Gelebte Ökumene

Ein Herz und ein Sofa

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Auf dem bunten Sofa: die beiden Kemptener Dekane, der katholische, Prof. Dr. Bernhard Ehler, und der evangelische, Jörg Dittmar.

Dass sich die beiden Kemptener Dekane, der katholische, Prof. Dr. Bernhard Ehler, und der evangelische, Jörg Dittmar, gut verstehen, merkte man den beiden an. In ungezwungener Atmosphäre stellten sie sich vergangene Woche den kritischen Fragen von Lajos Fischer.

Der Geschäftsführer des Haus International hatte die beiden zum Gespräch auf das Bunte Sofa eingeladen.

„Ich hatte das Gefühl, hier wird Geschichte geschrieben“, beschrieb Moderator Fischer den Moment, als Dekan Ehler zum Auftakt des Reformationsjahres in der St.-Martin-Kirche predigte. Da muss doch auch Freundschaft dahinterstecken, dass es so weit kommt, vermutete er. Von Anfang an war Sympathie da, bejahte Ehler. Mittlerweile seien die beiden Dekane herzlich verbunden und könnten sich untereinander über Konfessionsgrenzen hinweg teils offener unterhalten als mit manchen Kollegen aus den eigenen Reihen.

Ehler gab an, schon seit seiner Schulzeit Kontakte zu seinen evangelischen Kollegen gepflegt zu haben. So sei es für ihn selbstverständlich gewesen, kurz nach seiner Ankunft in Kempten mit Dittmar Kontakt aufzunehmen. Auch bei seiner Primiz, der ersten Messe, die er gehalten hatte, sei es ein evangelischer Kollege gewesen, der ihm im Grußwort mit auf den Weg gegeben hatte: „Sei mutig und stark!“

"Ohne Zweifler haben Fundamentalisten einen Freibrief"

Und Mut war auch ein zentrales Thema auf dem bunten Sofa. Mutig ist Luther gewesen, dessen 95 Thesen ihn über Nacht zum Geächteten gemacht haben, erklärte Dittmar. Er habe sich mit all jenen angelegt, die mächtig und reich gewesen sind und mit Angst Geschäfte gemacht haben. Die zentrale These sei gewesen: „Macht (Geld) muss dazu da sein, um Schwache (Menschen ohne Geld) zu schützen.“ Und das sei laut Dittmar eine These, die immer noch hoch aktuell sei. Auch heute könne man sich mit dieser Forderung Feinde machen. Mutig mache der Glaube: „Wenn ich glaube, dass es diesen Gott gibt, der zu mir steht, dann ist vieles möglich, dann brauche ich keine Angst haben vor dem Scheitern, weil er noch im Scheitern zu mir steht“, warb Ehler.

Aber auch der Zweifel gehöre laut der beiden Dekane zum Glauben: Nachfragen heißt Interesse haben an der Sache, so Ehler. Nach einer Phase des Zweifelns, die jeder im Leben habe, sei man gefestigter in seinem Glauben. Und Dittmar betonte, wie wichtig es sei, über Dinge nachzudenken und sie in Frage zu stellen. Im Fundamentalismus, der zur Zeit im medialen Fokus stehe, würden Dinge einfach geglaubt und der Zweifel verteufelt. Das komme auch daher, dass man heute nicht mehr über Religion rede, was Dittmar nicht für gut hieß. „Wir brauchen einen reellen Diskurs. Und dafür brauchen wir Menschen, die Zweifeln“, sagte er.

Erzählen braucht Zeit, Parolen sind schnell gesagt

Das Gespräch ist das Mittel der Wahl. Darin waren sich Ehler und Dittmar ebenfalls einig, wenn es um den Umgang mit Fremdenfeindlichkeit geht, sowohl innerhalb der Kirche als auch außerhalb; zum Beispiel gegenüber einem „dumpfen“ braunen Mob, wie jenem bei der Allgida-Veranstaltung in Obergünzburg im Herbst 2015. Hier hätten viele evangelische Gemeindemitglieder großen Mut bewiesen, indem sie sich nicht provozieren haben lassen und die Demonstranten zu Gesprächen eingeladen haben. Darüber zeigte sich Dittmar stolz. Aber auch gegenüber Kirchenmitgliedern rechter Gesinnung „müssen wir ganz klar Flagge zeigen und immer wieder argumentieren. Wir haben nur das Wort“, sagte er.

Ehler betonte, dass die Furcht der Leute ernst genommen werden müsse. Gegenüber Menschen, die Angst vor Überfremdung haben, sei es die Aufgabe der Priester, „ihnen die Angst zu nehmen“ und sie darin zu bestärken, ihren Glauben zu bezeugen. Er warb dafür, als Gemeindemitglied das Gespräch zu suchen, Vorurteile über Asylsuchende abzubauen und Gerüchte aus dem Weg zu räumen.

„Warum weisen kirchliche Wohlfahrtsverbände immer wieder Menschen an der Türe ab, die schnell unkomplizierte Hilfe brauchen?“, sprach Fischer ein heikles Thema an. Hier betonten Ehler und Dittmar, dass es mehr auf nachhaltige Hilfe ankomme als auf kurzfristige.

Für die Dekane sei auch wichtig, sich zu vergewissern, dass die Hilfe nicht zweckentfremdet wird, etwa Alkohol statt Lebensmittel gekauft werden. Die katholische Kirche habe deshalb ein Gutschein-System entwickelt, durch das Notleidende in Lebensmittelgeschäften einkaufen können. Auf dem Stiftsplatz gebe es den Tafelladen, in dem sich Leute mit dem Nötigen versorgen können. Ein Drittel der Caritas-Sammlung müsse für hilfstätige Zwecke verwendet werden. 

In der evangelischen Kirche werde den Notleidenden unter anderem Rechtsbeistand gegeben. Wichtiger als „Almosen“ sei es für Arme, ihre Rechte und Ansprüche, zum Beispiel auf Wohngeld durchzuklagen; denn zu Sparmaßnahmen würden sich Ämter und Behörden nicht immer an die Regeln halten: „Es darf nicht so weit kommen, dass die Kirchen den Sozialstaat ersetzen!“, betonte Dittmar.

Als einen „Ausdruck von Staatsbürgerpflicht“ versteht es Dittmar auch, wenn Kirchenvorsteher nach entsprechender Prüfung Asylsuchenden Schutz bieten, denen die Abschiebung droht. Innerhalb von einer halben Stunde würden in einem solchen Fall alle Behörden benachrichtigt.

"Es muss möglich sein, zu helfen"

Obwohl es deshalb immer wieder Ermittlungsverfahren gegen Pfarrer gibt, ist er froh, „in einem Rechtsstaat zu leben, in dem jedem begründeten Strafverdacht nachgegangen wird“ und auch bei der Kirche keine Ausnahme gemacht werde. Andererseits brauche der Staat Leute, die aus ihrer Nächstenliebe Hilfe anbieten; ohne die Helfer sei die Flüchtlingskrise nicht zu bewältigen gewesen.

Beim Kirchenasyl gehe es nicht darum, das staatliche Recht auszuhebeln, verdeutlichte Ehler, sondern oft darum, dass bestimmte Fristen verlängert würden und dass Zeit geschaffen wird „für eine saubere Rechtsprechung“.

 Aus diesem Grund gebe es in Bayern Beauftragte der evangelischen und katholischen Kirche, die in Kontakt stehen mit der Staatsregierung. Sie beraten die Gemeinden in konkreten Fällen, ob ein Kirchenasyl Aussicht auf Erfolg haben kann. „Für die Gemeinden ist das nämlich auch immer eine große Belastung.“

Bei all der Einmütigkeit unterstrichen Ehler und Dittmar, dass es nach wie vor eine katholische und eine evangelische Wahrheit gebe. Dass sie beide sich nicht die Köpfe einschlügen, sei unter anderem ein Gewinn des Westfälischen Friedens nach dem 30-jährigen Krieg: Die Religionsfreiheit habe es mit sich gebracht, dass Menschen einander respektieren können, obwohl sie nicht denselben Glauben haben. „Nur wenn wir die Überzeugung der anderen respektieren, können wir den Respekt auch für unsere Anschauung einfordern“, sagte Ehler, „es geht nicht darum, gleichgültig zu sein, aber man kann mutig und respektvoll für seinen Glauben einstehen.“ 

Susanne Kustermann

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