach und Filmemachen (sein zweites großes Hobby, zu sehen unter anderem auf seinem YouTube-Kanal) an, besichtigte Sehenswürdigkeiten, besuchte verrückte Events wie das „Sand Fight Festival“, schabte für das Oktoberfest an seiner Schule stundenlang Kässpatzen mit seinem mitgebrachten Spätzlehobel und lauschte bei Würstchen und Bier den deutschen Weihnachtsliedern auf dem Deutschen Weihnachtsmarkt in Osaka. „Ich wohnte in einer Selbstversorger-WG mit zwei deutschen Mädchen und hatte einfach nur Freude an der Unabhängigkeit. Und ich mag die japanische Kultur“, sagt er. „Die Japaner sind sehr freundlich, rücksichts- und respektvoll. Ich habe absolute Pünktlichkeit gelernt, denn die wird hier extrem hochgehalten. Es ist beeindruckend, wie die Menschen den technischen Fortschritt zu ihrer Lebensverbesserung zu nutzen wissen und zugleich sehr stark in ihren traditionellen Sichtweisen verhaftet sind.“ Auch seine derzeitige Freundin, eine Japanerin, hat er dabei kennengelernt. Was er am meisten vermisst hat in dem Jahr? Die Antwort kommt postwendend: „Dunkles Brot mit Käse!“

Japan – Kempten – China

Das gab es dann nach dem Ende des Japan-Aufenthaltes bei seiner Stippvisite in der Allgäuer Heimat. Die dauerte allerdings nur wenige Tage. „Drei Wochen später war ich schon in China.“ Dort lebte er tatsächlich vom Schachspielen. „Neben 20 festangestellten chinesischen Vollzeitschachlehrern gab ich im Jihong Chess Club Bengbu Kindern zwischen sieben und 14 Jahren in den Nachmittags- und Abendstunden Schachunterricht.“ Seinen Chef, den Besitzer des 700 Mitglieder zählenden Vereins, hatte er über den deutsch-chinesischen Schachjugendaustausch kennengelernt, was wieder einmal zeigt, dass Connections oft die halbe Miete sind. Anders als in Japan lebte der junge Kemptener dort allein in einem Appartement, im 8. Stock eines Bankhochhauses im Zentrum von Bengbu. „Freie Tage gab es nicht“, sagt er. „Schach ist dort Unterrichtsfach und eine anerkannte Sportart. In der Stadt spielen circa 10.000 Schüler Schach. Die Eltern schätzen das Spiel. Aber nicht etwa, weil es Spaß macht, sondern weil sie dadurch auf eine größere Leistungsfähigkeit – das A und O in der Gesellschaft – ihrer Kinder hoffen. Ich versuchte, diese strikte Leistungsbezogenheit mit kreativem Unterricht um etwas Leichtigkeit und Freude zu ergänzen.“

Ein Kuriosum unter Chinesen

Anders als in Japan sei für ihn der Kulturschock in China groß gewesen, gibt Nicolas zu. „Die Armut ist im ländlichen Raum sehr präsent.“ Die meisten Gebäude in der Stadt seien „sehr schäbig, die Geschäfte heruntergekommen“, oft herrsche so starker Smog, dass man kaum etwas sehen könne und herumzureisen bedürfe leider eines extrem hohen Organisationsaufwandes.

„In Bengbu gibt es so gut wie keine Ausländer, da war ich ein echtes Kuriosum. Die Leute wollten oft ein Foto mit mir. Das war ungefähr zwei Wochen lang lustig, dann nicht mehr“, erinnert er sich. Trotzdem habe er immer versucht, nett zu sein und freundlich zu wirken, „denn ich wollte ein gutes Image als Ausländer hinterlassen“. Da kaum jemand Englisch sprechen konnte und sein Mandarin-Chinesisch „nicht gut genug“ war, um tiefergehende Gespräche zu führen und da obendrein Google, Facebook und What‘s App offiziell gesperrt sind, „war ich da sehr alleine und teilweise war es echt langweilig“, gibt er zu. Deshalb habe er sich viel mit Fotografie und dem Filmen beschäftigt. „Während meiner Zeit im Ausland habe ich gelernt, dass ich auf jeden Fall nur etwas arbeiten will, was mir Spaß macht“, resümiert Nicolas Lagassé heute. Und vom Schach hat er zwar nicht die Nase voll, aber „ein Turnier alle zwei Wochenenden reicht mir in Zukunft völlig“.

Sabine Stodal

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