Kemptener Physiotherapeut behandelt Geflüchtete

"Wir leben in einer Blase": Ein Kemptener auf Lesbos

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„Das wirkt wie ein Leichenberg.“
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Olive Groves: Bis zu fünf Familien leben hier in einem Zelt.
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An der Küste sind Freiwillige mit Auto und Fernglas unterwegs, um gerade in den gefährlichen Küstenbereichen mit vorgelagerten Felsen reagieren zu können, bevor ein Boot zerfetzt wird und die Menschen ertrinken.
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Die Einheimischen helfen engagiert, fühlen sich von der EU aber im Stich gelassen.
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Ein Grieche stellt seine Hütte als Praxisraum für physiotherapeutische Behandlungen zur Verfügung.
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Im Innern der "Praxis": Zwei Physiotherapeuten und ihre Patienten.

Kempten – Wie wir die Welt sehen, messen wir an den Bildern und Eindrücken, die uns tagtäglich umgeben. Wir Kemptener und Allgäuer sind geprägt von einem Alltag, der uns auch mal Schneekatastrophen beschert oder solche Ärgernisse wie das große Loch. "Aber das hier ist eine heile Welt", sagt Marius Eisele, 26 Jahre alt, von Beruf Physiotherapeut. Der Kemptener hat in den vergangenen Monaten ganz andere Facetten dieser Welt kennengelernt.

Moria heißt das riesige Lager auf der griechischen Insel Lesbos, in dem Geflüchtete nach ihrer Fahrt übers Mittelmeer zunächst unterkommen, bevor sie die Erlaubnis erhalten, aufs Festland weiterzureisen. Für 3000 Personen sei das Lager ursprünglich ausgelegt, erzählt Marius Eisele, doch momentan wären es über 10.000 Menschen, die dort leben. 

Sie alle werden von gerade einmal zwei Ärzten versorgt – eine ganz andere Ärztedichte, als wir sie von unserer Region kennen. Diese beiden Ärzte werden vom Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) bezahlt. Verschiedene NGOs, wie Ärzte ohne Grenzen, versuchen, diese beiden in ihren Aufgaben zu unterstützen. 

„Der Bedarf an medizinischer Hilfe ist groß“, so Eisele. Kriegsverletzungen, oft auch durch Tretminen verursacht, Verletzungen durch Folter, auch psychosomatische Verletzungen, Schmerzen, die durch die traumatischen Erlebnisse ausgelöst wurden, zählt er auf und ergänzt: „Man kann sagen, dass die meisten, die aus Afrika geflohen sind, Foltererfahrungen gemacht haben oder vergewaltigt worden sind.“ 

Einige Männer haben ein provisorisches Fitnessstudio aufgebaut, in dem Eisele selbst gelegentlich trainiert hat. „Es war brutal, dort die Körper der Menschen zu sehen, ihre Verletzungen.“ Er erzählt von einem Mann, der am ganzen Körper Verbrennungen von Glüheisen hatte. 

Marius Eisele engagiert sich für eine kleinere medizinische NGO, der Medical Volunteers International. Die Organisation verfügt nur über wenig finanziellen Spielraum, Operationen durchzuführen, wäre nicht möglich. So sei die Idee entstanden, erzählt er, die medizinische Versorgung durch ein Physiotherapie-Angebot zu verbessern. Er selbst sei der erste Physiotherapeut gewesen, der für die NGO seine Arbeit auf Lesbos aufgenommen habe. Sein Arbeitgeber habe ihm ermöglicht, dafür eine Auszeit von sieben Monaten zu nehmen. 

Richtige Praxen gibt es vor Ort nicht. Also musste improvisiert werden. Ein Einheimischer, so Eisele, habe eine Hütte in der Nähe des Lagers zur Verfügung gestellt, die zur provisorischen Praxis umfunktioniert worden sei. Überhaupt: Die Einheimischen haben sich auf die neue Rolle der Insel eingestellt. „Viele helfen engagiert mit“, erzählt Eisele. Im Norden, in einem winzigen Fischerdorf namens Skala Sykamineos – es umfasst etwa 20 Häuser – hätten die Menschen zuvor von Fischerei und Tourismus gelebt. Letzterer Wirtschaftszweig sei längst weggebrochen. „Als die Fahrten mit dem Fischerboot hinaus aufs Meer immer häufiger unterbrochen wurden, weil die Fischer Geflüchtete vor dem Ertrinken retteten, war klar: Sie müssen helfen.“ Anfangs hätte dafür die Infrastruktur gefehlt. Von Seiten der EU sei nichts geschehen, haben Einheimische Eisele berichtet, deshalb sei die Erleichterung groß gewesen, als die ersten NGOs aufschlugen und bei der Strukturierung der Rettungsmaßnahmen halfen. Heute ist in diesem Dorf auch Medical Volunteers International stationiert. 

Um Sprachbarrieren zu überwinden, hatte Eisele Hilfe eines Geflüchteten aus Afghanistan. Nasim ist Anfang Zwanzig, nach einem islamistischen Attentat auf ihn und seine Kommilitonen ist er geflohen. Inzwischen ist er seit fünf Jahren auf der Flucht. „Jetzt hat er es auf das griechische Festland geschafft“, sagt Eisele, der weiterhin mit ihm Kontakt hält. Wohin Nasim von dort aus gelangt, ist unklar. „Nasim hat in der Lebenslotterie Pech gehabt. Wäre er in Deutschland geboren, würde er jetzt sicher Arzt werden“, vermutet Eisele. Er sei nämlich ein sehr kluger Mann, der während seiner Übersetzungstätigkeit schnell medizinisches Fachwissen aufgeschnappt habe und sich sehr dafür interessiere. 

„Eine ganze Generation an gebildeten Leuten geht da gerade kaputt“, so Eisele weiter. Nasim war es auch, der Eisele ins Innere des Lagers mitgenommen hat, dorthin, wo dieser eigentlich keinen Zugang hat. 

Moria ist abgeschottet: Eingezäunt wie ein Gefängnis und wird von Sicherheitspersonal streng bewacht. Hier gibt es sogar ein „Gefängnis im Gefängnis“. Wer aus einem Land mit geringer Asylquote kommt, etwa Marokko, wird dort bei Ankunft interniert. Hier hat kein Außenstehender Zugang, Betroffene berichten von struktureller Gewalt, „bedrückend“, seien die Zustände, hat Eisele vor Ort erfahren. 

Um das Lager herum sind inzwischen „Olive Groves“ entstanden: Kleinere Lager im Olivenhain für diejenigen, die keinen Platz mehr in Moria hatten. Auch hier leben bis zu fünf Familien in einem Zelt zusammen, das etwa zehn Quadratmeter misst. Im Sommer extrem heiß, im Winter zu kalt. Die beengten Verhältnisse, der Hunger – vor allem im Lager müsse jeder rund zwei Stunden für eine Mahlzeit anstehen, sagt Eisele – die fehlende Selbstbestimmung: All das zermürbe. 

Dazu komme, dass die meisten nicht viel tun können, außer zu warten. Keiner kann Schulunterricht besuchen, eine Ausbildung machen, Lebenspläne verwirklichen. Es dauere oft Jahre, bis einzelne weiterreisen dürfen. Sie benötigen dafür den „Blue Stamp“, Afghanen etwa erhalten den nach ein bis zwei Jahren. „Unter solchen Umständen entstehen oft posttraumatische Belastungsstörungen“(PTBS), sagt Eisele. 

Es gebe Kleinigkeiten, mit denen diesen vorgebeugt werden könne. Selbstwirksamkeit und Selbstbestimmung etwa seien wichtige Faktoren, um einer PTBS entgegenzuwirken; das Gefühl, der Situation nicht völlig machtlos ausgeliefert zu sein: Die Bootsfahrt übers Meer sei nicht nur lebensgefährlich, sondern wirke traumatisierend, deshalb versuchen die Freiwilligen, den Ankommenden mit einfachen Entscheidungsfragen (etwa: „Möchtest du lieber die blauen oder grünen Socken?“) dabei zu unterstützen, diese Selbstwirksamkeit wiederherzustellen. 

Eisele hatte dazu genügend Gelegenheit. Neben der medizinischen Hilfe hat er auch Schichten in der Seenotrettung übernommen. Das heißt: Von sieben Uhr abends bis sieben Uhr in der Früh patrouillierte er an der Küste mit Auto und Fernglas, um gerade in den gefährlichen Küstenbereichen mit vorgelagerten Felsen reagieren zu können, bevor ein Boot zerfetzt wird und die Menschen ertrinken. 

Bis zu sieben Boote kommen pro Tag an, meist mit Flüchtenden aus Syrien, Afghanistan, Palästina, Kurdistan, dem Kongo, dem Irak und dem Iran. Rund die Hälfte davon sind Kinder. Diese Zahlen, jedes einzelne Boot, werden festgehalten von der norwegischen „Aegean Boat Report“. 

Eisele hat einige Bilder dabei, die diese Zahlen noch viel eindrucksvoller darstellen. Im Norden von Lesbos werden in einer riesigen Grube die Rettungswesten und Schwimmflügel aller Angekommenen gesammelt, eine riesige Müllhalde. „Jede Weste steht für ein Schicksal, erzählt von einem Menschen, der unter Lebensgefahr geflohen ist und jetzt irgendwo in Europa unterwegs ist, nachdem er sein altes Leben aufgegeben hat.“ 

Oder er ist längst tot. Einer von zehn stirbt – wobei diese Zahl schwankt, sie hängt davon ab, ob die Seenotrettung aktiv ist oder nicht. „Dieser Berg von Rettungswesten“, so Eisele, „wirkt auf mich wie ein Leichenberg.“ Deshalb könne er nicht verstehen, welche Reaktionen das Thema Flucht auch hier immer noch hervorruft. „Das habe ich kürzlich wieder gemerkt, als ich mit der Seebrücke Kempten einen Stand in der Innenstand hatte“, erzählt Eisele. Passanten seien an ihn herangetreten, die menschenverachtendes („Die steigen doch freiwillig ins Boot!“) bis hin zu rassistischen Verschwörungstheorien („Die fallen in Europa ein, um uns einzunehmen!“). 

Eisele lacht. „Als ich mit den Kindern dort gespielt habe, hatte ich nicht den Eindruck, dass sie Europa bestürmen werden.“ Aber, so Eisele weiter, es sei traurig, dass es angesichts der Gesamtbevölkerung so wenige Menschen sind, die an den Grenzen versuchen, die viel gelobten europäischen Werte hochzuhalten. 

Die Freiwilligen verzichten in dieser Zeit auf Lohn, müssen ihre Sozialversicherung allein tragen, Unterstützung gibt es nicht. Manche der Freiwilligen nutzen daher ihren Jahresurlaub, um zu helfen. „Wir leben hier in Kempten in einer Blase“, betont Eisele, „und bemerken nicht, was gerade in der Welt los ist und wie privilegiert wir hier sind.“ 

Zum Nachdenken gebracht hat ihn die Begegnung mit einem kleinen Somalier: „Er ist acht oder neun Jahre alt. Wir haben oft miteinander gespielt und Sport gemacht. Als ich mich von ihm verabschiedet habe, hat der Junge mir viel Glück gewünscht – dabei bin ich weiß, Deutscher, komme aus einer Mittelstandsfamilie, habe alle Möglichkeiten dieser Welt. Es hat mich aufgewühlt, dass mir der Junge Glück gewünscht habe, wo es mir doch so gut geht und ihm schon in dem jungen Alter so viele Steine im Weg liegen.“ 

Ab Dezember wird Marius Eisele, diesmal mit einen eigens organisierten Hilfsgütertransport, sich erneut auf den Weg nach Griechenland machen, um dort zu helfen und die Welt wieder aus einem anderen Blickwinkel zu sehen.

Wer Kleiderspenden oder sonstige Unterstützung bieten will, kann sich bei Marius Eisele unter seebruecke.kempten(at)gmx.de melden. Besonders wichtig ist Kleidung für diejenigen, die völlig durchnässt die Küste erreichen: Schuhe in Größe 34 bis 43, Hosen, T-Shirts, Pullover in S und M und Leggings in allen Größen. 

Martina Ahr

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