"Nur gemeinsam geht‘s"

Kemptener Einzelhändler appellieren an Kunden für Unterstützung und Treue

+
Der Einzelhandel hofft auf weise Politik, die alle Interessen berücksicht, damit nicht alles „zerschreddert“ wird, was mühevoll über Jahrzehnte aufgebaut wurde.

Kempten – Seit dem 20. März gelten in Bayern vor dem Hintergrund der sich ausbreitenden Corona-Krise Ausgangsbeschränkungen.

Zwischenzeitlich wurden diese Ausgangsbeschränkungen, die mit der Schließung des größten Teils des Einzelhandels einhergehen, bis zum 19. April verlängert. Geöffnet sind nur die Läden, die zur Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln, Getränken und Arzneimitteln, dienen. Auf Anfrage des Kreisbote berichten einige Einzelhändler, wie es ihnen in dieser schweren Zeit ergeht und was sie sich von Politik und Bürgern wünschen:

„Wie die meisten Geschäfte haben wir derzeit geschlossen und können keinerlei Umsatz über unsere Verkaufsfläche generieren“, sagt Joachim Saukel, Geschäftsführer von Laufsport Saukel. Die Ware für das Sommerhalbjahr sei kurz vor der Schließung eingetroffen, verkaufen könnten sie davon nichts. „Das ist für uns – wie für viele andere – existenzbedrohend.“ Auch die anderen Standbeine des Unternehmens mit der Laufschule Saukel, dem Lauflabor und die Veranstaltungsorganisation für Laufevents seien lahmgelegt. „Um das Schlimmste abzuwenden, habe ich alle derzeit möglichen öffentlichen Hilfsgelder beantragt, u.a. Kurzarbeitergeld für meine Mitarbeiter. Wir bereits überall gefordert, geht es auch bei uns nun darum, dass diese Mittel möglichst bald fließen. 

Das ist unser Appell an die Politik“, so Saukel. Was ihm etwas Mut mache, seien treue Kunden, die sich in diesen Tagen melden und Laufschuhe bestellen. Er berät diese am Telefon oder per Videotelefonie und bringt die Schuhe vorbei. „Das ist natürlich nicht optimal, aber funktioniert besser, als ich erwartet hätte. Unser Wunsch an die Kemptener Bürger ist: Kauft gerade jetzt nicht beim Onlinehandel, sondern zeigt euch solidarisch, damit wir euch auch nach der Krise wieder eine lebendige Innenstadt mit all ihren Angeboten bieten können. Es gibt viele Möglichkeiten, gewünschte Produkte bei uns und bei den anderen Geschäften zu bekommen: telefonisch, per E-Mail oder beim hauseigenen Onlineshop. Auch der Gutscheinkauf ist eine gute Möglichkeit, uns in der aktuellen Lage zu unterstützen.“ 

Christoph Schöll ist der Inhaber der Erlebnisbuchhandlung didactus. Es sei natürlich sehr existenziell, dass „wir derzeit unser Ladengeschäft nicht geöffnet haben dürfen.“ Er habe mit den Mitarbeitern viele Frühjahrstitel mit Liebe ausgesucht und sich auf diese Zeit gefreut. „Nun bleibt die Kundschaft aus und diese mit unserer Kompetenz zu begeistern, ist weitaus schwieriger, als sonst“, sagt Schöll. Aber jede Krise biete auch eine Chance, noch schlummernde Kreativität zum Einsatz zu bringen. „Es freut uns, dass wir von StammkundInnen nach Empfehlungslisten gefragt werden, dass spezielle Wünsche geäußert werden an Buchempfehlungen für bestimmte Altersgruppen, Leseinteressen etc. und da geben wir dann natürlich alles – was wir bislang im täglichen Ladengeschäft mit Freude betrieben haben.“ Beratung findet nun am Telefon statt, per Mail werden Empfehlungen versendet und ein täglicher Buchtipp auf Instagram und Facebook veröffentlicht. „Zudem liefern wir jedes verfügbare Buch,- Spiel, CD portofrei nach Hause – bestellbar per Telefon, Fax, Mail, Anruf oder über unseren Shop. Jeder Bestellung legen wir übrigens als Dankeschön ein Päckchen Sonnenblumensamen bei.“ Die Idee dahinter: Im Sommer blüht dann in ganz Kempten und Umgebung nochmal sichtbar auf, wie der Zusammenhalt durch diese Zeit getragen habe. 

Sigrid Spiegel ist die Inhaberin von „Spiegel‘s Genusstreff“. Die erste Woche der Beschränkung sei geschäftlich gesehen fast eine Nullrunde gewesen, „95 Prozent Rückgang“, berichtet sie. „In der zweiten Woche kamen durch mehr mediale Information doch ein paar Kunden ins Geschäft. Wir haben uns im lokalen Einzelhandel abgesprochen und geben an Kunden die Info weiter, wer geöffnet hat.“ Alle würden versuchen, für die Kunden einen Service zu bieten, vor Ort zu sein, um wenigstens so einen kleinen Teil der Unkosten zu decken. „Keiner glaubt, dass nach den verordneten Schließungen, der fehlende Umsatz aufgeholt werden kann, so wird sich der Verlust übers ganze Jahr mit ziehen. Wie lange man das alles durchhalten kann? Maximal zwei bis drei Monate.“ Zu allem komme noch die Flut von dubiosen E-Mail-Angeboten für Internetshops und Fake-Rechnungen. „Hier muss man aufpassen, nicht noch mehr Schaden zu n e h m e n . Wir alle im Einzelhandel freuen uns über jede Unterstützung unserer Kunden vor Ort, um weiter eine schöne Innenstadt zu haben.“ Im Moment seien die Geschäfte zu, wenn viele hinterher weiter auf den Onlinehandel setzen, seien die Schaufenster nicht mehr bunt, sondern leer. „Wünschenswert von der Politik ist nicht nur Unterstützung jetzt, sondern auch zukünftig, z.B. keine Mehrwertsteuererhöhung.“

 „Ich gehöre mit meinem Teefachgeschäft zu den wenigen Geschäften, die systemrelevant sind und geöffnet haben dürfen“, sagt Tina Linke, Geschäftsführerin TeeGschwendner. „Man fährt nicht komplett gegen „Null“, aber mit stark angezogener Handbremse.“ Vor dem 20. März sei noch Tee auf Vorrat gekauft, deshalb seien die Umsätze im März noch einigermaßen in Ordnung. „Jetzt vor Ostern verkaufen wir noch einiges an Süßwaren, die Menschen wollen sich auch was Gutes tun! Wir haben im Geschäft Maßnahmen ergriffen, wie das Anbringen von Schildern und Bodenaufklebern, mit der Bitte Abstand zu halten, denn nur so ist weiterhin gewährleistet, dass wir unser Geschäft öffnen können.“ Sie freut sich daher über vorbildliche Kunden, die die Verhaltensvorgaben gut umsetzen. Der deutliche Umsatzrückgang und noch ausstehende Verbindlichkeiten gegenüber Lieferanten, Fixkosten wie Miete, Löhne, Versicherungen usw. lassen aber auch sie mit großer Sorge in eine ungewisse Zukunft blicken. „Wir brauchen die Kaufkraft in Kempten!“, appelliert Linke und weißt auf die Möglichkeiten hin, beim lokalen Handel und der ansässigen Gastronomie zu bestellen und den Liefer- oder Abholservice zu nutzen. Zudem helfe es, wenn Bürger nun Gutscheine verschenken, die später eingelöst werden können.

Jörg Spielberg

Auch interessant

Meistgelesen

Einbruch in eine Wohnung in der Bodmanstraße
Einbruch in eine Wohnung in der Bodmanstraße
Eine Entscheidung fürs Leben
Eine Entscheidung fürs Leben
Entscheidung zur Causa Knussert
Entscheidung zur Causa Knussert
Kinder präsentieren Masken ihres vhs-Workshops
Kinder präsentieren Masken ihres vhs-Workshops

Kommentare