"Wir sind keine Jäger"

Mit dem Kemptener Ordnungsamt auf Streife in Zeiten von Corona

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Sie haben seit der Corona-Krise die Aufgabe, die Einhaltung der Corona-Regeln in der Öffentlichkeit zu kontrollieren und so weitere Ansteckungen zu verhindern: die Mitarbeiter des Kemptener Ordnungsamts.

Kempten – Seit März hat das Ordnungsamt die Aufgabe, die Corona-Regeln in der Öffentlichkeit zu kontrollieren.

Doch dabei machen sie sich aber nicht immer Freunde. Unterwegs mit einer Streife. 

„Ziehen wir bald in den Krieg?“, werden Horst L. und Richard P. von einer Frau auf dem Wochenmarkt angesprochen. Die beiden Mitarbeiter des Kemptener Ordnungsamts machen gerade einen Routinerundgang über den Hildegardplatz. „Nicht, dass ich wüsste“, ist Horst L. verdutzt und stoppt, um mit ihr zu sprechen. „Tragen Sie auch Schlagstöcke?“, will sie die Herren provozieren und wird lauter. Einige Marktbesucher drehen sich um. Horst L. und Richard P. zeigen ihr, was an ihren Hüften hängt: Taschenlampe, Schreibzeug, Handy, Notizbücher und Pfefferspray zur Selbstverteidigung – keine Schlagstöcke. 

Die Männer vom Ordnungsamt erklären ihr, warum sie hier sind: Überprüfung der Corona-Verordnungen und des Sicherheitsabstands sowie des regelkonformen Tragens der Schutzmasken. Die Frau beschwert sich über die Maskenpflicht und stellt in Frage, ob es das Coronavirus überhaupt gäbe. Nach einiger Zeit hat sie ihre Wut auf den Staat und das Ordnungsamt abgelassen und geht weiter. Provozierende oder wütende Bürger seien eher die Seltenheit, stellen L. und P. klar, als sie ihren Rundgang fortsetzen. „Emotionen prallen an der Uniform ab“, sagt P. „Wichtig ist aber vor allem, in jeder Lage ruhig und sachlich zu bleiben“, fügt L. hinzu. 

"Viele Kunden haben keine Maske getragen" 

Seit März haben die Mitarbeiter des Ordnungsamt die Aufgabe, die Einhaltung der Corona-Regeln in der Öffentlichkeit zu kontrollieren. So sollen sie dazu beitragen, dass sich Bürgerinnen und Bürger nicht untereinander anstecken. Auf ihren Streifen überprüfen sie die Auflagen in Innenstadtbereichen wie dem Kemptener Wochenmarkt. Dort sei die Lage nach dem Lockdown im Mai noch chaotisch gewesen, erinnern sie sich. „Viele Kunden haben keine Maske getragen und sind auch auf dem Markt verblieben.“ Mehrere Wochen lang wurden Aushänge verteilt und aufgeklärt. „Mittlerweile ist das besser“, sagen sie. Grundsätzlich müssten nur die Verkäufer und kaufende Besucher an den Ständen Masken tragen. Aus Vorbildfunktion tragen sie aber auf dem gesamten Hildegardplatz ihre Schutzmaske. 

Während sie über den Markt gehen, prallen ihnen immer wieder skeptische Blicke entgegen. Als Knöllchenschreiber, Bußgeldverteiler oder Partystopper ist ihr Berufsstand verschrien. Auflagen kontrollieren, ermahnen und bei Not auch Bußgelder verteilen. Das gehört zu ihrem Job – auch in Zeiten von Corona. Freunde machen sie sich daher selten. „80 Prozent der Leute nehmen uns positiv wahr“, ist L. aber überzeugt. „Die Händler hier freuen sich, wenn wir da sind“, sagt er. Das Wort „Manche“ schiebt er hinterher. Einige gucken misstrauisch, als das Ordnungsamt an ihren Ständen vorbeispaziert, andere grüßen freundlich. Mit einem Obsthändler kommen sie sogar ins Gespräch. „Ordnung muss sein. Das ist wie im Verkehr“, bewertet dieser hinter seinem Corona-Visier die Arbeit des Ordnungsamts und zeigt den beiden einen Daumen. 

"In diesem Beruf sollte man auch mal unbequem sein können" 

L. (42) war vorher bei der Polizei und wechselte in das Ordnungsamt, als die Behörde gegründet wurde. P. (44) arbeitete zuvor im Einzelhandel und suchte eine „neue berufliche Herausforderung“, wie er sagt. „Es war ein Volltreffer“, bewertet er seinen Jobwechsel. Beide genießen die täglich wechselnden Herausforderungen und den Kontakt mit den Menschen. „Für diesen Beruf sollte man gut zu Fuß und im Umgang mit Menschen sein“, sagen sie. „Außerdem sollte man auch mal unbequem sein können“, fügen sie hinzu. „Wir sind aber keine Jäger. Wir wollen bei jeder Aktion erklären, warum wir so handeln“, betont P. Neben der Kontrolle von Corona-Regeln zählen auch die Überprüfung vieler anderer Verordnungen und der Verkehrskontrolle zu ihrem Job. Mehrere hundert Seiten Gesetzestexte müssten sie dafür auswendig können. 

Dazu komme, dass sich die Corona-Auflagen regelmäßig änderten. „Schnell mal den Paragrafen googeln, das ist nicht drin“, so L. So auch im Falle eines Mannes auf dem Markt. Er spricht L. mit seinem Vornamen an und beklagt sich über ein Bußgeld Ende April. Er ist Barista und hatte mit einem Kunden einen Kaffee getrunken und seine Maske nur unter dem Kinn getragen. Damals war aber nur der Verkauf von ToGo-Bechern erlaubt. Die Männer vom Ordnungsamt erklären das damalige Vorgehen auf Basis der Verordnungen. Am Bußgeld lässt sich nicht rütteln. Wutenbrannt stapft der Mann davon. 

Corona wird weiter auf der Tagesordnung stehen 

Dass der Mann ihn namentlich angesprochen hat, überrascht L. Sein Name stünde auf den Bußgeldbescheinigungen. Doch für diesen Artikel möchte er ungern seinen vollen Namen angeben. Er erzählt von einem Kollegen, dessen Bußgeldschein auf Facebook gelandet sei. Anschließend wurde zur Jagd auf ihn aufgerufen. Über Wochen hinweg seien Fremde in seiner Nachbarschaft herumgeschlichen. Das möchte L. gern verhindern. „Einen vorbildlichen Eindruck“ mache der Wochenmarkt an diesem Mittwoch, sagen die beiden Ordnungshüter nach dem Rundgang. Nur einen Kunden, der seine Maske am Kinn trug, mussten sie an ordnungsgerechte Verwendung erinnern. 

Weiter geht es zum Residenzpark und die Fischerstraße hoch bis zum Allgäu Forum. Dort ist an diesem Morgen mit Nieselregen wenig los. Straßenmusiker spielen vor leerem Publikum, die Fahrradfahrer steigen artig vom Sattel und auch Bettler halten sich an die Regeln. Wie sich ihre Arbeit sich in den kommenden Wochen und Monate verändern werde? Das könnten sie noch nicht vorhersagen. Das Thema Corona wird vermutlich weiter ganz oben auf der Agenda stehen. Natürlich sei in Zeiten von Corona nichts vorhersehbar. Sie glauben persönlich nicht, dass es zu einem zweiten Lockdown kommen werde. Aber eines ist klar: Mit Schlagstöcken in den Krieg ziehen – das werden sie nicht tun. 

Cian Hartung

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