Ausstellung erinnert an die Kemptener Abriss-Orgien

Erschütternde Bilanz

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Der Text unter der Abbildung rechts oben lautet: Auf dem Luftbild von 1918 sind die seitdem zerstörten Bereiche und Gebäude rot markiert, hellrot sind die überbauten Flächen, auf denen kaum noch mit archäologischen Substanzen zu rechnen ist, und die tiefgreifend umgebauten Gebäude. Gelb markiert sind die 1944/45 von Bomben getroffenen Bereiche.

Kempten – An die 40 Plakate, zum Teil „mehrfachbelegt“, zierten jetzt die Wände im Erdgeschoss des Beginenhauses. Dennoch umfasste die Ausstellung „Verschwundenes Erbe – Abbrüche in Kempten zwischen 1800 und heute“ nur einen kleinen Teil der Kemptener „Abbruchgeschichte“.

Ursprünglich nur für den Tag des offenen Denkmals gedacht, war sie aufgrund des unerwartet hohen Interesses verlängert worden – bei unvermindertem Bürgerinteresse, das auch ein sehr kommunikatives war. So erzählten Besucher der älteren Generation jüngeren Besuchern von Bauten, die sie noch gekannt hatten oder Pläne und Gebäude wurden diskutiert. Für viele der abgerissenen historischen Gebäude gibt es allerdings längst keine Zeitzeugen mehr, denn die Abbruchfreude der Kemptener Stadtoberen hat augenscheinlich schon früh ihre Blüten getrieben. Und auch damals schon oftmals gegen den erklärten Bürgerwillen. Eine regelrechte Spur der Verwüstung zeigten zahlreiche Bilder und Pläne der Altstadt, wo in einer ersten Welle bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts unter anderem die ersten Stadttore fielen. Ihre Fortsetzung fand die Abbruchwelle im Rahmen der „Stadtsanierung“ ab 1958 unter dem damaligen Oberbürgermeister August Fischer. 

Die Betrachtung der auch neueren Beispiele führte so manchem Besucher vor Augen, dass es sich lediglich um die Fortführung einer wenig rühmlichen Abbruch-Tradition in Kempten handelt, die schon viele Spuren der jahrhundertealten gewachsenen Stadt unwiederbringlich vernichtet hat: unter anderem 1964 das Müßiggängelzunfthaus, von dem nur Dank eines aufmerksamen Bürgers wenigstens noch ein Teil gerettet werden konnte; 1965 die Filiale der Bayerischen Notenbank, ein imposanter Gründerzeitbau an der Ecke Bahnhof-/Kellerstraße, wo heute Sport Reischmann zu finden ist; ab 1969 der alte Bahnhof, an dessen Stelle seit 2003 das Forum Allgäu steht. Auch an jüngeren Beispielen, aus diesem Jahrtausend mangelte es in der Ausstellung nicht, darunter die ehemalige Zündholzfabrik, deren Fabrikanlagen und Direktorenvilla 2000 „trotz Protesten und Umbauvorschlägen abgebrochen wurde“; Kemptens „berühmteste Baustelle“, das so genannte „große Loch“, wo der Mitte des 19. Jahrhunderts direkt am Bahnhof errichtete Allgäuer Hof und das 1950 erbaute Allianz-Haus abgerissen wurden; das „bedauerliche Missverständnis“ durch das der mittelalterliche Teil des „Jenischhauses“ dem Abbruchbagger zum Opfer fiel oder auch das lange diskutierte Sudhaus auf dem ehemaligen Brauhausgelände. 

 Ein bisschen Versöhnung 

Eine Besucherin der jüngeren Generation fand es „erschütternd, dass Kempten gar nicht mehr Kempten ist“, weil es sich selbst demontiert habe und „nicht wie viele andere Städte wegen Bombenangriffen gar keine andere Wahl hatte“. Und doch zeigt sich ein Plakat am Ende der Bildergalerie unter der Überschrift „Aus Fehlern gelernt“ zumindest ein wenig versöhnlich, räumt ein, dass es nicht nur in Kempten so sei, zumal Städte einem steten Wandel unterworfen seien und sich den laufend neuen Anforderungen anpassen müssten. Aber eben auch, dass die Kemptener in den letzten Jahren deutlich gemacht hätten, dass sie die wenigen noch vorhandenen historischen Gebäude behalten „und nicht gegen sterile Neubauten eintauschen wollen“, wie das Engagement für den Erhalt des Künstlerhauses zeige. 

 Das in der Ausstellung noch mit einem Fragezeichen versehene Schicksal der Klinikkapelle auf dem ehemaligen Gelände des Kreiskrankenhauses in der Memminger Straße ist inzwischen besiegelt. Der Bauausschuss gab sie, wie im Kreisboten berichtet, vergangene Woche einstimmig zum Abbruch frei.

Christine Tröger

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