Mit großem Pomp eröffnet

Der "neue" Kemptener Bahnhof wird 50 Jahre alt

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Der alte Kopfbahnhof am heutigen August-Fischer-Platz.
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Sonderpostkarte, die 1969 zur Eröffnung des neuen und heutigen Bahnhofs heausgegeben wurde.
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Umbauarbeiten bei der südlichen Illerbrücke.
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Waggonachse mit Anschriebtafel.
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Erste Eisenbahnbrücke über die Iller mit Zug.
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Kempten – Ende September 2019 kann der Kemptener Hauptbahnhof seinen 50. Geburtstag feiern, denn am Donnerstag, dem 25. September 1969, erfolgte die offizielle Eröffnung des neuen Durchgangsbahnhofs.

Die eigentliche Inbetriebnahme folgte dann am Sonntag, dem 28. September 1969. Zu diesem Jubiläum möchte die Deutsche Bahn AG keine eigenen Feierlichkeiten begehen , sondern will sich stattdessen nur am Fest der Bahnhofsmission beteiligen.

Am Eröffnungstag des jetzigen Durchgangsbahnhofes rollte um 9.50 Uhr der fahrplanmäßige Zug von München-Augsburg im alten Kopfbahnhof in Kempten ein. Hier wurde der Zug, der allerdings mit dreiminütiger Verspätung ankam, von den Honoratioren der Stadt, von Hostessen und unter musikalischer Begleitung durch die Stadtkapelle begrüßt. Der festliche Empfang galt dem am Schluss des Zuges angehängten Salonwagen, in dem der damalige Präsident der Deutschen Bundesbahn Heinz-Maria Oeftering saß, um an der feierlichen Eröffnung des neuen Durchgangsbahnhofes in Kempten teilzunehmen. Nach der offiziellen Begrüßung durch Bürgermeister Albert Wehr, in Vertretung des erkrankten OB August Fischer, stiegen die vielen Ehrengäste in einen Sonderzug, der sie in einer kurzen Fahrt vom alten Kopfbahnhof am Platz des heutigen Forums zum neuen Durchgangsbahnhof am sogenannten Grüntenbuckel brachte, wo sie um 10.40 Uhr bei herrlichem Wetter ankamen. Hier fand in der Eingangshalle des neuen Empfangsgebäudes um 11 Uhr eine Feierstunde zur Eröffnung des neuen Durchgangsbahnhofes statt. Nach den offiziellen Reden nahmen die Gäste in der neuen Expressguthalle eine herzhafte Brotzeit ein, die vom Lokomotivführer Fritz Finke mit seinen „Lustigen Allgäuern“ musikalisch untermalt wurde. 

Während die Gäste am Nachmittag mit einem Sonderzug Kempten wieder verließen, begannen ab 14.15 Uhr dann die „Tage der offenen Tür“ mit einem vielfältigen Rahmenprogramm, bei denen die Bevölkerung bis einschließlich Samstag den 27. September 1969 den neuen Bahnhof und seine Einrichtungen besichtigen durfte. Die offizielle Inbetriebnahme des neuen Bahnhofs erfolgte dann am Sonntag, dem 28. September 1969, als um 5.28 Uhr der erste fahrplanmäßige Reisezug den neuen Durchgangsbahnhof verließ. Bis es aber soweit war, haben viereinhalb Jahre Planer und Ingenieure der Bundesbahn daran gearbeitet, um den neuen Bahnhof mit seiner gesamten Infrastruktur zu realisieren. 1961 wurde nach ausführlichen Wirtschaftlichkeitsuntersuchungen eine grundlegende Änderung des Kemptener Bahnhofskonzept beschlossen und vom Kemptener Stadtrat am 13. Juli abgesegnet. Als bestmöglicher Standort für den neuen Bahnhof erwies sich das Gelände des ca. drei Kilometer langen Rangierbahnhofs, der sich ca. 1,2 Kilometer südlich des Kopfbahnhofes, zwischen der Eicher Straße und Hegge, am sogenannten Grüntenbuckel befand. 

Ab 1906 ließ die Eisenbahndirektion diesen Rangierbahnhof errichten, um den Kemptener Kopfbahnhof vom Durchgangsverkehr, besonders aber von Güterzügen zu entlasten. Er ging am 1. Juli 1907 in Betrieb und hatte eine Leistungsfähigkeit von 1200 Güterwagen pro Tag. Hier verkehrten Güterzüge aus Bayern und den nordöstlich gelegenen Nachbarländern in Richtung Bodensee, Schweiz und Südwesteuropa. Das Areal des Rangierbahnhofes bot den Vorteil, dass die südliche Illerbrücke der Umgehungsbahn weiter genutzt werden konnte. Nach Abschluss der Planungen begannen im Jahr 1965 die großangelegten Bauarbeiten, bei denen an die 150.000 Kubikmeter Erde bewegt, 5000 Kubikmeter Betonarbeiten erfolgten und über 3000 Meter Entwässerungsrohre verlegt wurden. Im Dezember 1967 konnte dann die Bahn ihr Richtfest feiern. Allein die Bahnsteige sind 2,3 Kilometer lang und über 30 Kilometer Gleise mit über 170 Weichen kamen noch dazu. 

Aber auch die 1904 bis 1906 erbaute zweigleisige südliche Illerbrücke musste umgebaut und auf den neuesten technischen Stand umgerüstet werden. Vom Eingangsbereich des vierstöckigen Empfangsgebäudes können die Fahrgäste vom Westen und Osten des Bahnhofs Unterführung zu den Bahnsteigen gelangen. Der große westliche Bahnhofsvorplatz mit seinen vielen Parkplätzen, Bushaltestellen und dem Taxistand bietet einen kreuzungsfreien Autoanschluss an den Mittleren Ring. Autofahrer finden aber auch auf der Ostseite des Bahnhofgeländes genügend gebührenpflichtige Parkplätze. Das östlich des Personenbahnhofs gelegene Bet r i e b s w e r k wurde nach der Umstellung von Dampf- auf Dieselantrieb in seinem Umfang erheblich reduziert. Die beiden Ringlokschuppen mit zusammen 45 Ständen wurden abgerissen. Erhalten blieb eine 1938 erbaute Halle, die bislang der Unterbringung von Triebwagen gedient hatte; ebenso eine Ausbesserungshalle für Reise- und Güterzugwagen. Ende der 1960er Jahre war das Bahnbetriebswerk Einsatzstelle für 95 Dieseltriebfahrzeuge, darunter 20 Schienenbusse und 20 Kleinlokomotiven. 

1950 waren in Kempten 55 Dampflokomotiven beheimatet gewesen. Durch die Umstellung der Antriebstechnik von Dampf- auf Dieseltechnik, sank die Zahl der im Betriebswerk Beschäftigten von 269 auf 170 Personen. Nach der Inbetriebnahme des neuen Personenbahnhofs am 28. September 1969 entstand östlich des Betriebswerks eine neue Güteranlage, bestehend aus zwei Freiladegleisen und einer Güterhalle, in der pro Tag 110 Tonnen Stückgut umgeschlagen werden konnten. Insgesamt kostete die 1972 beendete Umgestaltung des Bahnhofs 39,7 Millionen Deutsche Mark (DM). Hiervon übernahm die Stadt Kempten 4,1 Millionen DM; das Land Bayern beteiligte sich an der Finanzierung durch einen zinsgünstigen Kredit an die DB über 21 Millionen DM. Beim Verkauf der durch die Stilllegung des Kopfbahnhofs freiwerdenden Fläche von 10,5 Hektar erzielte die DB einen Erlös von 7,4 Millionen DM. Der alte Kopfund Rangierbahnhof am Platz des heutigen Forums, mit seinen 120 Meter Breite, der nach OB Fischer wie ein Pfahl ins Fleisch der Stadt ragte, wurde 1971 abgerissen. 

Danach befand sich auf dem Gelände ein großer, nicht befestigter Parkplatz und später Barackenbauten, in denen die damalige FOS untergebracht war. Seit 2003 steht auf dem Platz des ehemaligen Bahnhofsgeländes das Forum Allgäu, daneben die Veranstaltungshalle mit dem fürs Allgäu so sinnigen Namen „Big Box Allgäu“. In südlicher Richtung entlang der Kotterner Straße schließen sich an die Berufsschulen I bis III, die Wirtschaftsschule, die Fach- und Berufsoberschule sowie die Schulungsgebäude der Handwerkskammer. An die Ära dieses alten Bahnhofs erinnern vor dem Forum eine leider zerstörte Ansichtstafel und vor der Berufsschule I eine alte Waggonachse und eine Gedenktafel, die nur noch ältere Leser aus eigener Anschauung kennen. Vielen Lesern aber dürfte unbekannt sein, dass es bereits vor Eröffnung des heutigen Durchgangsbahnhofes eine über 110-jährige interessante Bahnhofsgeschichte in Kempten gibt, auf die wir kurz zurückblicken. 

Die Anfänge des Kemptener Bahnhofs 

Über die Eröffnung des ersten Bahnhofs in Kempten berichtete die „Kemptner Zeitung vom 3. April 1852“ recht ausführlich. Denn zwei Tage zuvor, am Donnerstag, dem 1. April 1852, erlebte die Kemptener Bevölkerung einen epochalen Wandel im Beförderungswesen, die bis dahin für den Personen- und Warentransport fast nur Pferderfahrzeuge kannte. Schon bei Tagesanbruch kündete eine Kapelle der Landwehr ein Ereignis an, „das für Kempten von den wohltätigsten Folgen sein wird. Es ist das Eröffnungsfest der Eisenbahn von Kaufbeuren nach Kempten“, das die Stadt Kempten, wie die Zeitung schreibt „in die Reihe jener Städte“ einreiht, „die durch eine große Eisenstraße verbunden sind“. 

Nach der Festmusik begann das Programm mit einem Akt der Wohltätigkeit, bei dem Gelder für die „Stadtarmen“ gesammelt wurden. Kurz vor Ankunft des Zuges verkündeten das „Aufhissen zweier Flaggen und Böllerschüsse das Nahen des Zuges, der um 12.14 Uhr von Augsburg kommend, nach einer Fahrzeit von ungefähr vier Stunden, über die kurz zuvor fertiggestellte Illerbrücke (heutige König Ludwig Brücke, siehe Bericht im Kreisboten vom 29.5.2019) in den neu erbauten Kemptener Kopfbahnhof einfuhr, den der „löbliche Magistrat“ mit entsprechenden Summen zuvor in ein festliches Gewand kleiden ließ. Der Name Kopfbahnhof, früher auch Sackbahnhof genannt, kommt daher, weil alle Gleise im Bahnhof enden und die Züge an der gleichen Seite herein als auch herausfahren müssen. Neben den königlichen Behörden begrüßten der Magistrat, die städtischen Corporationen, die Landwehr, die vereinigten Liederkranz-Gesellschaften neben „ungeheuren Menschenmassen“ das bisher völlig unbekannte technische Ungetüm, eine fauchende und rauchende Lokomotive mit angehängten Passagierwaggons. 

Dem Anlass angepasst, standen Heizer und Lokomotivführer mit Frack und Zylinder auf der offenen Lokomotive. Die Passagiere hatten große rote Schirme aufgespannt, weniger um sich vor Regen, sondern vor allem vor Ruß und Funkenflug zu schützen. Falls ein Schirm durch den Funkenflug in Brand geraten sollte, standen Wassereimer in den Waggons bereit, um sofort die Schirme löschen zu können. Auch wurde den Passagieren geraten, die Schirme vorsorglich ab und zu ins Wasser zu tauchen, damit sie durch einen eventuellen Funkenflug nicht so schnell in Brand geraten können. Die Heizer befeuerten ihre Lokomotiven - die damals noch aus England kamen - nicht mit Kohle, sondern mit Torf, das auch aus den Moorgebieten um Marktoberdorf stammte. Das notwendige Wasser für die Lokomotivenkessel, das die Heizer im Kemptener Bahnhof in die Kessel pumpten, kam aus der Iller. Als Platz für den ersten Kemptener Bahnhof entschied man sich für die Anhöhe auf der linken Illerhochfläche, um größere Niveauangleichung sowohl zur anderen Uferseite aus auch für den südlichen Verlauf zu vermeiden. 

Der Bahnhof, der als Kopfbahnhof, knapp 400 Meter vom ehemaligen Fischertor entfernt lag (an der Kotterner Straße, ganz in der Nähe der Tierzuchthalle) , diente sowohl dem Personen- als auch dem Güterverkehr und bestand, wie man auf dem idyllischen Bild von Karl Herrle aus dem Jahr 1854 sehen kann, aus einem viergeschossigem Betriebsgebäude mit einer Wartehalle einem überdachten Hausbahnsteig mit Einstiegshalle und einem Güterschuppen. Die Strecke von Augsburg nach Kempten, die Illerbrücke und der Kemptener Kopfbahnhof waren Teil der sogenannten Ludwig-Süd-Nord-Bahn, einer der ersten Fernbahnstrecken mit insgesamt 566 km, die im Jahre 1844 geplant worden ist. Die Fahrzeit von vier Stunden für die Strecke von Augsburg nach Kempten zeigt, dass der Zug eine Durchschnittsgeschwindigkeit von unter 30 km/h aufwies. Aber schon dieses Tempo schien damals vielen Menschen nicht geheuer, denn es gab viele kritische Stimmen dazu. Ärzte warnten vor Krankheiten, wie z.B. vor Lungenentzündung, die durch den Fahrtwind bei dieser ungeheuerlichen Geschwindigkeit entstehen konnten. Die Bürger wurden vor der Fahrt mit der Ludwigseisenbahn gewarnt, da man bei dem Tempo durch die vorbeirauschende Landschaft bewusstlos oder wahnsinnig werden könne. 

Vor allem hatte man Sorge, der giftige Qualm würde Mensch und Vieh vergiften. Ein Pfarrer aus Schwabach predigte vor der ersten Fahrt sogar: „Die Eisenbahn ist ein Teufelsding, sie kommt aus der Hölle, und jeder, der mit ihr fährt, kommt geradezu in die Hölle hinein“. Trotz der angeblich gesundheitlichen und religiösen Bedenken nahmen die Menschen das neue Verkehrsmittel schnell an. In der Folge wurde das Streckennetz weiter ausgebaut. Die Weiterführung der Strecke von Kempten bis Lindau erfolgte 1853. Damit war die 565 Kilometer lange „Ludwigs-Süd-Nord-Bahn“ vollendet. Da die Lokomotiven immer an der Spitze des Zuges fuhren, mussten vor Abfahrt der Züge aus dem Kemptener Kopfbahnhof neue Lokomotiven an den jeweils letzten Wagen ankuppeln. Wegen des notwendigen, aber zeitaufwändigen Lokomotivenwechsels, erhielt der Kemptener Bahnhof eine Lokwechselstelle mit zwei Remisen (Lokschuppen) und einer Schiebebühne und außenliegenden Drehscheiben. Auf dieser Drehbühne konnten die Lokomotiven dann entweder in die beiden Lokremisen oder auf das gewünschte Gleis gedreht werden. 

Die Werkstätte für das fahrende Gerät war über eine Schiebebühne erreichbar. Eine extra Wagenremise standen für Waggons zur Verfügung. Dieses erste Betriebswerk des Bahnhofs entstand südlich des Bahnhofs entlang der heutigen Wiesstraße. Die Inbetriebnahme der sogenannten Illertalbahn von Kempten nach Neu-Ulm am 1. Juni 1863 und die starke Zunahme des Verkehrs führten 1869 zu ersten Umbauten der Bahnsteig- und Gleisanlagen. 1873 fand die wichtige Verbindung über Buchloe nach München ihren Abschluss und 1874 folgte der Bau der Strecke von Kempten bis Mindelheim und Memmingen. 1873 kam es zum Weiterbau bis Immenstadt nach Sonthofen und ab 1888 gelang es der Münchner Lokalbahn AG, die Verbindung bis nach Oberstdorf zu bauen. Wegen des Streckenausbaus und der Zunahme des Bahnverkehrs musste 1876 der Kemptener Bahnhof durch einen dreigeschossigen Anbau erweitert werden. Bedingt durch den aufwändigen und zeitraubenden Lokwechsel musste die Bahn ab 1894 insgesamt 49 Wechsellokomotiven bereitstellen. Für dieses rollende Material, die erforderlichen Reparatureinrichtungen und Rangiermöglichkeiten benötigte die Bahn deutlich mehr Platz. 

Daher kam es zwischen 1885 und 1888 zu einem wesentlichen Bahnhofsumbau. Die Gleisanlagen wurden auf drei Bahnsteige und fünf Gleise erweitert und an die bestehenden Vorgängerbauten wurden dreigeschossige Seitenflügel am Empfangsgebäude angebaut. Es gab eine geräumige Eingangshalle, drei Wartesäle und ein Fürstenzimmer und den Silbersaal, der seinen Namen von den langen und silbernen Vorhängen erhielt. Schon damals verband ein Gepäckaufzug die Gepäckausgabe mit den Bahnsteigen und Gleisen. Die Eröffnung fand am 9. November 1888 statt. In dieser Phase siedelten sich im Umfeld des Bahnhofs Wohnungen für Bahnbedienstete, Hotels für die Reisenden und Gastronomiebetriebe an. Am Bahnhofsvorplatz entstanden Haltestellen für die Kutschen, später Taxistände und Parkplätze für Pkws, sowie ein Kiosk, an dem man sich mit Lesestoff und Reiseproviant versorgen konnte. Ebenfalls in der Nähe befand sich ein staatliches Postamt, denn Briefe und Pakete wurden mit der Bahn in die größeren Städte gebracht und von dort weiterverteilt. Die Fortsetzung der Kemptener Bahnhofsgeschichte(n) lesen Sie in der Ausgabe des Kreisbote am 16. Oktober 2019.

Dr. Willi Vachenauer

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