Denkmale – unser kulturelles Erbe

Die Chapuis-Villa: Zeitzeugnis gesellschaftlicher, kultureller und politischer Gegebenheiten

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Bei der Führung durch die Chapuis-Villa gab es auch Einblicke in die Geschichte des Hauses.

Kempten – Unter dem Motto „Modern(e): Umbrüche in Kunst und Architektur“ stand der diesjährige „Tag des offenen Denkmals“. Historische Bauten und Gebäude, die sonst verborgen und zum Teil nicht zugänglich sind, konnten letzten Sonntag in ganz Deutschland „neu“ entdeckt werden. Interessierte Besucherinnen und Besucher lernten an diesem Tag auch in Kempten unser kulturelles Erbe in seiner Vielfalt kennen.

Das Motto dieses Tages, das anlässlich des 100-jährigen Bestehens des Bauhauses gewählt wurde, wollte dazu anregen und inspirieren, den Blick auf revolutionäre Ideen und den technischen Fortschritt über die Jahrhunderte hinweg zu richten und Umbrüche mit den daraus resultierenden Veränderungen zu finden. 

So lud etwa eine Führung durch die Chapuis-Villa zu einem Streifzug in die Vergangenheit ein. Das historische Gebäude aus der Gründerzeit steht in der letzten zusammenhängenden Parkanlage Kemptens, direkt am Illerufer. Die Illervorstadt, verwüstet während des 30-Jährigen Krieges, lag 100 Jahre in einem Dornröschenschlaf, sagt Ralf Lienert, bis Jakob Fehr, ein Handelskaufmann für Tuch, Leinen und Seide die verwüsteten Grundstücke erwarb. Zwischen 1720 und 1746 wurde von ihm auf dem geschichtsträchtigen Boden ein als „Lusthaus“ bezeichnetes Wochenendhaus in der Vorstadt, errichtet, erklärte Lienert. 

Am 16. April 1803 legte Fehrs Sohn Johann Christoph Felix den Grundstein für ein neues „Lusthaus“, das 95 Jahre später, im Jahr 1898 zur stattlichen Chapuis-Villa ausgebaut wurde. Den Grundstein können Interessierte noch heute am Eingang der Villa besichtigen. 

Das Fehr‘sche Anwesen wechselte in 21 Jahren fünf Mal den Besitzer. Am 11. Mai 1837 kaufte August Friedrich Roth das Wohnhaus mit verschiedenen Ökonomiegebäuden, Gärten und Ackerflächen. Er baute die Villa aus und ließ 1842 das komplette Grundstück mit einer Mauer einzäunen und einen viereckigen Turm am Südosteck des Parks errichten, so Lienert. Noch heute sind Teile der Mauer und des Turms vorhanden. 

Der Schweizer Kaufmann Franz Benjamin Chapuis (1823 – 1894) kam wie viele andere Schweizer wegen der wachsenden Textilindustrie ins Allgäu. Er wurde Partner von Friedrich Wilhelm Roth und übernahm 1843 dessen Geschäfte. Chapuis betrieb im Roth‘schen Haus ein Baumwollwarengeschäft. 

Nach dem Tod seines Geschäftskompagnons ging das Anwesen in seinen Besitz über. Sohn Friedrich Wilhelm Franz Chapuis baute 1898 dann das Gebäude um, es entstand die Villa Chapuis, ein dreigeschossiges Wohnhaus mit flachem Walmdach, asymmetrischen Quergiebeln und Fassaden mit barockisierenden Putzgliederungen. Stuck und Deckengemälde, schmiedeeiserne Geländer, ein Pavillon und ein Brunnen im Garten zeugen immer noch vom damaligen Prachtbau des reich gewordenen Großbürgertums. 

Die Umbauten waren typisch für die Architektur des im 19. Jahrhundert vorherrschenden Historismus, eine Epoche, in der auf ältere Stilrichtungen zurückgegriffen und teilweise kopiert wurden. Das Heim sollte zur Zufluchtsstätte mit eindeutiger Zuordnung der Räume werden, ausgestattet mit aufwendiger Innenarchitektur und modernster Technik, wie etwa einer Dampfheizung und einem Spülklosett in der Chapuis-Villa. 

Der Werdegang der Chapuis-Familie spiegelt die damalige Epoche mit ihren Umbrüchen wider: Der Wirtschaftsaufschwung, Besitz und Bildungsbürgertum waren geprägt von einer breiten Industrialisierung und der Hochkonjunkturphase. Das Bürgertum suchte sich einen neuen Weg der Abgrenzung vom Proletariat. Titel wie Kommerzienrat unterstrichen die besondere Stellung der Bürger, innerhalb der Gesellschaft veränderte sich die Lebensweise dramatisch. 

Über 100 Jahre waren die Mitglieder der Chapuis der gesellschaftliche Mittelpunkt der Illerstadt, wie gesagt wurde. Durch Heirat der Töchter und Söhne waren sie eng mit den Namen Schnitzer, Weixler, Kremser und Hoefelmayr verbunden. Denn für die Chapuis-Familie galt der Grundsatz, wie auch in vielen Kemptener Familien „Kuh zu Kuh und Geld zu Geld“. 

Im ehemaligen Kutscherhaus und der Remise ist seit 1991 die Stadtarchäologie untergebracht und in der Chapuis-Villa befand sich bis vor Kurzem das Kuratorium „Villa Viva“, eine Pflege- und Begegnungsstätte für körper- und mehrfachbehinderte Menschen. 2020 soll das historische Gebäude mit einer veranschlagten Investitionssumme von einer halben Million Euro umgebaut werden. Es ist geplant, in dem Gebäude einen „autofreien“ Kindergarten zu eröffnen. Nach der Führung hatten die Besucherinnen und Besucher Gelegenheit, die Räume der Chapuis-Villa eigenständig zu erkunden und auf sich wirken zu lassen.

Christine Reder

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