Kirchenputzen ist eine Wissenschaft für sich

Saubere Sache!

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Mesner Raimund Lux sorgt jahraus, jahrein dafür, dass kein Stäubchen den Glanz des prachtvollen Inventars der St. Lorenz Basilika trübt.

Kempten – Es gibt Dinge, die nimmt man einfach als selbstverständlich hin. Dazu gehört beispielsweise die Tatsache, dass man beim Kirchenbesuch nicht über schneematschverkrustete Böden laufen, auf fleckigen Sitzpolstern sitzen und bei der Andacht auf zentimeterdicke Staubschichten oder Spinnweben an den Heiligenfiguren schauen muss. Wer aber sorgt eigentlich dafür, dass unsere Gotteshäuser immer picobello aussehen?

Die Recherchen zeigen schnell: Das Sauberhalten von Kirchen ist eine Wissenschaft für sich. Denn bei den teils denkmalgeschützten Gotteshäusern mit ihrem wertvollen Inventar gibt es einen ganzen Katalog von speziellen Pflegehinweisen zu beachten. Alte Holzfiguren und Altäre einfach mal schnell mit Wasser und Schmierseife abputzen? Um Gottes Willen bloß nicht! Die Monstranz mit dem Scheuerschwämmchen schrubben? Da schlägt Raimund Lux die Hände überm Kopf zusammen. Er ist seit 1989 hauptberuflich als Mesner an der Basilika St. Lorenz angestellt und als solcher – wie die meisten seiner Standeskollegen – unter anderem auch für das strahlende Erscheinungsbild „seiner“ Kirche verantwortlich. In diesem konkreten Fall bedeutet das, ein 40,5 Meter langes Langhaus mit 16,3 Meter hohen Mittelschiff, zwei Seitenschiffe, einen Chor mit einer 42 Meter hohen Kuppel, Gruft und Krypta, vierzehn Altäre, Beichtstühle, Emporen, wertvolle, jahrhundertealte Figuren und Reliquienschreine sowie das sonstige Mobiliar sauber zu halten.

Deswegen hängt der freundliche, ruhige Allgäuer jeden Freitag um 14 Uhr das rotorange Schild „Kirche wegen Reinigung geschlossen“ an die Türen, die dann für die nächsten zwei bis drei Stunden verschlossen bleiben, während Lux und eine Reinigungshilfe das vielfrequentierte Gebäude (im Sommer kommen gut 18.000 touristische Besucher hier herein) in einen sauberen Zustand zurückversetzen. „Wir putzen jede Woche sämtliche Böden, auch unter den Bänken, die drei Sakristeien, die Toilette, den Windfang am Eingang und entfernen Spinnweben. Das ist unser Grundprogramm“, erklärt Raimund Lux. „Den Rest machen wir nach Bedarf.“ Wie etwa Tannennadeln und den Christbäumen wegfegen in der Weihnachtszeit oder dergleichen. „Eine Putzmaschine nützt uns da nur bedingt etwas, denn in die vielen Ecken, Nischen und Altären mit Stufen kommt man halt nur von Hand dran“.

Auf jeden Fall müsse man aufpassen, dass man des Guten nicht zu viel tue, sonst könne man bei alten Kunstgegenständen mehr kaputt- als gutmachen. „Das Holz etwa darf man ja nicht mit Wasser putzen!“ betont er. Dafür stehen spezielle, ölgetränkte Reinigungstücher bereit. Auch an die Altäre, die oftmals blattvergoldet sind, muss man behutsam herangehen, „sonst reibt man das Gold weg“. Sowieso dürfe das ganze Gebäude nur mit von Reinigungsfirmen zugelassenen und TÜV-zertifizierten Putzmitteln geputzt werden. „Da gibt es strenge Vorschriften.“ Diese lernt man in der Mesnerschule in Freising, wo jedes Jahr um die 30 Mesner in einem sechswöchigen Lehrgang ausgebildet werden. Zur Ausbildung gehören eben auch besagte Reinigungsseminare. Dabei erläutern Experten des Landesamtes für Denkmalpflege oder Kunsthistoriker den richtigen Umgang mit den Schätzen: dass alte Messgewänder nur von Stoffrestauratoren bearbeitet werden dürfen; dass richtiges Lüften wichtig ist, damit die Orgel keinen Schimmel ansetzt. Ein Silberschmied erklärt, wie man die Kelche und Monstranzen putzt.

Wenn einmal im Jahr, am Montag in der Karwoche, die traditionelle Großputzaktion in der St. Lorenz Basilika stattfindet, bei der ein gutes Dutzend freiwilliger Helferinnen und Helfer einen Tag lang im ganzen Gotteshaus die Lappen und Staubwedel schwingen (solche gemeinsamen Großputzaktionen gibt es in vielen Gemeinden), hat Lux alle Hände voll zu tun. In erster Linie, um seinen emsigen Helfern genaue Anweisungen zu geben. Besonders delikat sei dann auch der Umgang mit dem Allerheiligsten, dem Tabernakel, sagt er. Da müssen die Hostien zuerst von einem Pfarrer oder Kommunionhelfer in die Priestersakristei übertragen und dort eingesperrt werden. Denn „wenn der Herr im Tabernakel ist, kann man es nicht putzen.“ Ohne den Leib Christi aber ist das Gefäß nur ein Gefäß. Bei den normalerweise unerreichbaren oberen Gewölben kam den Kemptenern vor drei Jahren übrigens der Zufall zu Hilfe. „Wegen Rissbildungen in den Gürtelbögen hatten wir Statiker hier. Die ließen ihre Hebebühne dankenswerter Weise zwei Tage länger stehen, sodass ich und mein Kollege das ganze Hauptschiff putzen und abstauben konnten“, erzählt Lux. „Mit Klettergurt und Karabiner gesichert haben wir sogar die oberen Gesimse in 18 Metern Höhe erreicht.“

Sabine Stodal

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