Neujahrsempfang der Grünen

"Wir brauchen den Politikwechsel"

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Stadtrat Thomas Hartmann bei seiner Neujahrsansprache im Haus International.

Kempten – Durch die vielen Wiesen und Weiden erscheint das Allgäu im landschaftlichen Sinne grün. Nach den Wünschen der gleichfarbigen Partei soll die Region künftig im politischen Sinne grüner werden.

Das verdeutlichten der Landtagsabgeordnete Thomas Gehring und der Kemptener Stadtrat Thomas Hartmann am Sonntag beim diesjährigen Neujahrsempfang der Grünen im Haus International. Die Partei „Bündnis90/Die Grünen“ befindet sich seit Längerem im politischen Aufwind. Im Gegensatz zu den anderen großen Parteien haben die Grünen keinen Mitgliederschwund zu beklagen, sondern können sich über einen kräftigen Zuwachs an Mitgliedern freuen. Beim seinem Neujahrsempfang im Haus International blickte der hiesige Kreisverband zuversichtlich auf die Landtags- und die Bundestagswahl, die im Herbst dieses Jahres anstehen. „Wir müssen auf allen politischen Ebenen wieder mehr Verantwortung übernehmen“, sagte der Landtagsabgeordnete Thomas Gehring in seiner Ansprache. Ebenso wichtig sei es, das Vertrauen in die Politik und Wirtschaft wieder zu stärken. Das Vertrauen in die Textilindustrie beispielsweise habe sehr gelitten, seitdem die unmenschlichen Produktionsbedingungen in Ländern wie Bangladesch, Pakistan und Indien bekannt wurden. 

"Wichtige Faktoren" 

Thomas Gehring schwebt ein anderes „Leitbild des Allgäus“ vor. „Eines, das nicht nur landschaftlich grün ist, sondern auch in unseren Visionen“, so der 54-Jährige. Touristen würden oft nicht bemerken, dass das Allgäu mehr als eine schöne Landschaft und Kühe zu bieten hat. „Andere Standortfaktoren sind hier wichtig.“ Der Ausbau des Breitbandinternets etwa sei viel wichtiger als die Erweiterung des Flughafens in Memmingen. Denn das schnellere Internet ermögliche einen besseren Datentransfer beispielsweise zwischen Dietmannsried und Shanghai. Ein weiterer wichtiger Standortfaktor des Allgäus sei die Bildung. Deswegen setzen sich die Grünen im bayerischen Landtag für ein längeres gemeinsames Lernen in der Grundschule ein, um den Kindern den Übertrittsdruck nach der vierten Klasse zu nehmen. Die individuelle Förderung der Schüler sei wichtig. „Wir brauchen hier wirklich Kompetenzen vor Ort für neue Modelle.“ Den Faktor „Kulturszene im Allgäu“ dürfe man nicht unterschätzen, denn Kultur finde nicht nur in den Metropolregionen statt. Ballungszentren hingegen könnten durchaus vom „Lebensgefühl im Allgäu“ lernen – denn „Heimatverbundenheit und Weltoffenheit passen sehr gut zusammen.“ Die Energiewende sei kein Ponyhof, das Ganze müsse parteiübergreifend auf den Weg gebracht werde. „Über Schwarz-Grün kann man durchaus diskutieren. Aber das ist schwierig bei einem Ministerpräsidenten, der jede Woche seine Meinung wechselt.“ Die Arbeit in der Opposition des Bayerischen Landtags sei zwar mitbestimmend, aber mühsam. „Wir brauchen den Politikwechsel bei den diesjährigen Landtags- und Bundestagswahlen“, bekräftigte Thomas Gehring. Einen Regierungswechsel forderte auch Thomas Hartmann. Der Vorsitzende der Kemptener Grünen-Stadtratsfraktion teilt nicht die Meinung des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück, dass die Bundeskanzlerin unterbezahlt sei. Nach der Meinung Hartmanns ist Angela Merkel „überbezahlt“. Das Einzige, was die Kanzlerin auszeichne, sei „die Klebefestigkeit ihres Hinterns an ihrem Stuhl“. Drastische und teils ironische Worte wählte Thomas Hartmann auch bei der Beschreibung der Kommunalpolitik in Kempten und dem gesamten Allgäu. Einerseits sollen Einzelhandelsgeschäfte mit einem Bedarf von rund 300 Quadrat- metern Fläche nicht gebaut werden – anderseits darf „ein großes Möbelhaus am Stadtrand“ entstehen. Damit spielte der Grünen-Politiker auf das große Bauloch gegenüber des Allgäu-Forums und das seit mehreren Jahren geplante Möbelkaufhaus „XXXLutz“ an. Das Alles sei der „Auswuchs einer Wachstumsgläubigkeit, der nicht mehr in die heutige Zeit passt“, so Hartmann. Das Gleiche gelte für den angedachten Flughafenausbau in Memmingen. „Kempten braucht ein neues Politikkonzept“, so Hartmann. Die Stadt benötige ein „Einzelhandelskonzept mit regionalem Bezug“. Der technische Betriebs- wirt Hartmann sprach auch die europaweite Finanzkrise an. „Am meisten daran ärgert mich die Unaufrichtigkeit. Das Problem ist schon bei uns angekommen, die Situation ist nur noch nicht so verschärft wie in Griechenland oder Spanien.“ Der Politik mangele es an „Ehrlichkeit und Offenheit, die ich jedoch auch bei unserer eigenen Parteispitze manchmal vermisse“, sagte Hartmann. Er wünschte den Gästen ein „menschliches und liebevolles Jahr 2013“. Für liebevolle und oft nachdenkliche Musik sorgte die Band „Two in Tune“ mit dem Gitarristen Dirk Horeth und der schwangeren Sängerin Sibylle Baldauf. Das Allgäuer Duo spielte eigene Lieder und Coverversionen wie „It’s a little bit funny“. Die talentierten Musiker sangen oft zweistimmig und mehrsprachig auf Englisch, Spanisch, Französisch und Deutsch. Man hörte förmlich, wie gut Heimatverbundenheit und Weltoffenheit zusammenpassen. Franziska Kampfrath

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