Geschichte und Politik zum Anfassen

Kemptener Integrationskurs fährt nach Bonn

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Für die einen Anlass zur Freude, für die anderen ein Schock: Ein Flüchtlingsboot, mit dem einige der Fahrtteilnehmer selbst nach Europa gekommen waren, ist in der Ausstellung im Bonner Haus der Geschichte zu sehen.

Kempten/Bonn – Für zwölf Neueinwanderer aus Syrien, Eritrea, Somalia, Aserbaidschan, Mali, Mazedonien und den Philippinen hatten sich Lajos Fischer, Geschäftsführer Haus International (HI), und die HI-Vorsitzende Gaby Heilinger im Rahmen des letzten Moduls „Politik, Geschichte, Kultur“ des Integrationskurses einen besonderen Anschauungsunterricht ausgedacht: Per Bahn fuhren sie gemeinsam nach Bonn, um die neu gestaltete Ausstellung im Haus der Geschichte zu besuchen.

Übernachtet wurde in der Jugendherberge, wo bei den geselligen Runden bis spät in die Nacht die schnell entstandene Gemeinschaft der doch so unterschiedlichen Nationalitäten besonders deutlich geworden sei, wie Heilinger gegenüber dem Kreisboten erzählte.

Als Bundespräsident Wolfgang Steinmeier die Ausstellung im Dezember letzten Jahres eröffnet hatte, war Fischer dabei –und die Idee geboren. Zumal Einwanderung in der Ausstellung eine zentrale Rolle spiele, angefangen bei den Gastarbeitern bis zum original Flüchtlingsboot, das Kardinal Woelki dem Museum gestiftet habe. Heilinger erinnert sich an die „sehr unterschiedlichen Reaktionen darauf“. Ein Teilnehmer aus Somalia habe es richtig toll gefunden und freudig ausgerufen, „schau mal das Boot, mit so einem bin ich auch gekommen!“. Für eine Teilnehmerin aus Eritrea sei es dagegen eher „ein Schock“ gewesen. 

Trotzdem habe sie alles genau erklärt, wie zum Beispiel die Toilette, bestehend aus einem Loch in der Ecke des Bootes, sodass „alles direkt ins Meer laufen konnte“ und natürlich ohne Sichtschutz vor den anderen Menschen an Bord. Die Lebensmittel seien unter den gewölbten Bootsrändern gelagert worden, damit sie keinen wertvollen Platz für Passagiere wegnehmen. „Sie haben uns genau erklärt, wie viele Leute an Bord waren, wer welche Funktion übernehmen musste und so weiter“, so Fischer.

Was der Gruppe aber auch wichtig gewesen sei: der Zweite Weltkrieg in Deutschland, wie es zum Wiederaufbau und zum Neuanfang als Demokratie gekommen sei und zur europäischen Anbindung. „Darüber haben wir später auch beim Adenauer-Denkmal viel gesprochen.“ Thema sei natürlich auch Bonn als Hauptstadt West-Deutschlands gewesen und auch dafür, wie sich das Alltagsleben der Menschen veränderte, die Mode, das Kino, die Autos, das Fernsehen hätten sich die Teilnehmer sehr interessiert oder die Hippies und auch die Umwelt- und Friedensbewegung.

Natürlich seien auch Dinge wie der Holocaust, Antisemitismus und Deutschlands Verpflichtung gegen Rassismus thematisiert worden sowie die ehemalige Teilung Deutschlands und der Mauerfall. Prof. Dr. Harald Biermann, Direktor Kommunikation und Vertreter des Präsidenten, sowie Dr. Monika Röther, Referentin des Präsidenten, hätten die Gruppe sogar persönlich empfangen.

Beim gemeinsamen Spaziergang durch das politische Bonn habe besonders das Regierungsgebäude beeindruckt und das Ministerium von Entwicklungsminister Dr. Gerd Müller, nicht zuletzt „weil einer der Teilnehmer ihn kannte“, erzählt Heilinger. Leider sei er zu dem Zeitpunkt aber auf Klausur in Meseberg gewesen.

„Sie haben Deutschland durch die Geschichte besser verstanden“ und – „neue Freunde gewonnen“, freut sich Fischer als Resümee. „Ich fand das Interesse beeindruckend, so gut platzierte Fragen und Daueraufmerksamkeit erlebt man bei Schülerinnen und Schülern, die hier sozialisiert sind, selten.“ Auch Heilinger zieht eine positive Bilanz und findet, „es wäre wirklich wünschenswert, wenn man mehr solchen Anschauungsunterricht machen könnte“. Finanziert werden konnte die Bildungsfahrt durch Spenden des „Lions Club Kempten“ und das Projekt „Deutsch lernen im Haus International“.

Christine Tröger/kb

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