"Unterwegs" sein hat viele Gesichter

Das Kemptener Kunstkabinett greift ein zeitloses wie zeitgemäßes Thema auf

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Mit Parallelen zur Jetztzeit? „Der Flüchtling“ von Alfred Kubin.

Kempten – „Wir sind alle unterwegs, ob wir es wollen oder nicht“, ob sich gegenseitig stützend oder bremsend, sagt Galeristin Maria Farkas über das aktuelle Ausstellungsthema „Unterwegs“ im Kemptener Kunstkabinett.

Insgesamt beleuchten 85 Werke, darunter 14 von Mitgliedern der Trientiner Künstlergruppe „La Cerchia“, in Treppenhaus und den Ausstellungsräumen im 1. Stock, wofür, wohin und wozu wir unterwegs sind oder sein können. „La petite colombe“ (Die kleine Taube“), eine Lithographie von Pablo Picasso (1881-1973) gehört für Dr. Erich Farkas, der zusammen mit seiner Frau gerade noch letzte Hand bei der Beschriftung der Werke anlegt, „in die gleiche Familie“ wie die berühmte „Friedenstaube“ des großen Künstlers. Allerdings wirke diese kleine Schwester etwas „zerrupft“ und vor allem „erschöpft“ und daher irgendwie passend zur aktuellen Situation der Welt. 

Ein anderer Tipp von Farkas ist eine weitere Lithographie und zwar „Der Flüchtling“, des Österreichers Alfred Kubin (1877-1959), die kurz nach dem Krieg entstanden sei. Darauf wird ein Flüchtling von mehreren Männern geschlagen, getreten und malträtiert und von einem Herbeieilenden mit dem Messer bedroht – Farkas sieht in ihnen „Wiedergänger“ des heute bei vielen Menschen vorherrschenden Denkens. „Sehr bewegt“ habe ihn auch das Ölbild von Hilde Reiser, das zwar ohne Titel sei, aber nicht ohne Inhalt, erklärt er, was ihn an „Wanderer zwischen zwei Welten“ erinnert: Unten steht eine Familie im Licht mit nach oben gerichtetem Blick, zu den roten Gestalten am oberen Bildrand, „die schon angekommen sind“, wie Farkas sagt, und die den Menschen unten als Geister erscheinen (sichtbar als transparent wirkende Wesenheiten an den Bildrändern), „um sie zu leiten“. 

Erklärend fügt er das kenianische Wort „Ubuntu“ an, das so viel bedeute wie „ich bin, weil ich Teil einer Gemeinschaft bin“ und auch für Maria Farkas auf den Punkt bringt, dass alle miteinander verbunden sind. Dass auch sie Teil einer Gemeinschaft ist, hat sie durch die Ausstellung, die sie schon absagen wollte, einmal mehr erfahren. Wegen eines Unfalls sei sie nämlich körperlich stark eingeschränkt gewesen, erzählt Maria Farkas, doch durch die „spontane Bereitschaft mehrerer Künstler“, mit anzupacken, könne nun alles planmäßig stattfinden. Über die Jahre sei hier eben „eine Gruppe gewachsen“, deren Mitglieder die Arbeit der Galerie „schätzen und hochhalten“, freut sie sich, dass es nicht bei Lippenbekenntnissen geblieben sei. Mit im Boot ist seit nunmehr 30 Jahren die Künstlergruppe aus Trient, erinnert sie die Galeristin an den Beginn der Zusammenarbeit, als die Gruppe damals in Kempten weilte, man ins Gespräch gekommen und die Gäste aus der italienischen Partnerstadt vom Kunstkabinett begeistert gewesen seien. 

Inzwischen seien viele neue Namen dabei, sieht sie darin nicht nur eine wachsende Gruppe, sondern auch einen Generationenwechsel. Dass mit dem Rad „unterwegs“ sein in Italien offenbar ebenso gefahrvoll ist, wie in unseren Breiten, zeigt die Radierung „Transita ciclopedia“ von Teresa Razeto. Die zeitliche Spannweite der gezeigten Werke zum zeitlosen Thema „Unterwegs“ reicht vom 16. Jahrhundert bis in die Gegenwart. Unter den ältesten Exponaten, aus der Sammlung Dr. Wilhelm Maul, sind „Zwei schreitende Frauen mit Musikinstrumenten“, eine Federzeichnung von Francesco Primaticco (1504-1570), oder die Tuschpinselzeichnung „Römische Landschaft mit Brücke“ von Hermann van Swanevelt (1600- 1655) zu sehen; einen „Japanischer Don Quijote und Sancho Pansa“ hat Shunchosui Tokahasa (18. Jahrhundert) in Form eines schwarz-weiß Holzschnitts auf die Reise geschickt und auch der persische „Reiter auf weißem Pferd“ eines unbekannten persischen Malers aus dem 18. Jahrhundert, der auch die Einladungskarten sowie Plakate zur Ausstellung ziert, ist im Original ein Augenschmaus. 

Unter den verschiedenen zeitgenössischen Künstlern – meist aus der Region – ist die Wertacher Malerin Magdalena Willems-Pisarek mit einer ganzen Reihe ihrer farbintensiven Werke „unterwegs“. „Figures descendig a staircase“ hat Annette Zappe ihr aus Bronze und Eiche-Altholz gefertigtes Objekt mit starker Wirkung getauft. Von Gerhard Menger stammt die Ölmalerei „Auf“, die das beschwerliche Unterwegssein eines Rollstuhlfahrers thematisiert und dabei auch den Gemeinschaftsaspekt. Es ist ein vielfältiges und sehenswertes „Unterwegs“ sein, an dem Interessierte schon vor der öffentlichen Vernissage (Sonntag, 22. September, 11 Uhr) und zwar im Rahmen der KunstNachtKempten teilhaben können. Danach läuft die Ausstellung im Kemptener Kunstkabinett, Salzstraße 12, noch bis 27. Oktober und ist geöffnet Do/Fr/Sa jeweils 16-18 Uhr sowie sonntags und an Feiertagen 11-16 Uhr. Weitere Termine sind außerdem nach Vereinbarung möglich, unter der Tel. 0831/28 381. 

Christine Tröger

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