"Leere Stühle, leere Kassen"

Kemptener Gastroszene lechzt nach "Restart"

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„Leere Tische - leere Kassen“ soll nach dem verständlichen Wunsch der Gastronomen rasch der Vergangenheit angehören.

Kempten – Einzelhandel ohne Gastronomie funktioniert nicht. Die Menschen kommen nicht nur zum Kaufen in die Stadt. Sie wollen flanieren, einen Kaffee trinken, gemeinsam etwas Feines essen und die Kinder möchten ein Eis schlecken. Die Gastronomie schmückt eine Stadt und schafft das Flair, das die Besucher anzieht.

Kaum eine Stadt in Deutschland hat die Attraktivität seiner Innenstadt so voranbringen können wie Kempten. Die Allgäu-Metropole ist unter den Top 10 beim deutschlandweiten Kreisranking des Umsatzpotentials je Einwohner.

Kemptener Gastroszene macht auf aktuelle Lage aufmerksam

 © Spielberg
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Protest am Rathaus

Davon war am vergangenen 1. Mai nichts mehr zu spüren. Waren die Stühle und Tische am Rathausplatz in den letzten Jahren gut besetzt und die Luft erfüllt von Klängen des Jazzfrühlings, haben heuer die Gastronomen rund 300 leere Stühle vis à vis vom Rathaus aufgestellt, um auf ihre Misere in Zeiten der Corona-Pandemie aufmerksam zu machen. Die Kemptener Gastronomen und Hoteliers schlossen sich mit diesem Tun der bundesweiten Protestaktion „#LeereStühle“ an. Dabei sollte der mediale Fokus auf die bedrohlichen Folgen eines scheinbar nicht enden wollenden Shutdowns für die Branche gelegt werden. 

„Wir brauchen endlich von den Verantwortlichen einen konkreten Fahrplan mit Öffnungsterminen“, fordert stellvertretend für rund 100 Kemptener Gastronomen und Hoteliers der Vorstand der Kreisstelle Kempten des Bayerischen Hotel und Gaststättenverbandes Michael Heel. Der Gastronom und Hotelier führt seit Jahren erfolgreich das Hotel Waldhorn, das mit dem Michlhof und „Heel‘s Alpe“ in jüngster Zeit stark investiert hat. Dass in der Krisenzeit so viele Gastronomen um ihr Überleben kämpfen, führt Heel unter anderem darauf zurück, dass dem Wunsch der Branche nach Absenken der Mehrwertsteuer (MwSt) auf sieben Prozent bei Speisen und Getränken seit Jahren nicht entsprochen wurde. „Wenn wir im Einkauf sieben Prozent MwSt zahlen, aber im Verkauf bei Speisen und Getränken 19 Prozent erheben müssen, bleibt kein Spielraum für Investitionen und Rücklagen“, so Michael Heel stellvertretend für seine Branche. 

Die gegenwärtige Zwischenlösung wird von vielen Betroffenen als Hohn empfunden. Ab dem 1. Juli dieses Jahres dürfen nun im Verkauf sieben Prozent MwSt erhoben werden. „Heuer sind durch den Shutdown wohl kaum hohe Umsätze zu erzielen, im nächsten Jahr gilt der verminderte Steuersatz nur bis Ende Juni, also nicht mehr für die lukrative Sommersaison, das hilft den meisten nicht weiter“, so Heel und fordert: „Die sieben Prozent muss Dauerlösung werden.“ 

Zeit läuft aus
Es werden am Freitagmittag durch die Wirte, Hoteliers und Dienstleister noch andere Forderungen laut. Vor allem ­möchte man eine rückwirkende Erhöhung des Kurzarbeitergeldes ab März. Da man die Soforthilfen des Staates als Tropfen auf den heißen Stein empfindet, setzen die Wirte auf einen Rettungsfonds für das gesamte Gewerbe. Auf die leeren Stühle vor dem Rathaus haben die Betroffenen Plakate geklebt: „Leere Stühle - Leere Kassen“; „5 Kinder ernähren! Kurzarbeitergeld 150,- Euro im Monat - Danke an Herrn Söder und Frau Merkel!“; „1. Mai - Tag der Arbeits„losigkeit“, „Kochprofi im Homeoffice“ oder „Lasst uns nicht im Regen stehen“. 

Die Stimmung ist düster, niemand weiss wie lange man noch von den Verantwortlichen hingehalten wird und ob jeder diese Durststrecke durchhalten kann. Unter der Teilnehmern der Aktion „#LeereStühle“ befinden sich nicht nur lokale Größen, wie unter anderem Sternekoch Christian Henze, der Geschäftsführer der Meckatzer Löwenbräu KG Michael Weiß, Johannes Palmer, Geschäftsführer des Parktheaters oder Jürgen Berkmiller, Geschäftsführer der Brauereigastststätte Zum Stift, sondern auch viele „kleine“ ­Selbstständige, die Kemptens Gastronomie viele Jahrzehnte lang bereichert haben. So haben beispielsweise die Betreiber der legendären Discothek „Drop In“, Annaick Reihs vom „Rendezvous à Quiberon“, Ingo Burger vom Restaurant „Schalander“ oder Familie Miller vom „Storchennest“ ebenfalls leere Stühle auf den Rathausplatz gestellt. Michael Heel befürchtet in seiner Funktion als Vorstand der Kreisstelle des Bayerischen Hotel und Gaststättenvebandes, dass die gastronomische Vielfalt Kemptens nach der Corona-Pandemie verloren geht. 

„Je länger der Shutdown dauert und ein konkreter Fahrplan zum „Restart“ fehlt, umso mehr Betroffene werden leider aufgeben müssen.“ Das bedeute, so Heel, dass es rund ein Drittel bis ein Viertel weniger gastronomische Betriebe in Kempten geben würde. 

Jörg Spielberg

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