Steinfigur am Zumsteinhaus: Wer ist der Mann mit Halskrause?

Kemptener Hofnarren. Legenden, Sagen, Fakten?

Steinfigur südlich des Zumsteinhauses in Kempten.
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Steinfigur südlich des Zumsteinhauses.

Wer als aufmerksamer Beobachter vom Kempten Museum, dem Zumsteinhaus, in Richtung Stadtpark geht, sieht eine kleine, ungefähr einen Meter große Steinfigur, die auf einem Sockel steht.

Wegen der dortigen Baumaßnahmen befindet sich die Skulptur, ein zwergenhafter Mann in eleganter, höfisch wirkender Kleidung mit Halskrause, in einem Schutzgatter. Betrachtet man die kleine Person etwas genauer, dann fällt auf, dass ihr beide Hände fehlen. Da dort keine nähere Beschreibung angebracht ist, hat sich vielleicht schon mancher Passant gefragt, welche Bewandtnis es mit dieser Figur hat.

Um diese kleine Steinfigur rankt sich eine alte Sage, die dramatisch-spannend klingt, aber dennoch mit Vorsicht zu genießen ist. Der ehemalige Heimathistoriker Dr. Alfred Weitnauer schreibt dazu, dass es sich bei diesem kleinwüchsigen Mann um einen der Hofnarren aus dem 17. Jahrhundert gehandelt haben soll, die von den Fürstäbten im Stift angestellt gewesen sind.

Er gibt auch die Erklärung dazu, warum der Person beide Hände fehlen. Demnach hat der stiftische Scharfrichter auf Anordnung des Fürstabtes dem kleinen Mann wegen eines nicht mehr bekannten Vergehens, nach einer anderen Darstellung hat es sich dabei um den Diebstahl von Silber gehandelt, zur Strafe beide Hände abgehackt. Eine für uns Zeitgenossen grausame, aber für damalige Verhältnisse durchaus übliche Strafe für Diebstahl. Als sich später die Unschuld des armen Kerls herausstellte, soll der Fürstabt veranlasst haben, dass man ihm sozusagen als „Trost“ ein Denkmal in Form dieser Steinskulptur hingestellt hat.

Bei der Steinfigur, die wir heute sehen, handelt es sich um ein Duplikat. Das Original ist im Depot der Kemptener Museen aufbewahrt. Die Frage bleibt, ob diese überlieferte Geschichte, die manch Kemptener noch im Heimatunterricht gehört hat, so stimmt oder ob es sich bei dieser Figur um etwas ganz anderes gehandelt hat.

Über die Hofnarren des Stifts, auch Schalksnarren genannt, lassen sich in den hiesigen historischen Quellen nur recht wenige Informationen finden. Nähere Angaben darüber, auch wenn sie teilweise sehr vage sind, finden sich in den verschiedenen Schriften von Weitnauer. Eine davon besagt, dass die Fürstäbte zu Kempten seit unbekannten Zeiten Hofnarren im Stift beschäftigt haben. Dies hat wahrscheinlich damit zu tun, dass Reichsfürsten und größere weltliche und kirchliche Grundherren, zu denen auch die Fürstäbte zählten, Hof- oder Schalksnarren an ihren Höfen gehalten haben. Meist trugen diese Narren eine spezielle Kleidung und erhielten für ihre Dienste außer Kost und Wohnung noch Hofkleider und auch ein kleines Gehalt.

Die ersten Hofnarren, deren Spuren an den größeren Herrenhäusern bis ins 12. Jahrhundert zurückreichen, sind oft geistig oder auch körperlich beeinträchtigte Menschen gewesen, so wie es auch bei der kleinen Steinfigur auf der Zumsteinwiese der Fall ist. Mit diesen Defiziten mussten sie sich unfreiwillig der Belustigung und dem Gespött ihrer Herren und deren Gästen präsentieren, die sich an ihren Missbildungen oder ihren geistigen Einschränkungen ergötzten.

»Narrenfreiheit« der Hofnarren

Später nahm dann die Zahl der behinderten Menschen im Hofnarrenamt ab und an ihre Stelle traten körperlich und geistig völlig gesunde Menschen, die sich oft nur als „wahnsinnig oder verrückt“ ausgaben. Mit diesem Habitus nahmen sie eine Sonderstellung am jeweiligen Hofe ein und durften sich damit Freiheiten herausnehmen, an die andere Menschen im Umkreis der Herren nicht einmal denken konnten. Dazu gehörte z.B., dass die Hofnarren ihren Herren duzten, ihm bei seinen Reden ins Wort fielen, ihn nachäffen oder auch grob anfahren durften und ihm die ungeschminkte Wahrheit sagen konnten.

Mit ihrem Status der „Narrenfreiheit“ genossen sie ein relativ hohes Maß an Toleranz und hatten im Regelfall keine negativen Konsequenzen zu befürchten. Wegen dieser Privilegien waren Hofnarren inmitten einer Menge von Hofmitgliedern, die ihren Herren oft nur nach dem Mund redeten, eine der wenigen Personen, von denen ihre Herren die Wahrheit erfuhren. Damit waren Hofnarren also keineswegs Personen, die an den jeweiligen Höfen zur Belustigung der Gäste mit ihrer speziellen Kleidung nur Späße machten und Purzelbäume schlugen und mit anderen Verrenkungen aufwarteten. Ein guter Hofnarr hat bei seinem Herrn durch sein gewitztes Auftreten oftmals Dinge durchsetzen können, die anderen Hofbeamten versagt geblieben sind.

Allerdings mussten die Hofnarren wissen, wie weit sie bei ihren Aktionen gehen durften. Übertrieben sie es mit ihren Späßen, dann konnte sie der Bannstrahl des Herren treffen. Daher mussten sie großes diplomatisches Geschick haben und mit Klug- und Weisheit und dem nötigen Scharfsinn die Situationen an ihrem Hof richtig einschätzen und sich an die jeweiligen Gegebenheiten anpassen können.

Eine dazu passende Geschichte liefert Weitnauer über Fürstabt Adalbert IV. von Hoheneck (1584 bis 1587), der schon im Alter von zehn Jahren ins Kloster Kempten eintrat. Dort lebte er später im Konkubinat, d.h. in einer für jedermann bekannten außerehelichen Beziehung mit mindestens einer Frau und mit dem Ergebnis, dass er auch Kinder hatte.

Eines Tages soll der Fürstabt seinen Hofnarren gefragt haben, welche Meinung die Leute über ihn hätten. Der Hofnarr gab ihm ungeschminkt zur Antwort, dass die Leute über ihn sagen, er sei der „größte Hurenbub weit und breit“. Es ist nicht bekannt, ob diese offene Antwort für den Hofnarren Konsequenzen hatte oder ob sie den Fürstabt beeindruckte. Jedenfalls zeigt diese Anekdote, dass Hofnarren dem Fürstabt die Wahrheit direkt ins Gesicht sagen konnten.

Der »letzte Hofnarr« des Fürstabtes

Mehr bekannt ist über „Benedikt Grotz“, der im Allgemeinen als letzter Hofnarr des Fürststifts gilt. Die Geschichte dieses angeblich letzten Hofnarren des Fürstabtes, der in der Endphase des Stifts dort gewirkt haben soll, hat Weitnauer im Jahre 1938 in einem Artikel in der Zeitschrift „Das Schöne Allgäu“ mit dem Titel „Der letzte Allgäuer Hofnarr“ näher dargestellt. Impulsgeber für diesen Artikel könnten Notizen gewesen sein, die im Jahr 1929 der seinerzeitige Kemptener Bürgermeister und Burgen- und Heimatforscher Dr. Otto Merkt im Zuge der Anbringung einer Haustafel im Wuhr hinterlassen hat.

In diesem Aufsatz bezog sich Weitnauer auf ein Gespräch, das er mit Amalie Zeller, der Enkelin des Benedikt Grotz, geführt hat. Darin erfahren wir mehr über Benedikt Grotz, den „letzten Hofnarren des Fürstabtes“ in der Zeit kurz vor der Säkularisation, in der sich das Stift und damit eine mehr als ein Jahrtausend alte Ordnung in Auflösung befand. Aufgrund dieser Ereignisse verlor das Stift seine Selbstständigkeit und ging im bayerischen Staat auf.

Mit der Säkularisation war nicht nur die Abdankung des letzten Fürstabtes, Castolus Reichlin von Meldegg, verbunden. Damit ging einher der Verlust seiner gesamten Herrschaftsrechte im Stiftsgebiet und auch die Auflösung seines Hofstaates einschließlich der gesamten sehr umfangreichen Stiftsverwaltung. In einer Aufzeichnung der verschiedenen Berufsstände des Stifts sind in 21 Gruppen sämtliche Bedienstete aufgeführt. Vom adligen Kapitularherren über das normale Hofpersonal, wie z.B. zwei Hofmauser, die Ochsenknechte und eine Schweinemagd, waren es über 230 Personen. Es fällt aber auf, dass ein Hofnarr bei dieser Aufzählung nicht genannt ist. Warum diese Position fehlt, darüber kann nur spekuliert werden. Wahrscheinlich deswegen, weil es zu dieser Zeit im Stift keinen offiziellen Hofnarren mehr gab.

Ganz im Gegensatz dazu stehen die Ausführungen aus dem Jahr 1938, die wir über Benedikt Grotz als angeblich letzten Hofnarren des Stifts haben. Tatsache ist, dass Grotz im Jahre 1773 geboren und 1842 gestorben ist. Nur wenige Jahre zuvor (1835) hat er noch an der Grundsteinlegung des neuen Distriktspitals an der Memminger Straße, dem sogenannten Stiftskrankenhaus teilgenommen. Grotz soll nach den Erzählungen seiner Enkelin „Amalie Zeller“ zu Zeiten des letzten Fürstabtes zunächst in der Residenz und dann noch kurze Zeit im damals noch neuen Zumsteinhaus gewohnt haben.

Allerdings betonte die Enkelin, dass sie in ihrer Jugend den Geschichten ihres Großvaters nur wenig Beachtung geschenkt hat und ihm auch keine Fragen zu seiner beruflichen Vergangenheit stellte. Im Nachhinein hat sie dieses Desinteresse recht bedauert, andernfalls hätte sie mehr über ihren Großvater und seine Narrenspäße erzählen können. So konnte sie sich nur an eine einzige, sehr makaber klingende Narretei erinnern, die sie von ihrem Großvater Benedikt Grotz erfuhr.

Diese Geschichte führt uns zurück in die Zeit, als im Stift Kempten vor der Residenz noch ein eigener Töpfer- und Hafenmarkt stattgefunden hat. Demnach hat Grotz auf einem der beiden gittergeschmückten Balkone des Zumsteinhauses als angeblicher Hofnarr an Markttagen seine oft recht derben Späße gemacht.

Auf diesem Töpfermarkt haben nicht nur die hiesigen Hafner ihre Häfen, Teller, Töpfe und Tassen auf dem Boden ausgebreitet, um sie ihren potentiellen Kunden zum Kauf anzubieten. Es muss um das Jahr 1790 gewesen sein, also noch zu Zeiten des Fürstabtes Rupert von Neuenstein, als der damals 17-jährige Grotz, angeblich auf Anweisung des Fürstabtes, mit einem Pferd mitten unter die ausgestellten Töpferwaren ritt und sein Pferd so lange auf den Hafnererzeugnissen rumtrampeln ließ, bis nur noch Scherben am Boden lagen.

Natürlich begann unter den Marktleuten ein großes Jammern und Weinen, weil ihre mühevoll erzeugten Hafnerprodukte auf diese Art zerstört worden waren und sie so um ihre Einnahmen gebracht wurden. Sie trauten sich aber nicht zu protestieren, da sie Angst vor den Ordnungskräften ihres gestrengen Herrn hatten. Der Fürstabt aber, der das Ereignis von der Residenz aus mit ansah, soll an dem Zerstörungswerk einen so großen Spaß gehabt haben, dass er sich vor Lachen kaum halten konnte. Allerdings hat er den geschädigten Hafnern nachher den Schaden ersetzt. Ob es sich wirklich so zugetragen hat, ist ungewiss. Denn es erscheint uns heute als unverständlich, dass ein Fürstabt, also nicht nur ein weltlicher und kirchlicher Grundherr, sondern auch ein katholischer Würdenträger, an so einem Zerstörungswerk überhaupt Freude haben konnte.

Da trifft es sich gut, dass sich zurzeit in Waltenhofen ein historischer Arbeitskreis mit der Person des Benedikt Grotz beschäftigt. Dabei sind Fakten zutage getreten, mit denen diese Darstellung in einem anderen Licht erscheint. Sie lassen vermuten, dass Grotz die Geschichte, um sie für seine Enkelin besonders anschaulich und spannend zu gestalten, „leicht übertrieben“ hat und, um das Mädchen damit besonders zu beeindrucken, sich als letzter Hofnarr des Fürstabtes ausgab. Allerdings bleibt die Frage offen, ob die Figur als letzter Hofnarr des Fürstabtes auf Grotz selber zurückgeht oder ob sie später entstand.

Jedenfalls geht aus den Erkenntnissen dieses Arbeitskreises hervor, dass Benedikt Grotz weder der letzte, noch überhaupt offizieller Hofnarr des Stifts war. Diese Erkenntnis würde mit der Aufzählung der verschiedenen Berufsgruppen des Stifts übereinstimmen, in der kein Hofnarr aufgeführt ist. Die Zeitgenossen von Benedikt Grotz haben ihm aber attestiert, dass er eine spitze Zunge und einen scharfsinnigen Verstand besaß, also genau so, wie man es sich bei einem Hofnarren vorstellte. So hat sich vielleicht im Volksmund die Geschichte über Benedikt Grotz als den letzten Hofnarren des Fürstabtes verfestigt und dann über Generationen erhalten.

Als sicher kann gelten, dass Grotz ab 1791 bis zur Auflösung des Stifts das Amt eines fürstäbtlichen Oberfischers ausübte. Als dann nach der Auflösung des Stifts die vielen Fischweiher abgelassen und veräußert worden sind, verlor Grotz seine Existenzgrundlage als ehemaliger Oberfischer und musste sich beruflich umorientieren. Ob er tatsächlich, wie Weitnauer berichtet, für diesen Dienst, den er nur an die zwölf Jahre ausgeübt hatte, eine monatliche Pension in Höhe von 16 Gulden erhielt, bleibt fraglich. Jedenfalls erwarb Grotz dann bei Waltenhofen im Wuhr ein Haus, in dem er noch 36 Jahre wohnte. Benedikt Grotz ist insgesamt drei Mal verheiratet gewesen und hatte aus diesen Ehen insgesamt fünf Kinder.

Mit seiner ersten Frau, einer Martinszellerin, hatte er zwei Kinder. Die zweite Ehefrau, die ihm ebenfalls zwei Kinder gebar, kam von der Rohrmühle. Seine dritte Ehefrau, die aus Oberegg bei Mindelheim stammte, schenkte ihm dann noch ein Kind. Seine Nachkommen haben dann bis 1937 in diesem Haus gelebt, ehe sie ihr „Gut“ verkauften und dann ins kleine Nebengebäude umzogen. Bei dem von Grotz erworbenen Haus handelte es sich um das ehemalige Fischerhaus, das nach Anlage des Waltenhofener Weihers direkt am Wehr des aufgestauten Weihers stand. Vielleicht ging das Fischerhaus, wie Weitnauer vermutet, aus einem alten Bauernhaus hervor, das zuvor an dieser Stelle stand. Denn schon in einem Urbar der Herren von Rothenfels (ein Verzeichnis verschiedener Güter und Abgaben) von 1451 ist zu lesen, dass ein gewisser Contz Kundig in der Wuro für sein Anwesen Abgaben in Höhe von fünf Schilling Denar zu zahlen hatte.

Dieses jetzt völlig umgebaute Haus ist zu sehen, wenn man am Ende von Waltenhofen auf der Straße, die nach Hellengerst führt, die Brücke über die B 19 passiert. Die Straße liegt auf einer langgezogenen Aufschüttung, die erkennen lässt, dass sie von Menschen gemacht worden ist. Sie bildete den einstigen Damm des ehemaligen Waltenhofener Stauweihers.

Über dem Eingang des Hauses „Wuhr Nr. 1“ ist folgende Inschrift zu lesen: „Wuhr des ehemaligen Waltenhofener Weihers erbaut um 1686 unter Fürstabt Rupert von Bodman“. Der Waltenhofener Weiher entstand durch die Aufstauung des Rohr- und Weiherbaches. Er übertraf die Ausmaße des heutigen Niedersonthofener Sees und ist mit 555 Tagwerk (ein Tagwerk entsprach ungefähr 3400 Quadratmetern) nach dem Wagegger Weiher, der eine Fläche von 890 Tagwerk hatte, der zweitgrößte See im Stiftsgebiet gewesen. Insgesamt gab es 84 verschiedene Weiher im Gebiet des Fürststifts, die alle zur Fischzucht dienten, um u.a. auch den Fischbedarf für die Hofinsassen zu befriedigen.

Nach der Säkularisation sind die meisten dieser künstlich angelegten Gewässer verkauft und dann zu Wiesen umgewandelt worden. So auch der Waltenhofener Weiher. Da aber kein Bauer an diesem Moosgebiet Interesse zeigte, erwarb schließlich der bayerische Staat den Seegrund für 600 Gulden.

Bürgermeister von Waltenhofen

Benedikt Grotz ist kurz nach seinem Umzug nach Waltenhofen, das damals nur aus wenigen Häusern bestand, von den dortigen Bürgern zu ihrem Bürgermeister gewählt worden.

Er hat dann dieses Amt bis zu seinem Lebensende 36 Jahre lang ausgeübt. Warum diese Wahl auf Grotz fiel, darüber kann nur spekuliert werden. Vielleicht auch deswegen, weil Grotz das Amt eines stiftischen Oberfischers ausübte. Dabei mussten ihm bei der Pflege des Waltenhofener Weihers und beim Abfischen die stiftsuntertänigen Bauern aus Waltenhofen zur Hand gehen. Daher wird Grotz die Bauern gut gekannt haben und sie haben ihn wegen seiner spitzen Zunge und seines scharfen Verstandes, der eines Hofnarren würdig gewesen wäre, geschätzt und ihn deswegen zu ihrem „Hauptmann“, d.h. Bürgermeister gewählt.

Dass Benedikt Grotz auch heute noch nicht vergessen ist, beweist eine Straße im heutigen Ortsteil Rauns, die den Namen des vermeintlichen „Hofnarren“ und ehemaligen Bürgermeisters von Waltenfofen trägt.

Erinnerungen an die Zeit der Fürstäbte im Bild festgehalten

Ein großes Wandgemälde zum Thema „Geschichte des Stifts Kempten und der fürstäbtlichen Residenz“ lässt die Zeit der Fürstäbte und der Hofnarren wie in einem Zeitpanoptikum Revue passieren. Dieses wandübergreifende Bild, das der Künstler Joseph Löflath zwischen 1989 und 1991 geschaffen hat, kann sehen, wer die Residenz durch den Südeingang zum Gericht nach der Eingangskontrolle betritt. Eine genauere Betrachtung dieses Epoche übergreifenden Gemäldes lohnt sich für jeden, der an Kemptener Geschichte Interesse zeigt.

Auf diesem Bild ist am rechten Ende der vermeintliche Hofnarr Benedikt Grotz dargestellt, wie er auf einem Fass sitzt und – vielleicht mit resignierendem Blick – über das Ende einer Epoche grübelt, während seine Narrenkappe bereits am Nagel hängt. Ein von Löflath ursprünglich angedachtes Schlussbild über das Ende der Stiftszeit, zu der auch der angeblich letzte Hofnarr gehörte, wurde durch ein „Jury-Gremium“ abgelehnt.

Diese Szene findet sich aber in einer Broschüre, die im Rahmen der 200-Jahr-Feier der vereinten Stadt von Dr. Johann Kreuzpointner und Alfred Reichert erstellt wurde. Sie zeigt Benedikt Grotz als angeblich letzten Hofnarren, wie er in einem Narrengewand auf dem Rücksitz einer Kutsche des Fürstabtes sitzt und um den Hals eine Kette als Sinnbild seines neuen Bürgermeisteramtes trägt. Zu seinen Füßen ist eine Banderole mit der Aufschrift „Commedia Humana“ aufgerollt. Vielleicht wollte Löflath mit dieser Darstellung schon damals unter diesem Motto die komödienhaft übersteigerte phantasievolle Geschichte um den angeblich letzten Hofnarren des Stifts zum Ausdruck bringen.

In diesem Bild sitzt Grotz auf einer großen Truhe und hinter ihm ist ein Geldsack zu sehen. Beides kann als Symbol dafür gesehen werden, dass es dem Fürstabt Castolus Reichlin von Meldegg gelang, nach zähen Verhandlungen mit dem bayerischen Staat eine jährliche Pension von 20.000 Gulden herauszuholen, obwohl ihm der Staat zunächst nur 10.000 Gulden pro Jahr gewähren wollte. Zusätzlich durfte er neben vielen anderen Vergünstigungen noch im oberen südlichen Bereich der Residenz alle Räume für Wohn- und Aufenthaltszwecke nutzen, einschließlich eines Kontingents von 50 Klafter Tannen- und zehn Klafter Buchenholz für Heizzwecke. Allerdings konnte Castolus Reichlin von Meldegg, der schon vorher an einer schweren Krankheit litt, diese ausgehandelten Privilegien nur relativ kurze Zeit „genießen“, denn am 28. Mai des Jahres 1804 schloss er für immer seine Augen.

Dr. Willi Vachenauer

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