"Wir wollen die Lauten und die Leisen"

Der Kemptener Weg, die Jugend zu beteiligen

PantherMedia B94942898
+
Ein Jugendparlament ist vorerst nicht geplant, dafür aber eine App, über die die Jugendlichen ihre Meinung äußern können. Wenn gewünscht, könne man aber zusätzlich ein Jugendparlament bilden.

Kempten – Alle Jugendlichen sollen an politischen Prozessen teilhaben können. Das ist das hehre Ziel, das sich die Stadt Kempten gesteckt hat. Gerade ist das Amt für Jugendarbeit dabei, den „Kemptener Weg“ für jugendpolitische Beteiligung und Bildung auf den Weg zu bringen. Wie der aussehen soll, stellte kürzlich Alina Alltag dem Jugendhilfe-Ausschuss vor.

„Grundsätzlich sollte bei allen planerischen Gedanken zu allererst die Frage gestellt werden: Wie können junge BürgerInnen beteiligt werden?“, erklärte Alina Alltag den Ausschussmitgliedern. Mehrere Möglichkeiten dafür werden gerade erarbeitet. So fand ein erstes Gespräch mit dem OB-Büro darüber statt, Jugendliche an Bürgerversammlungen zu beteiligen. Weil das Angebot niederschwellig möglich sein soll, wird es in den Jugendzentren und im Jugendhaus Workshops und Themenabende zu bestimmten städtischen Projekten geben. Als Probelauf könne hier die Spiel- und Bolzplatzgestaltung im Schwalbenweg dienen, die 2020/21 ansteht, erklärte Alltag. Auch eine digitale App, über die die Jugendlichen ihre Meinung zu bestimmten Themen äußern können, ist in der Pipeline. Die Verantwortlichen beim Amt für Jugendarbeit prüfen, ob die App über den Bayerischen Jugendring eine Förderung erhalten kann.

All dies läuft Hand in Hand mit den Schulen, wo ebenfalls über Projekte diskutiert werden soll. Auch die Schüler- und Klassensprecher und die SMVs würden eingebunden. „Ein schulartübergreifendes Netzwerktreffen von Lehrkräften der Realschulen und Gymnasien sowie dem Schulrat für Mittelschulen hat schon stattgefunden“, erklärte Alltag.Grundsätzlich sollen alle jungen Menschen im Alter von 12 bis 21 Jahren angesprochen und zur Beteiligung angeregt werden. Deshalb würden sich die Themen an genau an dieser Zielgruppe und deren Bedürfnissen orientieren, zum Beispiel zu Jugend, Kultur, Verkehr oder dem Flächennutzungsplan, der gerade neu aufgestellt wird. Zum Thema Klimaschutz wurde im Klimaschutzbeirat der Stadt schon ein Sitz für junge Menschen etabliert. Wichtig sei eine „Selbstwirksamkeitserfahrung“ für die Jugendlichen, also die Erfahrung, tatsächlich etwas bewirken zu können. Beteiligte Akteure brauchten Durchhaltevermögen und Risikobereitschaft, erklärte Alltag.

„Bitte keine Einbahnstraße“

„Echte Jugendbeteiligung bedeutet aber auch, dass die Jugendlichen ihre eigenen Themen setzen dürfen“, mahnte Erna-Kathrein Groll (Grüne) an. Flankiert wurde sie dabei von Stefan Keppeler vom Stadtjugendring. Der vermisste „den mobilen Ansatz“. Er sprach sich dafür aus, mit den Jugendlichen die fraglichen Plätze zu besuchen, um die es jeweils geht. Keppeler glaubte nicht, dass sich die Jugendlichen die spezielle Beteiligungsapp extra installieren. „Das muss so niederschwellig wie möglich gehen, zum Beispiel über Facebook oder Instagram“, forderte er. Weiter mahnte er an, dass der Planungsprozess nicht schnell genug gehe. „Mir fehlt der drive“, kritisierte er.

Helmut Berchtold (CSU) hatte Angst, dass die Diskussionen auf der App „ins Uferlose abgleiten können“. Vor Augen hatte er die Endlosdiskussionen auf Facebook. „Man kann mit jungen Menschen ohne Online-Tools nicht arbeiten“, war dagegen die Meinung von SJR-Geschäftsführer Alexander Haag, „es geht nicht ohne“. Auch Videos der Bürgerversammlungen könne man dort einstellen.

„Viel Unsicherheit kursiert gerade zum Thema Jugendparlament“, fand Regina Liebhaber (SPD). Für sie war es wichtig zu erwähnen, dass es sich beim Kemptener Weg um eine „erweiterte Form“ des Jugendparlaments handelte. Mit dieser Definition war Haag nicht einverstanden, stimmte aber mit Liebhaber überein, dass es der „erfolgversprechendste Weg“ sei. Ein Jugendparlament sei, falls gewünscht, nicht ausgeschlossen. Und Keppeler resümierte: „Ein Jugendparlament schließt eine aktive Beteiligung aller aus, weil dort gewählte Mandatsträger sitzen, die selbstbewusst ihre Meinung vertreten. Wir wollen aber alle – die Lauten und die Leisen, die sich zum Beispiel über die App äußern können.“

Susanne Lüderitz

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

"Grundeinkommen. Initiative Allgäu" lädt zum Bürgerdialog
"Grundeinkommen. Initiative Allgäu" lädt zum Bürgerdialog
Aktuelle Infos zum Corona-Virus in Kempten und im Oberallgäu
Aktuelle Infos zum Corona-Virus in Kempten und im Oberallgäu
Deutscher Meistertitel im Bouldern für Philipp Martin von der DAV-Sektion Allgäu-Kempten
Deutscher Meistertitel im Bouldern für Philipp Martin von der DAV-Sektion Allgäu-Kempten
ARD-Filme komplett im Allgäu gedreht 
ARD-Filme komplett im Allgäu gedreht 

Kommentare